von am 11. Dezember 2012

Alt-Rixdorf bleibt sich treu. Gebrannte Mandeln, weihnachtliche Blasmusik und glänzende Kinderaugen prägen – wie bereits in den letzten Jahren – auch diesmal das Bild auf meiner Entdeckungstour über den Weihnachtsmarkt am Richardplatz.

Der alljährlich am zweiten Adventswochenende stattfindende gemeinnützige „Jahrmarkt“ rund um die alte Dorfschmiede ist seit eh und je für Kind und Kegel eine besinnliche Tradition. Seit genau vierzig Jahren wird so ein verlängertes Wochenende Rixdorfs historische Seele  zum Leben erweckt. Märchenhütte, gemeinnützige Werkstattarbeit und Likörverkauf– das alles gehört dazu. Wenn dann auch noch das Wetter mitspielt, wie in diesem Jahr, steht der beseelten (Vor-)Weihnachtsstimmung nichts mehr im Wege. Schneetreiben, Rutschpartien und natürlich Glühweintrinken gehörten für mich auf meinem Spaziergang durch die Menschenmenge dazu.

Rund um den Richardplatz findet der historische Weihnachtsmarkt seit 40 Jahren statt.

Sind wir hier überhaupt noch in Neukölln?

Diese Frage kam damals bei meinem ersten Besuch schnell auf, als ich mich im historischen Ambiente des Richardplatzes umsah. Dem Gefühl nach jedenfalls nicht. Die Umgebung hinterlässt bei mir und sicher auch bei anderen Besuchern immer den Eindruck, sich in einem Dorf zu befinden. Die ehemals böhmische Siedlung zeigt noch viel von der Geschichte des Bezirkes. Am ehemaligen Gemeindeanger von Rixdorf finden Besucher Gebäude, die bereits viele verschiedene Epochen miterlebt haben und so die älteste Bausubstanz Neuköllns darstellen. Darunter ist die Bethlehemskirche. Das Familienfuhrunternehmen Schöne gibt es bereits seit 1894 vor Ort. Auch die gastronomischen Einrichtungen am Platz und in den Nebenstraßen – wie das „Alt-Rixdorfer Kartoffelhaus“ – atmen die Geschichte des Ortes und weisen damit über die weihnachtliche Feierlichkeit hinaus. Kulinarik wird damals und heute auf dem Markt groß geschrieben. Bereits in den 1980er und 1990er Jahren wurde neben traditionellen Grillspezialitäten wie Rostbratwurst auch internationale Küche angeboten und das für einen guten Zweck. Selbstgebackener Kuchen, Selbstgestricktes, Selbstgebasteltes und andere Formen von Handwerkskunst sowie Waren aus zweiter Hand stehen zu moderaten Preisen zum Verkauf. Freundliche, zufriedene Gesichter der Ehrenamtlichen sehe ich an fast allen Ständen. Auch wenn auf dem karitativen Markt sicher keine riesigen Einnahmen getätigt werden. Gemeinschaftssinn, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit stehen im Vordergrund der Veranstaltung, bei der sich mehr als 100 Vereine, Organisationen und Verbände bereits seit Jahren engagieren.

Dorfatmosphäre, gute Preise und biblische Elemente

Die beschauliche Dorfatmosphäre auf dem belebten Markt wird auch dadurch gefördert, dass keine Musik aus Lautsprechern über den Platz tönt. Keine blinkenden Fahrgeschäfte und Neonscheinwerfer tauchen den Ort in Licht sondern Petroleum- und Gaslampen hängen an den Ständen und werden zu ihren Standorten durch die Menge transportiert. Die Straßenbäume und viele umliegenden Häuser sind feierlich mit Lichterketten geschmückt. Im Gegensatz zu manch anderem Weihnachtsmarkt  kostet der Glühwein hier zwischen  1-1,50 € und schmeckt trotzdem oft (manchmal auch gar nicht) wie hausgemacht – nach all den schönen Gewürzen und Früchten, die ich mit Weihnachten verbinde.

Auf meinem Weg über den Platz leuchtet rot an einem der Stände, wo Erbseneintopf, Grünkohl und andere kulinarische Leckereien gegen einen Unkostenbeitrag ausgeschenkt werden, das Kreuz der gleichnamigen Hilfsorganisation und erinnert mich an das Zeichen der Johanniter. Der ehemalige Ritterorden gründete hier im 14. Jahrhundert  die Siedlung „Richardsdorp“. Heute ist die christliche Hilfsorganisation symbolisch noch im Wappen des Bezirksteiles Rixdorf vertreten.

Neben der Gemeinnützigkeit finde ich auch ein wenig Kommerz auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt. Bunt bedruckte, mit Helium befüllte Luftballons werden an der Ecke Kirchhofstraße und Karl-Marx-Platz verkauft. Aber auch das ist bereits lange so. Ein wenig hat sich die Atmosphäre aber doch geändert. Der Leierkastenmann wird in den letzten Jahren vermisst. Das Glücksrad kostet heute einen Euro und nicht mehr zwanzig Pfennig, wie noch Ende der 1980er Jahre.

Eine Innovation ist das Projekt von „wirBerlin“ und „Service in the city“, einer Initiative aus mehreren Partnern der Stadt Berlin, die in diesem Jahr kleine, verschließbare Taschenaschenbecher verteilten und damit dafür sorgen wollen, dass weniger Zigarettenreste herumliegen.

Die Bürgerstiftung Neukölln, die sich insbesondere für ein multikulturelles Neukölln engagiert, verkauft vor Ort Bücher aus zweiter Hand und Allerlei mehr. Neben dem Stand steht sinnbildlich – in Pappform – die zum angestammten Personal des Weihnachtsmarktes gehörende Polizeikapelle. Das abwechslungsreiche Bühnenprogramm der Neuköllner Vereine sowie der bezirklichen Musikschule sorgt  für feierliche Stimmung und ergänzt die wiederkehrenden, zahlreichen Attraktionen wie zum Beispiel das Ponyreiten. Auch biblische Elemente wie die Kamele mit den drei Weisen aus dem Morgenland sind wichtige Weihnachtstraditionen am Richardplatz.

Aktuelle Fotos von Anett Löffler
Archivmaterial ©Museum Neukölln
In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

 

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