von am 20. Juni 2017

„Jeder Mensch hat Dunkelheit in sich und sollte Tanzen oder einen anderen Weg finden, um sie herauszulassen“, sagen Nora Maria Markt und Sophie Castelli. (Foto: Stefan Weger)

Man könnte meinen, Kunst auf Friedhöfen sei nur für Anhänger dunkler Mächte in schwarzen Lederoutfits spannend. Das Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ räumt mit diesem Klischee ordentlich auf.

Fotos: Stefan Weger

Zwischen Hermannstraße und Tempelhofer Feld liegt der denkmalgeschützte Friedhof St. Thomas. Dieser grüne Ort mit seiner langen Platanenallee scheint das Thema Schatten für sich gepachtet zu haben – und nun kommt 48 Stunden Neukölln mit eben diesem Thema daher. Rechts der Allee hockt die 1870 mit rotem Backstein erbaute, neogotische Friedhofskapelle. In ihrem ehemaligen Leichenkeller wird nun getanzt, performt, projiziert und ausgestellt.

Begebt euch in den Schatten der Friedhofskapelle und entdeckt die dunkle Seite der Kunst. (Foto: Stefan Weger)

Der Bonner Künstler Jan Fritzsche hat durch seinen Beruf als Altenpfleger einen direkten Bezug zu Sterben und Tod und setzt mit seiner Lichtinstallation „Schatten unserer Freiheit“ seinen Schwerpunkt auf diesen so gern ignorierten und verdrängten Komplex.

Seine Lichtquellen sind Taschenlampen – als Metapher für die verblassenden Erinnerungen an die Verstorbenen – und seine Schatten Siebdrucke von Mauertoten. „Ich habe mich nun drei Monate mit dem Thema auseinandergesetzt und es war erschreckend, wie viele Menschen für unsere so selbstverständliche Freiheit sterben mussten“, sagt Jan Fritzsche. „Ich wecke mit der Installation Gefühle und Erinnerungen. Sie verblassen, wie das sterbende Licht der Taschenlampen sobald die Batterien nachgeben.“

Erinnerungen kommen und gehen – wie die Rauminstallation des Künstlers Jan Fritzsche. (Fotos: Jan Fritzsche)

Zur gleichen Zeit werden Fotos von Ariane Handrock gezeigt, auf denen Grabmalkunst zu sehen ist. Die Künstlerin schließt vom Aussehen der Grabmäler auf die Berufe Verstorbener. Ihre Bilder zeigen, wie weit der Ruhm von Künstlerinnen durch von Angehörigen und Fans gestaltete Gräber über ihren Tod hinaus strahlt.

Die Inspiration zum Projekt „Schattenkünstler“ fand Ariane Handrock in ihrer früheren Nachbarschaft: „Als ich noch im Richardkiez wohnte, kam ich dort manchmal am Esperantoplatz vorbei. Damals wusste ich nur, dass Esperanto eine erfundene Weltsprache ist. Bei einem Besuch des jüdischen Friedhofs im Warschauer Ortsteil Wola entdeckte ich dann das Grabmal des Esperanto-Erfinders Lazaro Ludoviko Zamenhof, der von 1859 bis 1917 lebte. Es fiel mir wegen seines ungewöhnlichen Designs auf. Das machte mich so neugierig, dass ich anschließend über den Verstorbenen und sein Grabmal recherchiert habe.“

Das kunstvolle, ungewöhnliche Design der Grabmäler weckt die Neugier und macht auf die darunter ruhenden Kreativen aufmerksam. Friedhöfe werden so zu besonderen Open Air-Galerien.

Das Bild vom Grab des Esperanto-Erfinders L. L. Zamenhof nennt die wissenschaftliche Fotografin, Musikwissenschaftlerin, Judaistin und evangelische Theologin „Esperanto for ever“. (Foto: Ariane Handrock)

Einen besonders intensiven Eindruck hinterlässt die Tanzperformance „Raum im Raum im Raum im Raum“ von Nora Maria Markt und Sophie Castelli, die als Künstlerkollektiv s-u-ono zusammen arbeiten. Die zwei Tänzerinnen erschaffen eine soghafte Faszination, ertasten und ertanzen den alten Leichenkeller Stück für Stück und scheinen mit aufnehmendem Tempo mehr Raum zu erschaffen, als in der Realität da ist.

Während sie sich auf den Stufen der Kapelle aufwärmen, erzählen die beiden Tänzerinnen von ihren eigenen Schatten. „Unser Stück ist ein Prozess, ein Ritual und eine Art Wiedergeburt. Zwischen den Extremen Dunkelheit und Licht, Tod und Leben ist der Schatten. In ihm liegt die Wahrheit und Vollkommenheit. In unserer Gesellschaft wollen alle nur im perfekten Licht glänzen und das macht die fiesen, dunklen Dinge, die ans Licht wollen, nur schrecklicher. Wir wünschen uns weniger Verdrängung und mehr Akzeptanz. Beides zusammen würde so viel Dunkelheit einfach entkräften.“

Nora Maria Markt und Sophie Castelli lernten sich bei ihrer tanztherapeutischen Ausbildung kennen und erarbeiteten die Choreografie gemeinsam. (Foto: Stefan Weger)

Weil Tod ohne Leben genau so wenig existiert, wie Dunkelheit ohne Licht, empfehlen wir diesen vielschichtigen Ort allen, die sich aus dem extremen Perfektionismus herauswagen und sich trauen, auch die Schattenseiten wahrzunehmen. Zudem bieten Kapelle und Leichenkeller garantiert eine angenehme Abkühlung am voraussichtlich heißesten Kunstwochenende Neuköllns.

Das Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ findet vom 23. bis 25. Juni an vielen verschiedenen Orten im Bezirk statt und steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Schatten“. neukoellner.net ist Medienpartner.

 
Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.