„Alle wollen das Authentische“

Das „48 Stunden Neukölln“-Festival gönnt sich zum 20. Jubiläum ein neues Logo, in dem es ordentlich knallt. Neu ist auch, dass es in diesem Jahr erstmals eine Förderung vom Berliner Senat gibt. Darüber und natürlich auch über das Programm, über das diesjährige Thema „Neue Echtheit“ und über Veränderungen in der freien Kunst- und Kulturszene Neuköllns sprachen wir mit den Festivalorganisatoren Thorsten Schlenger und Martin Steffens.

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Donnerstag, 21. Juni 2018

Nk.net: Nach „Schatten“ und „Satt“ habt ihr euch in diesem Jahr mit „Neue Echtheit“ für ein, auf den ersten Blick, eher sperriges Festivalthema entschieden. Wie seid ihr auf den Titel gekommen?

Thorsten Schlenger: Es war ein längerer Prozess, bei dem am Ende basisnah entschieden wurde. Wir haben, wie auch schon in den Jahren zuvor, die Akteure hier in Neukölln gefragt, was ihre Themen sind. Es kamen dann um die 70 Einsendungen, aus denen wir Begriffe und Themenfelder destilliert haben. In diesem Jahr ergaben sich zwei Elemente, die gleichberechtigt neben einander standen: Das eine war der Begriff „echt“ und das andere war „jetzt“, also das Zeitphänomen und die „as soon as possible“-Gesellschaft. Es kam dann schnell der Gedanke auf, dass wir im Zeitalter der Digitalisierung das Echte vielleicht erst wieder neu lernen müssen. Die zwei Pole ließen sich also wunderbar miteinander verbinden.

Martin Steffens: Der Titel ist natürlich auch eine Anspielung auf eine Bezeichnung für eine potenziell neue Kunstrichtung im Sinne von „Neue Sachlichkeit“. Wenn wir als Thema „Neue Echtheit“ setzen, tun wir ein bisschen so, als würde es so eine Kunstströmung schon geben. Die kann dann von den Künstlern und Künstlerinnen im Rahmen des Festivals ganz unterschiedlich definiert und ausgefüllt werden.

Wann empfindet ihr persönlich Kunst als echt?

Thorsten Schlenger: Ich glaube, dass Kunst einen sowohl mental, als auch emotional irgendwo abholen muss. Und es gibt Werke, die super verstörend sind und Werke, die zugänglicher sind, aber irgendwo muss es etwas mit mir machen. Und dann gibt es diesen ganzen Bereich, der für uns noch völlig unerforscht ist und der die Frage nach der Echtheit nochmal auf eine andere Weise stellt: Virtual Reality (VR) wird in diesem Jahr eine große Rolle spielen.

Martin Steffens: Es gibt insgesamt sechs Projekte, die mit VR-Experience arbeiten und bei denen die Besucher in den riesigen Möglichkeitsraum der virtuellen Realität eintauchen können. Gerade weil es so technikbasiert ist – wann fängt das eigentlich an, Kunst zu sein? Und welche Gefahren birgt diese überwältigende und mächtige Technik? Auf dem Festival wird es zu diesem Thema auf jeden Fall kontroverse und vielschichtige Anlässe zur Diskussion geben.

Die „48 Stunden Neukölln“ jähren sich in diesem Jahr zum 20. Mal. Wie zollt ihr dem Jubiläum Tribut?

Martin Steffens: Wir haben eine Publikation vorbereitet, in der wir nochmal Revue passieren lassen, was in den letzten zwei Jahrzehnten Festivalgeschichte passiert ist. Sonst blicken wir aber eher nach vorn, als zurück. Es wird auch keine Jubiläumsfeier geben, in der wir uns selbst feiern, das ist beim 25. Geburtstag dann auch besser aufgehoben.

Thorsten Schlenger: Wir werden ja das erste Mal in 20 Jahren vom Berliner Senat gefördert und das ist eigentlich der viel wichtigere Meilenstein, denn wir sind endlich und hochoffiziell in die Reihe der stadtpolitisch relevanten Festivals aufgestiegen. Vorher hieß es ja immer: Da steht Neukölln drauf, ist also nur lokal. Dabei ist das Festival seit vielen Jahren schon sehr international aufgestellt. Mit dem Geld vom Senat können wir einem Teil der teilnehmenden Künstlern und Künstlerinnen erstmalig ein Ausstellungshonorar zahlen und wir können mehr in die Kunstvermittlung investieren. Michaela Englert, die auch für die Berlinische Galerie arbeitet, wird unser Kunstvermittlungsprogramm deutlich ausweiten. An allen Installationen im öffentlichen Raum werden beispielsweise in diesem Jahr Infostände stehen und es wird Führungsprogramme geben, die sich speziell an Blinde und Gehörlose wenden.

Was sind die Highlights der diesjährigen „48 Stunden Neukölln“?

Martin Steffens: Es wird zwei zentrale Ausstellungen mit sehr unterschiedlichen kuratorischen Handschriften geben: Wir sind ja in der alten Sparkasse am Alfred-Scholz-Platz, ein spektakulärer und toller Ausstellungsort, man denke nur an die Tresorräume im Keller. Dann sind wir zu Gast im Kindl-Zentrum, wo wir die Kesselhalle bespielen. Auch das Musikschiff wird es als eines unserer Evergreens wieder geben. Und die „Signals“, die fünf Installationen im öffentlichen Raum, werden sehr toll. Auf dem Weichselplatz können die Besucher beispielsweise eine Skultptur umherrollen, die dann Sounds erzeugt.

Thorsten Schlenger: Zu den Highlights gehören sicherlich auch das Artspace Lab mit dem Polymedialen Ponyhof und das SomoS Art House am Kottbusser Damm. In der Thomas-Kapelle wird ein super Programm zu sehen sein, ebenso im Spektrum und im Wolf Kino… Die Liste ließe sich schier endlos weiterführen.

Ping Ball ist eine mobile Skulptur, die beim Rollen Töne erzeugt. Foto: Tim Van de Velde

Wie wählt ihr unter den ganzen Zusendungen eigentlich aus, wer ins Programm aufgenommen wird und wer nicht?

Thorsten Schlenger: Früher konnte ja jeder mitmachen, inzwischen schauen wir genau, dass die Beiträge auch genau zum Thema passen. Entscheidend ist vor allem der Zusammenhang von Inhalt und Form. Es kann zum Beispiel sein, dass jemand einen spannenden inhaltlichen Zugang zu einem Thema hat, der gestalterische Zugang uns aber vielleicht persönlich nicht so gefällt. Dann hat das für uns trotzdem noch die Berechtigung gezeigt zu werden. Es soll also nachwievor beteiligungsoffen sein, mit der Einschränkung, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema sichtbar sein muss.

Der Bezirk hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Wie spiegeln sich diese Veränderungen in der freien Kunst- und Kulturszene?

Martin Steffens: Die Szene ist viel internationaler geworden und es ist auch eine Professionalisierung spürbar. Der Landesverband der Berliner Galerien zählt in Neukölln zwar nur zwei Galerien, die einen Geschäftsinhaber oder eine Geschäftsinhaberin haben, aber dass es überhaupt kommerzielle Galerien gibt, ist ja ein absolutes Novum. Das gab es ja vor fünf, sechs Jahren noch nicht. Auch die Qualität der Projekträume ist extrem stark gewachsen. Früher hatte Neukölln eher ein Trash-Image, das sich auch in der Kunst zeigte, die zum Teil sehr punkig war. Zum Bedauern mancher, steht das heute nicht mehr so stark im Vordergrund. Da ist inzwischen viel Seriosität reingekommen und es gibt eine sehr heterogene und tolle freie Kunstszene.

Wenn die Mieten weiter steigen, dürfte es aber unwahrscheinlich sein, dass diese freie Kunstszene Bestand hat, oder?

Thorsten Schlenger: Wenn nicht aktiv etwas dafür getan wird, kann sich die Community, die auch sehr international ist, hier auf Dauer nicht halten. Im schlimmsten Fall kann man dann in ein paar Jahren dabei zuschauen, wie die ganzen Coffeeshops wieder eingehen, weil sie niemanden haben, der drinsitzen will. Ich glaube, das könnten dann das Ende von so einer Welle sein. Vielleicht kommt es aber auch anders und es verstetigt sich auf eine gute Art und Weise.

Martin Steffens: Wir sind ja mit dem „48 Stunden Neukölln“ nicht im luftleeren Raum, sondern eingebettet in einen Stadtteil und je nachdem, wie sich der Stadtteil entwickelt, haben wir auch Akteure oder haben sie nicht. Man muss da schon gucken, wer in Zukunft überhaupt noch da ist und sich die Mieten leisten kann.

Wo seht ihr das Festival zukünftig, sagen wir mal in fünf Jahren, wenn ihr euer 25. Jubiläum feiert?

Thorsten Schlenger: Gerade sind wir an einem sehr guten Punkt, weil wir eine große Nähe zu unserem Publikum aufgebaut haben und das Zusammenspiel zwischen der Community und dem Festival gut funktioniert. Wir machen ja genau genommen schon lange das, was die ganzen großen Institutionen, wie die Biennale oder die Berlinale gerade versuchen. Alle wollen das Authentische, also möglichst nah ran an die Menschen und nah ran an die Kieze. Da wird dann irgendwo eine verlassene Halle gemietet und mit sehr viel mehr Geld bespielt, als wir es jemals zur Verfügung hätten. Bei 70 bis 80.000 Festivalbesuchern durchschnittlich und 1200 teilnehmenden Künstlern und Künstlerinnen in diesem Jahr könnten wir momentan gar nicht sagen, dass wir unbedingt weiter wachsen möchten. Es geht eher darum – gerade auch vor dem Hintergrund der Förderung, die wir jetzt für zwei Jahre bekommen – in die Qualität der Kunst und der internationalen Kooperationen zu investieren.

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