von am 22. November 2017

Foto: Elfi Mikesch

Der neue Dokumentarfilm von Rosa von Praunheim zeigt ein Neukölln jenseits von arabischen Clans und internationaler Hipsteria. „Überleben in Neukölln“ lässt Menschen Geschichten erzählen, die vom Meistern des eigenen Lebens handeln.

Rote Lockenpracht, auffälliges Make-up und ein kleines Schwarzes – das ist die schillernde Juwelia Soraya. Das ist auch Stefan Sticker. Der Travestiekünstler betreibt seit 2006 eine Galerie in Neukölln, in der er seine Bilder ausstellt und abends sein Publikum als Juwelia mit Chansons über das Leben und die Liebe bezirzt. Er steht im Zentrum des Films und ist der rote Faden, an dem entlang Protagonisten auftauchen und wieder verschwinden. Der Zuschauer erfährt, wie Stefan zu Soraya wurde, begleitet ihn nach New York zu seiner ersten Ausstellung und ist dabei, wenn er Abschied von seiner verstorbenen Mutter nimmt.

Wie eine bunte Nummernrevue

Dabei wird die Erzählung immer wieder durch Kurzportraits anderer Neuköllner Persönlichkeiten unterbrochen, von denen jeder gewisse Aspekte des Stadtteils wiederspiegelt. Da sind Künstler, die aus Los Angeles und New York nach Berlin gezogen sind, weil man hier noch leben kann statt überleben zu müssen. Das Schauspielerinnentrio von den Rixdorfer Perlen, die im Heimathafen Neuköllns Vergangenheit als proletarisch-charmanten Amüsierbezirk auf die Bühne bringen. Die 89-jährige Joe, die im Alter von 50 Jahren nach Neukölln zog, um hier mit einer Frau glücklich zu werden. Der bekannte türkische Aktivist Aydin Akin, der seit Jahren als Ein-Mann-Demo auf seinem Fahrrad mit Megafon und Trillerpfeife unterwegs ist. Die zwei syrischen Musiker, die im Begegnungschor zusammen mit Berlinern und Geflüchteten Lieder aus deren Heimatländern aufführen. Und viele mehr. Dazwischen Szenen von Straßenkonzerten oder Sorayas Gesangsauftritten. Überleben in Neukölln kommt daher wie eine bunte Nummernrevue.

Rosa von Praunheim sieht klare Parallelen zwischen New York und Neukölln. Foto: Elfi Mikesch

Kaleidoskop von Lebensstilen

Mit seinem Film möchte Rosa von Praunheim Räume, die gerade noch offen sind in der Stadt und das Leben, das sie ermöglichen, festhalten, wie er im Gespräch verriet. Neukölln als ein Kaleidoskop von Lebensstilen und als ein künstlerisches Biotop erinnere ihn an New York, wo er vor über zwanzig Jahren den Dokumentarfilm Überleben in New York drehte. Auch wenn Berlin noch nicht so groß und international wie der Big Apple sei, steuere die Stadt in ihrer aktuellen Entwicklung dorthin. Welche Probleme das mit sich bringt, wird im Film am Rande thematisiert. Daher kann man dem Film vorwerfen, dass er zu wenig die Reibepunkte im Bezirk zeigt. Man kann es aber auch ganz angenehm finden, dass nicht permanent über steigende Mieten und Verdrängung lamentiert wird. Dem Regisseur ging es nach eigener Aussage vornehmlich darum, ein positives Bild von Neukölln zu zeigen, weder als Kriminalitätsort noch als weißer Hipsterfleck.

Alle überleben auf ihre Weise

Es ist eine Stärke dieses Films, dass er mehr ist als eine Momentaufnahme der verschiedenen Lebensstile eines vibrierenden Stadtteils, der von einer Gentrifizierungswalze bedroht wird. Rosa von Praunheim lässt Menschen Geschichten erzählen, die vom Meistern des eigenen Lebens handeln. Es wird stellenweise sehr intim, wenn Hauptprotagonist Stefan Sticker von seiner ersten sexuellen Erfahrung mit einem Mädchen berichtet. Im nächsten Moment wird es beklemmend eng, während man den Schilderungen der syrischen Sängerin Enana über das Leben als Lesbe in ihrem Heimatland und ihre Flucht nach Berlin zuhört. Alle überleben auf ihre Weise und noch geht das in Neukölln ganz gut.

Bundesweiter Kinostart von „Überleben in Neukölln“: 23.11.2017
Am 25. 11. gibt es eine öffentliche Filmvorführung im Wolf-Kino mit anschließender Geburtstagsfeier von Rosa von Praunheim

 

Ein Kommentar:

  • Ranjit sagt:

    Ich habe Juwelia mal kennengelernt. Sie war sehr nett, aber die Getränkepreise variieren bei ihr nach Sympathie. Was soll´s ?!

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