von am 23. Juni 2016
Das Schillerpalais in der Schillerpromenade (Foto: KimDotty Hachmann)

Das Schillerpalais in der Schillerpromenade (Foto: KimDotty Hachmann)

Nur noch einmal schlafen, dann beginnen in Neukölln wieder die schönsten 48 Stunden des Jahres – zumindest wenn wir über Ästhetik sprechen. Für effiziente Menschen (und auch den Rest) bietet sich eine Tour durch Neuköllns spannendste Kunsträume an.

Zum 18. Mal findet das Kunst- und Kulturfestival 48 Stunden Neukölln nunmehr statt. Bei der schieren Masse an Performances, Ausstellungen und interdisziplinären Projekten weiß der eine oder andere vielleicht gar nicht, wo er anfangen soll. Wir haben uns vorab auf eine Tour durch die Art Spaces Neukölln begeben. Der gleichnamige, erst kürzlich zustande gekommene Zusammenschluss aus 18 verschiedenen Kunsträumen Neuköllns teilt sein Terrain in vier verschiedene “Ballungsräume“ ein: Quartier 1 bis 4.

In jedem Quartier besucht man ganz unterschiedliche Kunsträume – ob klassische Galerie, Projektraum oder “Happening Space“ – und das innerhalb von zwei Stunden. Bleibt pro Kunstraum etwa eine Viertelstunde, wenn man bedenkt, dass man ein paarmal um den Block flitzen muss. Aber zur Entschädigung öffnen sich den Teilnehmern neue Kunstwelten, lassen sich Netzwerke aus Künstlern und Kunstliebhabern kennenlernen, und am Ende gibt’s Prosecco (dafür legt die Autorin jedoch keine Hand ins Feuer).

Feministische bis mystische Kunst

Quartier 4 reicht von Schiller- bis Körnerkiez und von feministischer bis mystischer Kunst. Los geht es im Schillerpalais, das unter den Kunsträumen durchaus den Charakter einer Institution hat, besteht es doch schon seit 2002 erfolgreich. Die aktuelle Ausstellung “Dust“ fragt nach den Gesetzen und Wirkungsweisen der Zeit und beobachtet, was sie mit verlassenen Häusern und mit Staub auf einem Klebestreifen macht.

„Gehört das auch dazu?“, fragt ein Besucher unsicher, und deutet auf die leichten Schatten an der Wand – scheinbar Stellen, wo mal Bilder hingen. Ja, alles Teil der Ausstellung.Was hingen da wohl für Bilder? Und wie lange? Bilder an der Wand sind ein profaner, aber dennoch teuflisch genauer Gradmesser für Zeit: sie sind immer um uns, wir bemerken sie schon gar nicht mehr. Aber wenn sie fehlen, dann wird die Vergangenheit, all die verstrichene Zeit mit einem Mal spür- und sichtbar.

Das Motto: JEKAMI – Jeder kann mitmachen

Die nächste Station heißt Neon Kunst, ein kleiner Kulturschock nach dem gediegenen Schillerpalais. Hier quietscht und schreit es, der Raum ist vollgestopft bis unter die Decke mit sonderbaren Exponaten. Ein ausgestopfter Vogel mit funky Brille in Neonfarben auf dem Schnabel, Girlande auf dem Kopf und Goldmedaillen um den Hals ist der Gipfel des Trash . Die Regale hinter der Bar sind mit alten Puppen, Masken und Hello-Kitty-Figuren befüllt und im Schaufenster hängt “GoGo Schmuck“, was immer das sein soll.

Der Nachbarraum erscheint wieder etwas zurückgenommener, aber trotzdem ist Neon Kunst weit davon entfernt, konventionell zu sein, was sehr erfrischend ist. Zu den 48 Stunden wird hier das Künstlerkollektiv Czentrifuga Siebdrucke und Kostüme ausstellen. Czentrifuga und Neon Kunst leben Kunst basisdemokratisch aus, das Motto lautet: JEKAMI (Jeder kann mitmachen). Am Glücksrad drehen dürfen wir auf unserer Tour zumindest schon mal, ein exzentrisch zusammengewerkeltes Exemplar steht für die Besucher der 48 Stunden bereit. Man darf gespannt sein, was sich die Kunstschaffenden noch so einfallen lassen. Der Betreiber der Galerie, David Braithwaite, gibt dann auch ganz nonchalant zu, es stehe noch nicht fest, was genau passiere, verspricht aber „viel Spaß“.

Blick in die Galerie im Körnerpark (Foto: Muhammed Lamin Jamada)

Blick in die Galerie im Körnerpark (Foto: Muhammed Lamin Jamada)

Vor der Galerie im Körnerpark herrscht geschäftiges Treiben. Ein Dutzend Menschen bearbeitet gerade Steine mit Hammer und Meißel, eine kostenlose Aktion für Anwohner des Körnerparks. Wir gucken jetzt aber lieber fertige Kunst. Obwohl – die eigentliche Ausstellung gibt es erst zur Festivaleröffnung am Freitag zu sehen.

Eine Wand haben sie im langen Gang der ehemaligen Orangerie hochgezogen, um Mathilde ter Heijnes Ausstellung “Blood, Sweat and Tears“ noch vor den Blicken der Öffentlichkeit zu verhüllen. Die Wand ist gleichzeitig Teil eines anderen Projekts der feministischen Künstlerin, das sie schon seit 2005 an wechselnden Orten ausstellt. “Women To Go“ heißt es, und besteht im Wesentlichen aus Postkarten. Sie stecken in kleinen Halterungen wie in Souvenirshops und reichen bis unter die Decke (und die Decke hier ist sehr, sehr hoch).

Geschichtsschreibung aus der Sicht von Frauen

Auf den Postkarten befinden sich Schwarzweißportraits von Frauen des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Arme Frauen, reiche Frauen, junge, alte, europäische, asiatische, afrikanische Frauen. Wir wissen nichts über sie, es handelt sich um Archivbilder. Wendet man die Karten jedoch, kann man die Biografie einer Pionierin um jene Zeit lesen, aus der das Bild etwa stammt.

"Women To Go" (Foto: Leonie Brovot)

„Women To Go“ (Foto: Leonie Brovot)

Lebensgeschichten von Frauen, die in Friedensbewegungen aktiv waren, gegen Sklaverei gekämpft haben, als Autorinnen Erfolg in einer Welt voll von Männern hatten. Mathilde ter Heijne betrachtet die oft so männliche Geschichtsschreibung aus dem weiblichen Blickwinkel. Das ist unverbissen, persönlich und berührend. Dass gleichermaßen große Heroinen sowie „every day women“ in den Fokus gerückt werden, ist ein kluger Einfall der Künstlerin, zeigt sie doch gleichzeitig die Marginalisierung der vergessenen Heldinnen zu ihrer Zeit und “umarmt“ im gleichen Zuge alle Frauen. Und noch dazu darf man die Postkarten mitnehmen, so macht Kunst Spaß!

Der zweite Teil der Ausstellung hinter der Wand besitzt ebenfalls eine historische Perspektive, sowie auch eine sehr pragmatische: Es geht um die “künstlerische Suche nach dem, was – über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg – all jene verbindet, die sich für eine friedvolle Welt engagieren“.

WerkStadt Berlin in der Emser Straße (Foto: Mia Kuch)

WerkStadt Berlin in der Emser Straße (Foto: Mia Kuch)

Zu guter Letzt steht ein Besuch in der WerkStadt an. In Angelika Schneider von Maydells Ausstellung wurde das diesjährige 48-Stunden-Thema “SATT“ am deutlichsten umgesetzt, denn die Künstlerin befasst sich vor allem mit dem Raupe-Nimmersatt-Syndrom unserer Zeit, hier verkörpert durch eine Bildreihe skrupelloser Banker in der Finanzkrise. Dem wird eine Studie von Kleinkindgesichtern entgegengestellt, so natürlich, wie Gott sie schuf, und dazwischen steht die Frage, etwas zugespitzt: Ist das Bedürfnis nach immer höheren Boni schon im Erbgut dieser unschuldigen Säuglinge angelegt oder verleitet das System des Kapitalismus dazu? Keine neue Frage also, aber eindrücklich umgesetzt.

Doch genug der Theorie, jetzt seid ihr dran. JEKAMI, also macht mit!

Die Führungen zu den Art Spaces während des Festivals findet ihr hier.

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