von am 10. Juni 2013

Alte Menschen sind in Neukölln oft unsichtbar / Foto: Katrin Friedmann

Was bedeutet es, in einem interkulturellen Bezirk wie Neukölln alt zu werden? Zum ersten Mal in der Geschichte des Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln wird der Gruppe der Senioren und auch der philosophischen Frage nach dem Alt-Werden ein eigener Themenschwerpunkt gewidmet.

74 Prozent der Unter-30-Jährigen machen sich „selten“ oder „nie“ Gedanken darüber, wie es sein wird, wenn sie alt sind. Und doch hat laut einer Studie der Robert Bosch Stiftung jeder fünfte Deutsche Angst davor. Vanitas und Weisheit, Gebrechlichkeit und Reife – das Thema Alter ist ein streitbares. Schon bei der Frage nach der Definition können sich die Vertreter unterschiedlicher Disziplinen nicht einig werden: Es gibt ein soziales, biologisches und auch psychisches Alter. Der Duden spricht ganz allgemein von einer „bestimmten Altersstufe, in der sich Menschen befinden“ oder auch von „Bejahrtheit“. Fakt ist, dass es im Jahre 2050, aufgrund des demographischen Wandels, mehr Über-60-Jährige, als Unter-15-Jährige geben wird. Und Fakt ist auch, dass schon jetzt eine große Lücke zwischen der statistischen und alltäglichen Realität klafft. Denn alte Menschen sind in unserer schnelllebigen Gesellschaft oft auf seltsame Art unsichtbar.

Auch oder gerade in Neukölln ist das so. Wer hier von „Alter“ spricht, meint wahrscheinlich nicht die Senioren, sondern eher den jugendlichen Slang-Begriff. Im Straßenbild des hippen Nordens sind die Alten kaum präsent. Schaut man sich in der lebendigen Kulturszene oder den vielen Bars und Cafés um, entdeckt man vor allem eine Bevölkerungsgruppe: Trendige Großstädter zwischen 20 und 35, die in den letzten Jahren sukzessive den Kiez erobert haben. Dabei ist Neukölln voll von alten Menschen. Nach Angaben des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg kommen auf die Gesamteinwohnerzahl von 318.000 rund 55.000 Menschen über 65 Jahre. Deren Potential liegt brach, und könnte – ganz im Sinne des Wortursprungs von Alter (germanisch „ala“ = wachsen, nähren) – doch auch kreativ ausgeschöpft werden.

Labor: Urbanes Altern

Das dachte sich zumindest das Kulturnetzwerk Neukölln und hat bei den diesjährigen 48 Stunden den Schwerpunkt „Labor: Urbanes Altern“ ins Leben gerufen. Zehn verschiedene KünstlerInnen sind in den Straßen und Wohnungen Neuköllns der Frage nach gegangen, wie es sich als alter Mensch hier leben lässt. Die künstlerischen Antworten spiegeln dabei auch die unterschiedlichen Lebensbereiche der hier wohnenden Alten wider. So startet die türkische Theaterpädagogin Hülya Karcı mit ihrer 60 Plus-Theatergruppe „Die Sultaninen“ eine Intervention auf der Karl-Marx-Straße, um zu zeigen, wie ältere Menschen im öffentlichen Raum wahrgenommen werden. Martina Beckers biografische Arbeit „Das Gedächtnis der Teekanne“ sucht die Innensicht: Anhand von persönlichen Geschichten, die sie als Objekte gespeicherter Erinnerung der Senioren begreift, stellt sie eine Installation zusammen. Eine humorvolle Annäherung an die Thematik wählten die Fotografen Caroline Bennewitz und Nick Großmann. Ihr Projekt „Alter Style“ will gängige „Alten“-Klischees aufbrechen.

Einige der Arbeiten werden in einem räumlich verortbaren Labor – natürlich barrierefrei – in den Neukölln Arcaden zu sehen sein. Auch dort fallen meistens nur wenige ältere Menschen auf, vielleicht unterstützen sie statt Shopping-Centern lieber den kleinen, altbekannten Händler ihres Vertrauens. Wer weiß. Das „Labor: Urbanes Altern“ versucht zumindest einigen Geheimnissen der unsichtbaren Alten auf die Spur zu kommen.

48 Stunden Neukölln
Freitag, 14.06.2013, 19 Uhr bis
Sonntag, 16.06.2013, 19 Uhr

Als Medienpartner werden wir kommendes Wochenende ausführlich und live über das Festival berichten: 48 Artikel in 48 Stunden.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.