von am 11. August 2016
Brandt Brauer Frick feat. Beaver Sheppard, Foto: Max Parovski

Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick (von links) mit dem Neuzugang Beaver Sheppard (2. v. l.), Foto: Max Parovski

Dass man Techno durchaus auch mit einem klassischen Instrumental-Ensemble live auf die Bühne bringen kann, haben Brandt Brauer Frick eindrucksvoll unter Beweis gestellt und sich damit weltweit einen Namen gemacht. An ihrem vielseitigen Sound bastelt und feilt das Techno-Trio in seiner Musikwerkstatt in einem Neuköllner Hinterhof und experimentiert dort unaufhörlich weiter. Ein Gespräch über die Hassliebe zu Social Media, Treffpunkte der Szene und über das neues Projekt mit Beaver Sheppard mit dem sie Ende August in Neukölln auftreten.

Kaum tritt man von der reizüberfluteten Sonnenallee auf den Hinterhof, um den herum neben Brandt Brauer Frick auch unter anderem Hans Unstern und Chez Chérie ihr Studio haben, befindet man sich im urbanen Sommeridyll: Nachbar Unstern hat aus alten Holzresten und Paletten ein wunderbar entspanntes Sitz- und Pflanzenkästenensemble gezimmert. Eine kleine grüne Oase, in der es sich neben Jan Brauer und Paul Frick auch der Straßenkater Taksi gemütlich gemacht hat.

neukoellner.net: Ihr habt euch 2008 über MySpace kennengelernt. Gerade einmal acht Jahre später, ist das schon wieder ein totaler Anachronismus. Wie ist heute als vollberufliche Musiker euer Verhältnis zum Internet?
Paul: Zwiespältig. Einerseits ist es natürlich total geil, dass du als Band zu den Leuten, die sich für dich interessieren, einen direkten Kontakt hast. Aber dann ist natürlich interessant zu sehen, welche Posts die Leute gut finden. Wenn du ein lustiges Foto von uns dreien auf Facebook einstellst, dann finden das alle super und liken das. Aber wenn du ein neues Video, einen neuen Song oder einen Remix postest, sind das viel weniger. Indem du Fotos hochlädst, gibst du der Plattform die Rechte an dem Bild. Deswegen pushen die das mehr als externe Links.

Bespielt ihr die SocialMedia-Kanäle selbst?
Jan: Das Management macht manchmal Postings.

Paul: Und unser Label !K7 Records hat Administratorenrechte und zahlt auch mal für einen Post mit wichtigen Ankündigungen beispielsweise.

Jan: Aber den Rest machen wir selbst und wir streiten uns über nichts so heftig in der Band wie über Social Media. Irgendwie muss man es machen, weil man es machen will und weil man etwas zu sagen hat – nur eben nicht ständig. Aber Social Media lebt ja davon, dass man ständig reinbuttert. Dann erzählt dir noch jemand, dass Festivals ihre Bands nach Facebook-Likes buchen und es heißt: Kauf Likes! Andererseits ist das natürlich total unnütz und schöpft keinen wirklichen Wert.

Bei was kriegt ihr euch wegen Social Media in die Haare?
Jan: Wer’s macht. (Gelächter) Eigentlich hatten Paul und ich auch einen Riesendeal am Laufen…

Paul: Letztes Jahr kam eine Anfrage aus Brasilien, ob nicht einer von uns zu einem Stummfilm in Rio auflegen könnte. Wir wollten natürlich alle drei und haben gefragt, wer von uns spielen soll. „Das könnt ihr euch aussuchen“, hieß es. Wir haben Schnick Schnack Schnuck gespielt, aber damit das ein bisschen gerechter ist, haben wir beschlossen, dass derjenige, der in Rio auflegt, der neue Social-Media-Manager werden muss. Da hat Jan Daniel und mich eiskalt besiegt…

Jan: … und dann war ich in Rio…

Paul: …und jetzt ist es aber nicht so, dass der Jan da wahnsinnig aktiv wäre.

Jan: Das stimmt. Ich bin echt mies, aber jetzt macht unser Label mehr in der Hinsicht.

Glaubt ihr, ihr könntet es euch leisten, auf Social Media komplett zu verzichten?
Jan: An meinem Kontostand würde es wahrscheinlich nichts ändern. Aber die Möglichkeiten, die man hat, sind ja an sich cool. Manchmal will man ja auch etwas announcen und ist froh, dass man diesen Kanal zur Verfügung hat.

Paul: Eigentlich würden wir es am liebsten handhaben wie Dean Blunt, der fast gar nicht im Internet auffindbar ist. Der hat nur einen Soundcloud-Account unter einem ganz kryptischen Namen Jesus3000Nochwas (@jesuschrist3000ADHD) und postet dort immer total geile Sachen. Und weil er so ein Ausnahmekünstler ist, haben es genug Leute gecheckt. Das ist ideal: Der muss den ganzen Kram nicht machen und ist gleichzeitig dadurch ein Mysterium.

Nehmen Plattenverkäufe denn bei euch noch einen nennenswerten Anteil von euren Einnahmen aus?
Paul: Ne, eigentlich nicht. Ohne die Platten würden die Gigs, durch die man im Wesentlichen verdient, nicht reinkommen. Das heißt die Platten sind die Vorraussetzung, aber beim Anteil vom Gewinn ist es zu vernachlässigen.

Jan: Das Problem ist, dass wir nicht genügend Platten verkaufen. Es ist auch immer die Frage, wie viel die Platte gekostet hat, weil das beim Label ja direkt gegengerechnet wird.

Paul: Unsere erste Platte haben wir im Prinzip für null Euro gemacht, die war recht erfolgreich und da war es schon besser.

Trauert ihr den „guten alten Zeiten“ manchmal ein bisschen hinterher mit dem Hintergedanken, dass ihr bei eurem Bekanntheitsgrad vor 20 Jahren ohne illegale Downloads finanziell auf einem ganz anderen Stand wärt?
Jan: Vor 20 Jahren hätten wir diesen Sound gar nicht machen können.

Paul: Und da hätten wir auch noch nicht so billig Mucke machen können. Eigentlich ist jetzt eine geile Zeit für Musik, vielleicht nicht im Mainstream, aber insgesamt passiert so viel abgefahrener Kram und es ist unsinnig darüber nachzudenken. Natürlich gab es früher viel weniger Bands und die Leute haben mehr gekauft, vielleicht hab ich da auch schon mal einen Gedanken daran verschwendet…

Jan: Früher konntest du dir auch mit einem normalen Job irgendwann eine eigene Hütte leisten. Das kannst du heute auch nicht mehr. Das ist kein musikspezifisches Thema.

Beeinflusst das euch als Musiker, wenn ihr seht, was online gut funktioniert und was nicht?
Paul: Daran orientieren wir uns gar nicht. Weil wir drei Leute sind, die ihr ganzes Leben lang Musik gehört haben und uns gegenseitig vertrauen. Letztendlich machen wir Sachen, von denen wir denken, sie sollten existieren.

Jan: Es gibt schon Songs, die viel beliebter sind…

Ahnt man das vorher?
Paul: Manchmal.

Jan: … aber das ist nicht nur im Social Web so, sondern auch in echt und beim Gig – einfach generell. Es ist nicht so, dass im Internet der Geschmack noch einmal ein anderer ist. Und das krasseste Feedback ist sowieo ein Live-Gig.

Ihr habt mal gesagt, dass ihr die Vocals als ein weiteres Instrument betrachtet. Für das nächste Album und beim Konzert bei der Pop-Kultur arbeitet ihr fest mit dem Sänger Beaver Sheppard zusammen. Habt ihr seine Stimme auch selbst geschrieben?
Paul: Beaver hat die Texte komplett geschrieben und wir haben hier und da mal einen Vorschlag gehabt, etwas geändert und wir haben zum Teil auch zusammengewürfelt.

Jan: Wir haben uns aber eher seiner Songidee gebeugt.

Das stelle ich mir ziemlich schwierig vor: als eingespieltes Trio einen zusätzlichen Sänger zu finden.
Jan: Ja, wir haben da jemanden gefunden, der nicht so ein Sänger-Sänger ist, sonder ein All-Round-Künstler, der nur das Beste im Sinn hat. Wenn er merkt, dass es geil wird, dann macht er alles, was man ihm sagt. (Gelächter) Und was in seiner Macht steht. Er ist extrem wandlungsfähig und vereint verschiedene Characters in einem und man braucht nur den richtigen rausholen für die entsprechende Situation. Das war ziemlich interessant für alle Seiten.

Wie seid ihr auf Sheppard gestoßen, habt ihr gecastet?
Jan: Wir haben ihn in Kanada getroffen, als wir auf Tour waren. Dort wurde er uns über Freunde vorgestellt und er war auf jeden Fall jemand, den man so schnell nicht mehr vergisst.

Paul: Dass er dann so gut zu uns passen würde, konnten wir da eigentlich noch nicht wissen. Beaver ist jemand, der wirklich viel zu sagen hat. Er ist auch Maler, spielt in mehreren Bands, ist eigentlich auch Koch und gestaltet auf allen Ebenen sein Leben wahnsinnig kreativ. Und er hat auch genügend Scheiß-drauf-Attitüde, um wirklich er selbst zu bleiben.

Habt ihr vor der Pop-Kultur überhaut schon einmal in Neukölln gespielt?
Jan: Im Heimathafen bei der radioeins Radio Show haben wir einmal gespielt, aber nur zehn Minuten.

Paul: Wir haben mal in der Loftus Hall aufgelegt.

Jan: Aber das ist schon lange her. Ich kenn mittlerweile keinen mehr, der mit dem Club etwas zu tun hat, aber diese African-Acid-Partys sollen ziemlich geil sein. Das wäre schon wünschenswert, wenn mehr Afro-Jazz und Afro-Beat endlich mal nach Berlin in die Clubs kommt.

Bekommt ihr viel mit von der Musikszene in Neukölln?
Jan: Keine Ahnung, was die Musikszene von Neukölln genau ist. Es gibt hier so viele Szenen, die parallel stattfinden.

Paul: Aber der Hinterhof hier ist schon ein ziemlicher Meeting Point, weil hier mehrere Studios nebeneinander und übereinander sind und der Vibe zwischen den Leuten total gut ist. Es gab schon viele Kollaborationen und man leiht sich auch Sachen untereinander aus. Für Live-Aufnahmen letztes Jahr haben wir uns wie viele Mikros aus dem Haus zusammengeliehen, Jan?

Jan: Alle. Drei Koffer voll. Wir hatten das Ensemble plus fünf Sänger, also 15 Leute und es waren glaube ich 32 Spuren. Wir haben acht Mikros und die restlichen habe ich hier zusammengesucht. Richtig geil, wir hatten sogar eine fette Auswahl am Ende.

Paul: Ansonsten wohnt Jan hier um die Ecke und ich bin hier auch mehr als zu Hause. Dadurch geht man natürlich abends auch mal in der Nähe in irgendwelche kleinen Läden wie das Tier, das Loophole oder das Sameheads in der Richardstraße. Und das Oye, der Plattenladen in der Friedelstraße, ist auf jeden Fall ein zentraler Anlaufpunkt. Da passiert es oft, dass man andere Musiker, DJs trifft – das ist schon ein ganz schöner sozialer Treffpunkt.

Brandt Brauer Frick live bei Pop-Kultur: 31. August 20.40 Uhr, Huxleys Neue Welt (Hasenheide 107, U Hermannplatz)

 

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