von am 30. Januar 2014

sex_PortraitIhre Arbeitsgeräte sind Peitsche, Seil und Klammer. Ihre Spezialität: Bondage. Zu Besuch bei einer Neuköllner Sexarbeiterin.

Die 36-jährige Marlen arbeitet seit fünf Jahren in der Erotikbranche. Davor hat sie Jura und Kulturwissenschaften studiert. Neben ihren Sessions in ihrem Neuköllner Studio will sie sexuelle Dienstleistungen auch für Frauen etablieren. Ein Gespräch über sexuelle Energie, junge Kundschaft und unwürdige Zustände in der Branche.

neukoellner.net: Marlen, fasse bitte kurz zusammen, was Du machst.
Marlen: Ich bin Sexarbeiterin und die Grundlage meiner Arbeit ist das tantrische Berührungsritual, das ich mit dominantem Spiel kombiniere. Ich arbeite also mit Elementen des BDSM. Charakteristisch für meine Arbeit ist, dass ich meinen eigenen Körper einbringe. Ich bewege mich auf, über oder mit dem Klienten. Bei den dominanten Spielen habe ich mich auf Bondage, die Kunst des erotischen Fesselns spezialisiert, weil sich dort Sinnlichkeit und Dominanz so hervorragend ergänzen.

Gibt es da spezielle Techniken?
Ich praktiziere Shibari, die japanische Tradition des erotischen Fesselns. Das bedeutet mehr, als nur jemanden bewegungsunfähig zu machen. Die Person, die gefesselt wird, gelangt währenddessen in einen Zustand der Hingabe und des Loslassens. Der Akt des Fesselns hat intensive Auswirkungen auf Körper und Geist. Dabei nutze ich Wachs, Peitschen oder Klammern. Doch das wichtigste Spielzeug sind meine Hände. Die Berührung zwischen mir und dem Klienten ist sehr wichtig.

Welche Initialzündung gab es für Dich, als Sexarbeiterin zu arbeiten?
Ich war schon als Physiotherapeutin selbstständig und habe auch Sitzungen angeboten, in denen es nicht nur, zum Beispiel, um die Rehabilitierung eines Knies geht, sondern darum, über Berührung mehr Körperbewusstsein zu schaffen und Emotionen spürbar zu machen. Dadurch waren die Sessions länger und meine Aufmerksamkeit dem Klienten gegenüber war auch intensiver. Manchmal war dann sexuelle Energie im Raum. Ich bin dem nachgegangen und begann mit tantrischen Massagen zu arbeiten.

Und das hat Dir auch selbst Spaß bereitet?
Ja. Aber das hat mir nicht ausgereicht. Ich habe mich selbst fortgebildet, das dominante Spiel für mich entdeckt und meine eigene Methode daraus entwickelt. Inzwischen arbeite ich aber auch sexualpädagogisch oder in Ansätzen therapeutisch. Ich kann Menschen etwas über ihren Körper beibringen, Männern wie Frauen, oder dabei helfen, etwas auszuprobieren, was sie schon immer ausprobieren wollten.

Was schätzt Du an deiner Tätigkeit?
Zunächst die Körperlichkeit. Ich genieße Körperarbeit, sowohl empfangend als auch gebend. Deshalb macht es auch für mich Sinn, das beruflich zu machen. Und: Ich mag sexuelle Energie und schätze diese zu feiern, zu wecken und zu leben. In meinen Sessions genieße ich die Intimität, die entsteht. Manchmal öffnen sich Türen bei meinen Klienten. Jemand fühlt sich berührt, körperlich, seelisch, sexuell – dadurch verändert sich etwas. Beispiel: Ein Gefühl kommt wieder, das lange versteckt war. Oder ein Zugang zur eigenen Sexualität wird freigegeben, der vorher verstellt war. Ich finde es toll, dass ich das möglich machen kann und dass sexuelle Energie wieder Raum bekommt.

Was sagen Freunde und Familienangehörige zu Deinem Job?
In meinem näheren Umfeld wissen alle davon. Ich würde nicht unbedingt sofort mit dem Thema bei einer fremden Person anfangen, aber nach einem gewissen Zeitraum rede ich über meine Arbeit. Bisher habe ich noch keine Ablehnung erfahren. Die Menschen reagieren sehr offen und interessiert. Männer wie Frauen.

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Hier wird gefesselt und gereizt: der Arbeitsplatz von Marlen. (Foto: Anne Stephanie Wildermann)

Welche Klientel kommt zu Dir?
Schwer zu sagen. (Pause) Es geht durch alle Altersgruppen und es gibt viele Motivationen. Einige wollen Genuss, andere wollen etwas lernen, erfahren oder sind einfach nur neugierig. Der jüngste Klient war 21 und der älteste war 85. Ich behandle auch Menschen mit Handicaps – dort wo die körperliche Behinderung das Ausleben der Sexualität einschränkt.

Es sind aber auch Frauen dabei…
Bei den weiblichen Kunden kommen erstaunlich viele junge zu mir, das überrascht mich häufig! Zwischen 20 und 30 Jahren. In diesen Fällen ist es die Neugier, die sie zu mir führt. Aber es kommen auch Frauen zwischen 40 und 60. Ich finde es toll, dass Frauen diesen Schritt wagen und ihre sexuellen Bedürfnisse ernst nehmen. Für Männer ist das viel selbstverständlicher.

Beschreib doch mal exemplarisch, wie eine Session bei Dir aussieht.
Zuerst gibt es ein Vorgespräch. Ich muss wissen, was derjenige erfahren will – sowohl emotional als auch physisch. Und ich muss wissen, wo die Grenzen sind. Und aufgrund dieser Basis entwerfe ich dann eine individuelle Reiseroute wie eine Massage oder ich kombiniere Bondage und Massage. Das kann das Gefühl von Hingabe und Gehaltensein stärken. Oder ich arbeite wirklich dominant und setze mehr SM-Techniken ein, oder ein Rollenspiel. Ich arbeite da von zart bis hart (lacht).

Was hältst du von Flatrate-Bordellen? Also Sex zum Discounter-Preis.
Es wäre für mich überhaupt keine Form zu arbeiten! Wenn ich ein Mann wäre, würde ich da auch nicht hingehen. Ich vermute, dass dieses Marketingmodell für Männer ist, die sich überschätzen (lacht). Das ist so ein bisschen wie bei den All-you-can-eat-Restaurants. Manchmal ist der Appetit größer, als das, was wirklich geht.

Was sind die Unterschiede zwischen Dir und den Frauen im Bordell?
Frauen, die in solchen Bordellen arbeiten, müssen keine Akquise machen. Ich bin eine One-Woman-Show. Ich muss sehr viel planen und organisieren, wie die Pflege der Webseite, Werbung, Vorgespräche, Emails. Das entfällt für die Frauen, die im Bordell arbeiten. Der Kunde kommt dort rein, es gibt eine Kontaktaufnahme, man guckt, ob das alles passt. Die Frauen können im Bordell oder im Studio auch ein festes Abendgehalt haben. Insofern wissen das einige zu schätzen, die diese Tätigkeit nicht in Vollzeit ausüben, so wie ich, sondern das als Nebenjob ansehen.

Was sind Deine Wünsche für die Zukunft?
Ich würde gerne ein Etablissement für selbstbestimmte SexarbeiterInnen schaffen. Denn ich weiß von der Not, in der sich manche befinden. Es ist Fakt, dass es Menschen in meiner Branche gibt, die unter unwürdigen und demütigenden Zuständen arbeiten müssen! Wenn die Position von SexarbeiterInnen gestärkt wird, können wir uns gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt in unserer Branche wehren. Denn ich will, dass meine Kolleginnen und Kollegen auch in einer ähnlich privilegierten Position selbstbestimmt arbeiten können. Dass sie Freude an dem Beruf haben. Unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und Ethnizität.

Weitere Infos zum Thema gibt’s u.a. beim Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen.

 

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