von am 1. März 2017

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Die Rollberger Geschichten sind eine Kolumne von Autor Filippo Smerilli, der ab sofort einmal monatlich auf neukoellner.net seine Kurzgeschichten mit sozialpolitischen Anspielungen veröffentlichen wird. Im ersten Teil beschäftigt seine Hauptfigur Mandy die unendlich erfolglose Wohnungssuche.

Text: Filippo Smerilli, Zeichnungen: Frauke Boggasch

Mandy lackiert sich die Fingernägel und sieht mich nicht an. Wir sitzen in ihrer Küche und sie schweigt schon seit mindestens 5 Minuten. Das ist, seit wir uns kennen, noch nie passiert. „Mandy, was hätte ich denn machen sollen? Ich habe alles versucht.“ Sie pustet über die bereits lackierten Fingernägel ihrer linken Hand. „Du weißt ganz genau, dass ich ein halbes Jahr lang nichts anderes mehr gemacht habe, als eine Wohnung in Neukölln zu suchen. Jeden Tag habe ich direkt nach dem Aufwachen und noch vor dem Aufstehen in meine Mails und Apps geguckt. Jeden Tag habe ich mindestens 5 Besichtigungstermine vereinbart. Jedes Mal waren zwischen 60 und 100 Leute zur Besichtigung von 30 bis 40 m2-Wohnungen dort. Und niemand hier in Neukölln wollte mich, trotz Arbeitsvertrag, Schufa-Auskunft und allem. Verdammt, du weißt das!“

Jetzt lackiert sie die Fingernägel der rechten Hand. Jeder Nagel trägt eine andere Farbe: Bordeaux, Karmesin, Purpur, Almandin, Zinnober, Rubin, Scharlach, Blutrot … Als sie fertig ist, lehnt sie sich im Stuhl zurück, streckt die Beine aus, die in einem tiefgelben Freizeitanzug stecken, und schließt die Augen. „Mandy, jetzt sprich doch endlich wieder mit mir. Es ist nur der Wedding. Ich ziehe nicht weg aus Berlin!“ Aus ihrer Richtung kommt ein schlimmes, tiefes, grollendes Knurren. Jan Klode, der American Staffordshire Terrier von Mandys Freund Khalid, liegt unter ihrem Stuhl; er hat auf der Fensterbank ein Eichhörnchen entdeckt.

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„Photoshop, ich weiß. Ich hätte einfach eine oder zwei Nullen mehr auf meine Verdienstbescheinigung machen sollen. Und anstatt Literaturwissenschaftler wäre ich besser Firmenbesitzer, Geschäftsinhaber oder am besten Sohn reicher Eltern. Aber, verdammt nochmal, das bin ich nicht!“ Nach einer kurzen stillen und dann doch langen Pause füge ich noch hinzu: „Außerdem wird die Distanz zu Neukölln mir und meinem Blick auf den Bezirk gut tun. Mich wird nicht mehr jede neue superhippe internationale Shabby-Chic-Bar, jede x-te ausschließlich englischsprachige, aktuell absolut angesagte Galerie, jedes bei der Eröffnung Menschenaufläufe und Straßensperrungen verursachende Expat-Design-Restaurant und jeder zigste Chichi-Streetfood-Event mit entsprechendem Publikum aufregen.“

Wieder kommt ein grausames, bedrohliches, tiefes Knurren aus ihrer Ecke. Dieses Mal sagt sie mit unverändert geschlossenen Augen: „Raus mit dir! Oder halte endlich deinen Mund!“ Und ihre knallroten Lippen haben sich dabei nicht einmal bewegt, ich bin mir sicher.

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Ein Kommentar:

  • Peter sagt:

    Die Zeiten, als ihr einen Grimme Preis wert wart sind offensichtlich vorbei.
    Der Besinnungsaufsatz jedes Schulkinds Neuköllns zum Thema hätte wahrscheinlich mehr Tiefe. Ist der Autor ein vor kurzem nach Neukölln zugezogener Hipster oder hat er nur die Attidüde?

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