von am 6. Februar 2012

QM. Q...was?

Allein in Neukölln gibt es 11 Quartiersmanagements, von insgesamt 34 in ganz Berlin. Diese Ehre wird nur denjenigen Kiezen zu teil, die einen „besonderen Entwicklungsbedarf“ für sich ausweisen können. Aber was macht so ein Quartiersmanagement eigentlich und wer profitiert davon?

Was wäre der Rollberg ohne QM (Slang für: Quartiersmanagement)? „Die Arbeit hat dazu beigetragen, dass soziale Spannungen wie in den Pariser Vorstädten oder wie jüngst in London verhindert wurden“, heißt es auf der Webseite des QM Rollbergkiez. Mmhh. Klassenkampf, brennende Straßenzüge, Plünderungen – all das konnte das QM verhindern? Ein bisschen überzogen vielleicht.

Aber tatsächlich ist Quartiersmanagement im Kiez gleichzusetzen mit Arbeitslosigkeit, hohem Migrantenanteil, überdurchschnittlicher pro-Kopf-Verschuldung und einer großen Zahl von HartzIV-Empfängern. Dies sind die Indikatoren dafür, ob ein „besonderer Entwicklungsbedarf“, so die offizielle Bezeichnung, besteht. Und das heißt: Ein QM muss her!

Wieviel Problemkiez steckt in Dir?

Dabei gibt es vier Kategorien, in die die QM-Bezirke eingeteilt werden:
Kategorie I: „starke Intervention“  – die problematischsten Problemkieze:

Kategorie II: „mittlere Intervention“ – durchschnittliche Problemkieze:

Kategorie III: „Prävention“ – Kieze mit nur einem Negativ-Indikator, z.B. einem hohen Migrantenanteil, in denen aber sonst alles schick is:

Kategorie IV: „Verstetigung“ – die Streber unter den Problemkiezen. Die Programme werden abgewickelt, es gibt keine neuen Fördermittel mehr, das QM hat sich wegrationalisiert:

  • nicht in Neukölln.

Übersicht der Quartiersmanagement Gebiete in Berlin

 

Das bekannteste Projekt, das durch das QM gefördert wird, sind die Stadtteilmütter. Einst nur im Schillerkiez unterwegs, ist das Prinzip inzwischen preisgekrönt und wurde z.B. in den Wedding exportiert. Dabei ist das Rezept simpel: Migrantenmütter helfen Migrantenmüttern. In Kursen werden die zukünftigen Kiezmütter, zu erkennen an ihren roten Schals, geschult in Sachen Erziehung, Bildung, Gesundheit, kurzum in den Alltagsproblemen von Familien. Und dieses Wissen sollen sie in ihrem Kiez weitergeben an diejenigen, die mit den üblichen Integrationsmaßnahmen nur schwer erreicht werden. Sei es aus Misstrauen, Angst oder schlichtweg Verständigungsproblemen.

Aber das ist nur eine Facette des Quartiersmanagements. Neben der Vermittlerrolle zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten, Wirtschaftsinteressen, Kulturschaffenden und der Neuköllner Verwaltung geht es vor allem um die Verteilung von Fördergeldern. Jedes Quartier erhält ein jährliches Budget, das es zu verteilen gilt. Und darum kann sich jeder Einzelne mit Projekten oder Maßnahmen bewerben. Die Bedingung: Der Zweck muss den Zielen des QM entsprechen, also die Lebensbedingungen und Chancen der Bürger verbessern. Das kann ein Kulturfestival sein, der Bau eines Spielplatzes oder das Angebot von Nachhilfestunden für Kinder.

Die Quartiersfonds

Es gibt drei verschiedene Geldtöpfe, um die sich Bewohner, Vereine, Schulen usw. mit Projekten bewerben kann:

Quartiersfonds 1 – für den kleinen Bedarf

WAS wird finanziert: Finanzierung kleiner Maßnahmen und Projekte, maximal mit 1000 Euro.
Wer entscheidet: Die Quartiersfondsjury.

Bespielprojekte: „Kultur vermitteln“ (Morus 14 e.V.), Pfingstausflug (AKI e.V.)

Quartiersfonds 2 und 3 – darf´s ein bisschen mehr sein?

WAS wird finanziert: Maßnahmen und Projekte mit einem Volumen zwischen 1000 und 10000 Euro (Fonds 2), oder auch über 10.000 Euro (Fonds 3)
Wer entscheidet: Beim großen Geld entscheidet der Quartiersbeirat, in dem auch Senat und Bezirk vertreten sind.

Bespielprojekte: Sommeruni 09, Kindersauna, Wasserspielplatz Lessinghöhe, Sprachfrühförderung in KITAS, das Rollberginfo.

Wer bezahlt das eigentlich?

Das ganze ist natürlich nicht billig zu haben. Von 1999-2010 wurden insgesamt 210,5 Mio. Euro auf das Berliner Quartiersmanagement verwendet. Die Fördergelder kamen von der EU (75,5 Mio Euro) und dem Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ (Berliner Anteil: 96,7 Mio. Euro; Bund: 38,3 Mio. Euro). Die Zukunft der QM ist jedoch gefährdet – die Bundesregierung hat ihren Beitrag zum Programm „Soziale Stadt“, nun radikal gekürzt, Zukunft ungewiss.

Alles Friede, Freude, Hoppsassa? Nee.

Natürlich kann man das QM auch kritisch sehen und das hat zuletzt vor allem das QM Schillerpromenade zu spüren bekommen (nachzulesen hier und hier und hier). Auch gibt es linke Gentrifizierungsgegner, die jegliche Aufwertungsmaßnahmen ablehnen, denn als Stadtentwicklungsinstrument befördert das QM die Gentrifizierung (hier ein Interview zum Thema). Denen ist zu entgegnen, dass das QM ja gerade dafür sorgen soll, dass die Aufwertung den Kiezbewohnern zu gute kommt und die Entwicklung nicht an den Bewohnern vorbeigeht. Und für Neukölln gilt: Die Aufwertung läuft. Man kann sie dem freien Markt überlassen und zuschauen, wie die Bewohner verdrängt werden. Oder man kann versuchen, die Stadtentwicklung zu steuern, so dass wir davon profitieren – weil der Kiez schöner wird, die sozialen Probleme angegangen werden, Kultur nicht zum Luxusgut der Privilegierten verkommt. Ob das gelingt, hängt allein von der Arbeit des jeweiligen QM ab, dem es gelingen muss, die Bewohner ins Boot zu holen und die Fördergelder sinnvollen Projekten zukommen zu lassen. Ob eine Kindersauna da so sinnvoll ist, kann man anzweifeln (nachzulesen im Rollberginfo,PDF, S.5).

Ein Problem, dass für alle Einrichtungen gilt, die mit Förderungen finanziert werden: Ein Quartiersmanagement leistet dann gute Arbeit, wenn es sich überflüssig macht. Und wer macht sich gern überflüssig?

 

Infoveranstaltungen zum QM:

Südlicher Quartiersbereich: 8.Februar, 18 Uhr im Interkulturellen Kinder- und Elternzentrum „Am Tower“, Oderstraße 174.

Für den Norden: 1o.Februar in der Genezarethkirche, Herrfurthplatz.

Links zu den QM-Webseiten:

 

5 Kommentare:

  • elmar lachskopf sagt:

    Ganz interessant sein dürften die Versuche, die unbedingt zu fördernde Bürgerbeteiligung im QM Schillekiez wieder zurückzufahren. Geht auch ganz leicht, für den Quartiersmanager sind einfach folgende Schritte einzuhalten:

    1. Reduziere die Mitgliederanzahl, die frei gewählt wird! Laut Rahmengeschäftsordnung des Senats sollen dies 1 pro 1000 Einwohner sein. Also im Schillerkiez bisher 21. Für die nächste Wahl sind nur noch 15 zugelassen.

    2. Sorge dafür, dass die bisherigen Querköppe weniger Chancen auf den Einzug haben. Das geht natürlich mit einer Quotenregel. Wer wird da bemüht? Natürlich erstmal die Migranten. 7 der 15 Mitglieder müssen von nun an Migranten sein. Die Querköppe werden sagen: „Na und? Sind ja immer noch 8 Plätze übrig“ Neeee, nicht so voreilig. Von diesen 8 Sitzen entfallen jetzt mind. 5 Sitze auf den südlichen Teil des Gebiets, die Gegend um den Wartheplatz. Man wisse laut Handlungskonzept nicht so genau, wie viele da wohnen, es seien so ungefähr 4000. Das 5/15 und 4000/21000 nicht ganz das gleiche ist – wen kümmert das schon?

    3. Um auf Nummer sicher zu gehen: Veranstalte die Wahl einfach im Quartiersbüro Schillerpromenade. Die Auszählung ist natürlich öffentlich, vorher werden die Urnen (Wahrscheinlich Schuhkartons mit Schlitz) 2 Wochen im Vorortbüro in der Schillerpromenade herumstehen.

  • Lars sagt:

    Hallo, du schreibst:

    „Ob das [die Steuerung der Stadtentwicklung] gelingt, hängt allein von der Arbeit des jeweiligen QM ab, dem es gelingen muss, die Bewohner ins Boot zu holen und die Fördergelder sinnvollen Projekten zukommen zu lassen.“

    Mit Verlaub, aber ist das nicht ein wenig naiv? Natürlich wollen die Leute in den Neuköllner Kiezen, dass sich Neukölln in mancher Hinsicht zum Besseren verändert. Doch wie lange kann man die Leute (die vielleicht auch durch das QM angesprochen worden) motivieren, wenn sie die erste, dann die zweite und dann die dritte Mieterhöhung im Briefkasten haben?

    Durch ein QM lässt sich die Stadtentwicklung nicht steuern, das machen Immobilienunternehmen und dazugehörige Hausverwaltungen. Das QM ist lediglich Begleiterscheinung dieses Prozesses. Kurzfristig gibt es gute Projekte. Langfristig wird es das QM nicht mehr geben, weil der „Aufwertungsprozess“ beendet ist und die zu Fördernden die Kieze längst verlassen haben.

    So gibt das QM in der Schillerpromenade z.B. eine Menge Geld für die Hofbegrünung aus. Das ist gut und zu begrüßen. Eine kostenlose Mietberatung, die nicht nur drei Stunden in der Woche angeboten wird, wäre mindestens genauso bedeutend – nein sie wäre wesentlich notwendiger. Zumindest wenn man das Ziel hat, die Leute hier zu halten.

  • Sabrina Markutzyk sagt:

    hallo lars,
    nein, naiv bin ich da nicht. ich sehe das qm ebenso kritisch, und habe dem auch ausdruck verliehen. deshalb auch das beispiel der qm-finanzierten kindersauna (da fallen mir drängendere probleme ein) sowie der schluss: „Ein Quartiersmanagement leistet dann gute Arbeit, wenn es sich überflüssig macht. Und wer macht sich gern überflüssig?“
    ich stimme dir bei deiner kritik zu: die beispiele, die du aufführst, wie bewohner-motivation und falsche schwerpunkte bei der gelder-verwendung sind aber genau fragen der praktischen qm-arbeit – damit bestätigst du ja mein argument.
    du hast auch recht, die aufwertung kann damit nicht gestoppt werden. wichtig wäre auch endlich eine drastische einschränkung der möglichkeiten zu mieterhöhungen (das ist aber sache des bundes).
    wenn das qm nur kurzfristig symptome bekämpft und in einzelfällen sogar hilft, ist das doch aber besser als nichts, oder? wenn das naiv ist, lasse ich mir das etikett aber gern ankleben.

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