von am 30. September 2013
Das Künstlerduo Anna Faroqhi und Haim Peretz

Das Künstlerduo Anna Faroqhi und Haim Peretz

Das Künstlerduo Anna Faroqhi und Haim Peretz gibt Dokumentarfilm- und Zeichenworkshops an Berliner Schulen und Institutionen. Selbst die wildesten Schüler lassen sich irgendwann begeistern. Ein Besuch in der Alfred Nobel-Schule in Britz.

Im Klassenzimmer der bilingualen deutsch-italienischen 9. Klasse herrscht Trubel. Der fünftägige Workshop ist fast vorbei, die Präsentation der Arbeiten steht an. Nachdem die beiden Künstler die Kids mehrmals aufgefordert haben, einen Stuhlkreis zu bilden, sitzen endlich alle. Zwei Lehrer sind auch gekommen, ebenso Thanassis Kalaitzis, Kulturagent an der Schule und Unterstützer und Mitinitiator des Projektes. Das Projekt entstand im Rahmen des Modellprogrammes „Kulturagenten für kreative Schulen“ an dem die Alfred-Nobel-Schule seit über einem Jahr teilnimmt. Die Comics, Ergebnisse des Workshops, hängen an den Tafeln. 19 Schüler, drei Mädchen, der Rest Jungs, haben sich in den letzten drei Tagen mit sich selbst, ihrer Familie und Herkunft beschäftigt. Und sie sind sichtlich bewegt. Die meisten von ihnen haben sich zum ersten Mal selbst gezeichnet. Das Feedback zum Workshop fällt fast einstimmig positiv aus, nicht nur, weil die Kids teilweise Musik hören durften, während sie zeichneten, sondern weil sie sichtlicht stolz auf ihre Werke sind.

neukoellner.net: Was sind die Themen eurer Schüler-Workshops?

Haim Peretz: Wir erarbeiten im Rahmen dieses Projekts biografische Comics. Der thematische Anker ist die Erkundung der eigenen Umgebung, der eigenen Familiengeschichte „Woher komme ich, woher kommen meine Eltern, wie kamen sie hierher, was mache ich hier ?” Alles kreist um die eigene Identität.

Anna Faroqhi: In unseren Workshops werden Themen aufgeworfen, die ganz wichtig sind, um Freundschaften aufzubauen, die aber oft noch nicht verhandelt wurden. Auf einmal finden die Schüler heraus, dass ihre Eltern aus derselben Gegend stammen oder dass jemand noch Geschwister an der Schule hat. Über solche familiären Gemeinsamkeiten kommen sich die Schüler näher. Nicht nur in dieser italienischen Klasse, auch in anderen Klassen ähneln die Einwanderergeschichten einander. So kam oft erst der Vater nach Deutschland und versuchte, hier etwas aufzubauen. Er holte sich dann eine junge Frau aus dem Heimatland. Viele Schüler müssen für ihre Mütter dolmetschen. Darüber, dass sie gemeinsame Erfahrungen teilen, beginnen die Schüler einander neu zu respektieren. Und das hilft einen Klassenverband zu stärken.

Haim Peretz: Als wir 2008 mit den Workshops begannen, dachten wir, wenn wir zwei oder drei Schüler erreichen mit unserer Arbeit, haben wir schon eine Menge getan. Wir erreichen aber fast immer die ganze Klasse.

Stellvertretend für alle anderen Schüler und ihre Comics: Zeichnungen von Carlo Zambito, Josel Canu und Christian Cuomo

Stellvertretend für alle anderen Schüler und ihre Comics: Zeichnungen von Carlo Zambito, Josel Canu und Christian Cuomo

Wie sind eure Workshops aufgebaut?

Haim Peretz: Normalerweise dauern sie fünf Tage, der erste Tag ist immer der härteste, der Kennenlerntag. Die Kids sind entweder desinteressiert oder aufgeregt, wollen uns beeindrucken. Sie erzählen uns, dass es im Grunde nichts zu erzählen gibt . Die Hintergrundgeschichten werden zunächst versteckt. Am zweiten und dritten Tag, wenn wir uns schon etwas kennengelernt haben, haben die Schüler plötzlich eine Ebene erreicht, wo sie aus der Seele sprechen. Sie zeichnen intensiv und viele wirken danach auch erleichtert, so als ob sie da etwas bearbeitet haben für sich…

Anna Faroqhi: Wir arbeiten mit allgemeinen zeichnerischen Übungen und Einzelgesprächen anhand der individuellen Arbeiten. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der immer wieder auftaucht: Viele Menschen haben sich noch nie selbst gezeichnet und wissen gar nicht, wie das geht. Sehr oft halten wir den ganz Ratlosen einen Handspiegel hin. Gemeinsam mit dem Schüler betrachten wir das Gesicht im Spiegel. Der Stolz, wenn dann ein schönes Porträt herauskommt, das irgendetwas mit dem Kind selbst zu tun hat, ist ganz groß. Ich glaube, dass das etwas mit einem macht, wenn man sich selber auf einem Blatt Papier wiedererkennt und weiß: Du hast das selbst gezeichnet. Etwas, das mehr als Worte ist. Eine Selbsterkenntnis.

Fällt es den Schülern leicht, sich auf die Workshops einzulassen?

Anna Faroqhi: Auf das Zeichnen an sich ja. Die Beschäftigung mit sich selbst und der Familie ist allerdings für viele sehr schmerzhaft. Wenn man die Zeichnungen analysiert, sieht man eine Menge Emotionen wie Einsamkeit, Schmerz, und Trennung. Wir haben schon Geschichten von Kindern bekommen, die einen Elternteil verloren haben oder von solchen, in deren Familien häusliche Gewalt herrscht.

Das sind Informationen, die ihr aus Gesprächen mit den Lehrern wisst?

Anna Faroqhi: Ja, aber manchmal erzählen uns das die Schüler auch selber. In dieser Klasse jetzt ist ein Junge mit schwerem familiären Hintergrund, der zeichnerisch sehr begabt ist. Er hat eine eigene Handschrift, man sieht die Fähigkeit, seine Gefühle kreativ umsetzen zu können. Er wusste vorher nicht einmal, dass er so gut zeichnen kann. Ihr habt im Laufe der Zeit sehr viele unterschiedliche Schüler und auch Biografien kennengelernt.

Ausstellungsvorbereitung: Die fertigen Werke des Comic-Workshops an der Alfred Nobel-Schule in Britz

Ausstellungsvorbereitung: Die fertigen Werke des Comic-Workshops an der Alfred Nobel-Schule in Britz

Schafft ihr es immer, mit den Schülern eine gute Arbeitsatmosphäre aufzubauen oder gibt es auch Hürden?

Anna Faroqhi: Wir hatten immer wieder wilde Klassen, in denen niemand auf die Lehrer hört.

Haim Peretz: Die Schüler in einer solchen Gruppe hier in Neukölln kamen aus Syrien, Ägypten, Palästina und dem Libanon. Als ich mich vorstellte und sie hörten, dass ich Israeli bin, ging ein Tuscheln durch die Reihen, einer der Jungs begrüßte mich mit Hitlergruß. Er hat übrigens am Ende eine ganz gute Zeichnung hingekriegt und wir entwickelten ein freundschaftliches Verhältnis. Der Hitlergruß war eine Provokation, unreflektiert, im ersten Moment ziemlich schockierend. Aber es ging weiter…

Anna Faroqhi: Ja, die palästinensischen Schüler haben Haim dann gefragt: „Was ist Jerusalem? Was ist die Bedeutung von Jerusalem?“ Sie wussten nur sehr vage, dass dieses Wort wichtig ist. Die historischen oder geografischen Zusammenhänge waren nicht klar. Mit Haim lernten sie ihren ersten Juden kennen, überraschenderweise einen, mit dem sie lachen und Fußball spielen konnten. Unsere Arbeit ist also auf eine bestimmte Art und Weise Friedensarbeit.

Eure Arbeit ist mitunter anscheinend ziemlich nervenaufreibend. Sind widerspenstige Schüler für euch ein Neukölln typisches Phänomen?

Anna Faroqhi: Wir machen auch Workshops in anderen Bezirken. Ich finde es schwierig, hier bezirksbezogene Unterschiede oder Klassifizierungen auszumachen und Kinder zu vergleichen, sie sind alles Individuen. Es gibt immer wieder so viele Überraschungen und Begabungen, die hochinteressant sind.

Wie sind eigentlich die Workshops entstanden, wann habt ihr damit angefangen?

Anna Faroqhi: Wir haben 2008 in Kreuzberg ein Schulprojekt mit kurzen essayistischen Dokumentarfilmen gemacht. Über dieses Projekt haben wir den Projektfonds Kulturelle Bildung kennengelernt. 2009 habe ich zusammen mit der ehemaligen Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland das Comic „Weltreiche erblühten und fielen – 650 Jahre Geschichte Neuköllns“ erarbeitet. Sie hat sie mich gefragt, ob ich bereit wäre, auch so eine Comic-Arbeit mit Schülern zu machen. So hat es 2010 mit den Comic-Workshops in Neukölln begonnen.

Wie kommt der Kontakt mit den Schulen zustande?

Anna Faroqhi: Anfangs sind wir direkt zu Schulen gegangen und haben unsere Projekte vorgestellt. Inzwischen kommen Schulen oder Lehrer selbst auf uns zu. Dieses Projekt wird gefördert von den Kulturagenten.

Haim Peretz: Wir arbeiten als Team , was oft von unseren Geldgebern kritisiert wird, weil es teurer ist. Wir denken aber, dass es besondern in schwierigen Klassen wichtig ist, mehr als das Personal anzubieten, das im Schulalltag da sein kann. Durch diese Überbetreuung besteht kurzzeitig die Möglichkeit, mit jedem Schüler individuell zu arbeiten.

Anna Faroqhi mit Frauen eines Mütterkurses an der Volkshochschule und Haim Peretz mit Schülern der Richard-Grundschule, Neukölln 2012

Anna Faroqhi mit Frauen eines Mütterkurses an der Volkshochschule und Haim Peretz mit Schülern der Richard-Grundschule, Neukölln 2012

Wo gibt es in euren Augen Defizite an den Schulen? Was würdet ihr gerne mal für ein Projekt machen?

Anna Faroqhi: Wir wollen gerne mit Musik und Film arbeiten. Wir haben 2012 mit Frauen eines Mütterkurses an der Neuköllner Volkshochschule ein Projekt gemacht, in dem diese sich mit Liedern vorstellen, an Orten die sie selbst gewählt haben – das würden wir gerne mit Schülern machen. Kunst und Musik sind oft unterrepräsentiert an Schulen.

Haim Peretz: Diese Medien-Nichterziehung führt u.a. auch dazu, dass bei vielen Kids Film mit Youtube gleichgesetzt wird, es herrscht eine totale Verflachung der Wahrnehmung. Wir möchten ihnen zeigen, dass es mehr gibt auf dieser Welt, wir möchten ihre die Außen- und Selbstwahrnehmung mit künstlerischen Mitteln stärken.

Ihr arbeitet nicht nur viel in Neukölln, ihr lebt auch seit fast zehn Jahren im Schillerkiez…

Haim Peretz: Wir sind aus Kreuzberg hierher gezogen, weil wir eine größere Wohnung brauchten. Damals war es als Übergangslösung gedacht, vielleicht für zwei Jahre, daraus wurden vier… dann wurde unsere Tochter Sita geboren, wir fanden den fantastischen Kinderladen in der Allerstraße – und jetzt stellen wir fest, dass wir hier sehr glücklich sind. Wir hatten uns damals gleich in diese Gegend verliebt, weil die Schillerpromenade aussieht wie der Rothschild Boulevard in Tel Aviv.

Wie empfindet ihr die rasante Entwicklung, die dort derzeit von statten geht?

Anna Faroqhi: Die Lebensqualität hier hat sich deutlich verbessert, auf dem Spielplatz am Sportplatz liegen keine Spritzen mehr, es gibt mehr Möglichkeiten, etwas einzukaufen.

Haim Peretz: Offensichtlich wurde die Veränderung sehr früh am unteren Ende der Selchower Straße, dort, wo sie auf die Herrmannstraße trifft. Diese Ecke galt früher als die härteste hier in der Gegend, jetzt gibt es hier einen Second-Hand-Laden, einen Plattenladen, ein gut besuchtes Café und sogar Beete am Straßenrand. Und jede Menge Touristen und Rollkoffer…

Anna Faroqhi: Nur der Eierladen, der war schon immer da und sieht aus, als würde er immer bleiben. Ich habe dort noch nie Eier gekauft, finde ihn aber als Symbol für diese Gegend hier ganz wunderbar. Er taucht auch in einem meiner Filme auf, es war ein Film für die Manifesta in Bozen 2008 über die jüdische Vergangenheit von Häusern, die nicht mehr sichtbar sind. Der Film war auch im Museum Neukölln zu sehen. Wegen unserer vielfältigen Arbeit in Neukölln kennen wir recht viel von diesem vielfältigen Bezirk, mehr als die kleinen Fleckchen, die wir im Alltag nutzen. Wir sind immer noch neugierig auf alles Unbekannte.

Anna Faroqhi und Haim Peretz arbeiten seit 2003 zusammen. Anna Faroqhi ist Filmautorin und Zeichnerin. Ihre Arbeiten werden in internationalem Rahmen präsentiert. Haim Peretz ist Rahmenbauer und Videotechniker. Die beiden unterrichten Film und Videopraxis an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. Zu ihren pädagogisch-künstlerischen Projekten in Neukölln gehören u.a.: Das Buch vom Bömischen Dorf – ein Stadtführer von Kindern für Kinder (2013): Mitmachbuch für Schüler, erarbeitet mit Schülern der Richard-Grundschule Neukölln; Verborgene Stimmen (2012): 15 Videoportraits von Teilnehmerinnen eines Mütterkurses VHS Neukölln; Das bin ich (2011/12): Erarbeitung von Schülercomics und Präsentation im Saalbau Neukölln

 

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