von am 6. September 2012

Sie kommen, um zu bleiben. Viel Diskussionsstoff gab es beim Talk im Körnerpark zum Thema „Roma in Neukölln“.

„Romano Suno– Gipsy Dreams“, heißt ein Song des Wiener Jazzmusikers Harri Stojka, der aus einer Lovara-Roma-Familie stammt. Romanistan, das war so ein selbstbewusster Traum. Ein eigenes Land für die Heimatlosen. Ein Ende der Diskriminierung als „fahrendes Volk“.

Bei den „Parkgesprächen“ der Talk-Reihe im Körnerpark, erklärte Anna Schmitt von Amaro Foro, dem Landesverband der interkulturellen Jugendgruppe Amaro Drom, gleich zu Beginn, dass die Staatenidee nie konkretere Formen annahm. Die Bleiberechtsbewegung setzte sich durch. „Alle bleiben!“ heißt somit auch eine Kampagne ihres Vereins, der mit ihr und ihrem bulgarischen Kollegen Georgi Ivanov gleich doppelt auf dem Podium vertreten war. Amaro Drom setzt sich für die Selbstbestimmung von Roma ein und kämpft gegen Rassismus und Diskriminierung, denen sie häufig ausgesetzt sind.

Anna Schmitt hatte den größten Redeanteil in der Gesprächsrunde zum Thema „Roma in Neukölln – Mythos und Vorurteil“ im Körnerkiez – und das, obwohl mit Arnold Mengelkoch, dem Migrationsbeauftragten von Neukölln, ein redefreudiger Politiker anwesend war. Dem wurde gleich bei seinen ersten Ausführungen zur Situation der Roma im Bezirk von einer jungen Frau aus dem Publikum vorgeworfen, diskriminierende Stereotype über Roma zu verbreiten. Mit Sätzen wie „wir kümmern uns nicht um die Scheibenwischer“ und sie müssten aufpassen, „dass die Mädchen in die Schule gehen und nicht mit 13 schwanger werden und wegbleiben“ oder der Abgrenzung der Roma von „Bio-Deutschen“ lieferte Mengelkoch Steilvorlagen für den Protest aus dem Zuschauerraum, der mit etwa 60 Zuhörern mehr als ausgelastet war.

Brennendes Sofa im Treppenhaus

Die Moderatoren Martin Steffens und Heidi Göbel hatten zeitweilig gut zu tun, um die rege Diskussion im Zaum zu halten. Es ging um Vorurteile, Unsicherheiten im Umgang mit Roma und auf Seiten der Roma selbst, um Unwissen und Zukunftsprognosen. Von einem aktuellen fremdenfeindlichen Übergriff berichtete eine Roma aus dem Publikum: In ihrem Haus wurde ein Sofa im Treppenhaus angezündet. Ein lebensgefährlicher Akt von Antiziganismus, der zuvor schon auf einem Schild in der Nachbarschaft mit der Aufschrift „Verein gegen Sinti und Roma“ abzulesen war.

Auf die schwierige Wohnsituation vieler Roma in Neukölln wies der Leiter der Hans-Fallada-Schule Carsten Paeprer hin. Auf dem Grundstück direkt neben dem Schulgebäude wohnen viele Roma, die Zustände dort seien sehr bescheiden gewesen. Allerdings gab es hier große Entwicklungen, seit die katholische Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft die Gebäude im Sommer 2011 gekauft hatte und nun sanieren lässt. Carsten Paeprer wertete die Erfolge in der Harzer Straße allerdings als Glücksfall, der leider nicht zu verallgemeinern sei.

In der Hans-Fallada-Schule kommen insgesamt 30 Nationen zusammen, rund 100 von 400 Schülern sind rumänischer Herkunft. Auf etwa 700 schätzt der Bezirk die Zahl der Kinder aus Rumänien und Bulgarien an Neuköllner Schulen. Carsten Paeprer rechnet mit einem Anstieg der Schülerzahlen, denn „wer sich hier erstmal wohlfühlt, der zieht weitere nach sich, und so werden es also immer mehr.“ Nach solchen Sätzen lag Spannung in der Luft im Kreativraum der Galerie im Körnerpark. Sollte das jetzt bedrohlich klingen oder war das ein Anflug von Resignation?

Keine Zwangsschulungen

Dabei bemüht sich die Hans-Fallada-Schule ja um Integration. Mittlerweile arbeiten hier Sprachmittler rumänischer Herkunft, es gibt Alphabetisierungskurse, kleine Lerngruppen und Ferienschulen. Auch wird in Kürze ein Elterntreff in der ehemaligen Hausmeisterwohnung eröffnen, der als Ort der Begegnung für die Bewohner des umliegenden Quartiers gedacht ist.

Interkulturellen Unterricht in den Schulen, das wünscht sich auch Anna Schmitt. Es geht ihr nicht nur um die Stärkung des Selbstbewusstseins und der Rechte der Roma, sondern um eine Sensibilisierung auf beiden Seiten. Sie spüre bei ihrer Arbeit noch „viele Hürden in der Verwaltung“, die gelte es abzubauen. „Angebote sind da“, meinte darauf Arnold Mengelkoch, aber die seien freiwillig, „es gibt natürlich keine Zwangsschulungen des Personals.“ Wie gut sie besucht werden kommt also darauf an, wie gut sie beworben werden – da muss dann auch der Migrationsbeauftragte ran.

Um die „Wunderwaffe Ehrenamt“ geht es bei den nächsten „Parkgesprächen“ am 28. September um 19 Uhr

 

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