von am 21. Februar 2013

Glockenalarm nach Mitternacht. Eine Detektivgeschichte. (Mit Beweisvideo.)

Bäng, bäng, bäng… Es läutet die Arme-Seelen-Glocke eine Stunde nach Sonnenuntergang. Zur Orientierung für alle, die sich zu weit von der Stadt entfernt oder verirrt haben. Bäng… macht die Sturmglocke bei starken Unwettern oder Bränden. Bäng, bäng, bäbäng… stundenlanges Neujahrsläuten zur Vertreibung böser Geister.

Gemessen am früheren Glockenalarm ist es still geworden in unseren Dörfern und Städten. Da tönt es zu den Gottesdiensten, zu Fest- und Trauertagen, zum Gebet; oder ganz profan zum Uhrschlag, aber um zehn ist dann auf jeden Fall Schluss. Schließlich gibt es Lärmschutzverordnungen, die sich um die Nachtruhe kümmern. Darin wird festgelegt, was noch Glockengeläut ist und was schon unzumutbarer Krach. Alles geregelt, dachten wir, da erreichte uns ein Brief.

Liebes Neuköllner-Team,
ich schreibe euch aus anbahnender Verzweiflung, vielleicht habt ihr ja eine Idee. Meine Freundin wohnt in der Donaustraße und hat gestern Nacht bei Kirchglocken-Zeitschlag alle 15min bis mind. 3Uhr nachts zum zweiten Mal in einer Woche keinen Schlaf gefunden. Wisst ihr zufällig von ähnlichen Beschwerden und Berichten?

Viele Grüße
Arjan

St. Christophorus, Martin-Luther oder St. Clara – alles Kirchen mit Glockentürmen nahe der Donaustraße. Hier also beginnt die Detektivgeschichte, doch die Anrufe bei den Gemeinden führen ins Nichts: Keiner läutet mehr nach 22 Uhr. Glockengeläutgegner gibt es in Berlin, der vermeintlichen Hauptstadt der Heiden, wohl auch so schon genug. Ein Pfarrer spricht vom ungewöhnlichen Nordwind, der vielleicht sonst nicht vernehmbare Klänge herüberwehe, eine Mitarbeiterin von einem Elektronik-Defekt, aber der sei schon ein Jahr her. Und doch findet Arjans Freundin keinen Schlaf. Bäng, bäng, bäng… so geht es weiter Nacht für Nacht. 

Also machen sie sich auf, trotz Winterkälte und mitten in der Nacht. Mit Handyvideokamera bewaffnet, immer den Glockenschlägen nach. Die Donaustraße herunter, die Fuldastraße rechts rein, einen Abstecher zur Briesestraße, zurück zur Karl-Marx-Straße – und dann sind sie am Ziel. Um Viertel nach zwei ist der Feind des Schlafes ausgemacht. Von wegen Kirchenlärm, das Rathaus hält seine Bürger wach! Alle Viertelstunde: Bäng. Zur halben Stunde schlägt es zwei Mal bäng, um drei viertel bäng, bäng, bäng und zur vollen Stunde bäng mal soundsoviel Uhr. Und das alles noch nach Mitternacht. Das Bezirksamt selbst als Ruhestörer, der Draht zum Ordnungsamt ist also kurz. Arjan und seine Freundin erreichen dort am nächsten Morgen eine freundliche Mitarbeiterin, der noch keine weiteren Beschwerden vorliegen. Sie fordert die beiden auf, eine schriftliche Erklärung wegen Lärmbelästigung gegen ihren Arbeitgeber einzureichen.

Liebe Cara,
ich gebe dir mal ein kurzes Update: Wir wurden dann vorstellig beim Bezirksamt. Dort haben wir mit einer Dame vom Bereich „Objektmanagement“ gesprochen, die erstmal nicht viel Interesse an dem Fall zu haben schien. Sie hat unseren mitgebrachten Brief aber weitergeleitet und siehe da, nach 2 Tagen bekam ich einen Anruf von einem Herrn, dass sich ein Unternehmen um die Glockenanlage kümmern wird. Glücklicherweise war am gleichen Abend zum ersten Mal der Glockenschlag abgestellt und damit der Spuk endlich vorbei!

Viele Grüße
Arjan

Die zuständigen Mitarbeiter im Bezirksamt gehen davon aus, dass ein Stromausfall im Gebäude eine Störung in der Signalanlage nach sich gezogen hat. Ein Bürger habe sie darauf aufmerksam gemacht, anscheinend hatte das ansonsten noch niemand bemerkt. Früher dachte man noch, dass Glockengeläut nahende Katastrophen verhindern könnte. Heute spricht keiner mehr von Magie, nur noch von Ruhestörung und technischem Defekt. 

Der Artikel ist in unserer Printausgabe erschienen. Ihr findet sie in Bars, Cafés, sozialen Einrichtungen, kulturellen Institutionen und Geschäften überall in Neukölln.

 

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