von am 23. Oktober 2012

Wie kommt es dazu? Dass du und ich und so viele andere in dieser unglücklichen Denkstruktur festgefahren sind? Überlegungen zum Schubladendenken unserer Gesellschaft.

Mit der Zeit sind wir blind geworden. Ich behaupte, mit der Zeit, weil ich die Hoffnung oder die Illusion habe, dass es früher anders war und irgendwann auch wieder anders sein könnte.

Kann es sein, dass wir jemals die Welt in ihrer tatsächlichen Buntheit gesehen haben? Mit dem Verlauf der Jahre aber gelernt haben, zwischen grün und blau zu unterscheiden? Stell dir vor, auf dem Weg vom prototypischen Blau bis zum Grün gäbe es eine unendliche Vielzahl an Farben. Du kannst sie zwar sehen, aber dir fehlen die Worte, um sie zu beschreiben.

Mangelnde Ausdrucksfähigkeit

Berlin trägt im Sommer ein so wunderbar grünes Gewand, dass es viele andere Städte darum beneiden könnten. Aber es als „grün“ zu bezeichnen, ist eine starke Reduzierung, welche der Realität keinesfalls entspricht. Allein das Betrachten der vielfältigen Pflanzen in meinem Zimmer verursacht unterschiedliche Empfindungen bei mir als Betrachter. Wenn ich jetzt versuchen würde, dir davon zu erzählen, müsste ich aufgrund meiner mangelnden Ausdrucksfähigkeit viel zu schnell wieder aufgeben.

Die Versuchung liegt nahe, die Schuld auf meinen begrenzten Wortschatz zu schieben. Ich behaupte von mir, die Welt in ihrer vollen Vielfalt erkennen zu wollen, habe aber große Schwierigkeiten mit deren Beschreibung. Somit bin ich zwar nicht in der Lage, meine Empfindungen in poetischer Weise zum Ausdruck zu bringen, aber zumindest beruhigt mich der Gedanke, diese Schönheit in mir aufnehmen zu können.

Wenn du auf die Straße blickst, geschieht etwas Ähnliches. Wir bemerken die eigentlich unzählbare Vielfalt an Wesen nur mehr reduziert. Du behauptest, auch hier erkennen zu können, dass nicht alle gleich sind. Dennoch, wenn du mir von ihnen erzählst, überschreiten deine Begriffe nicht einmal die Anzahl der Finger an unseren Händen. Wir haben es also geschafft, vielleicht auch ohne es zu wollen, die gesamte Menschheit mit unseren bloßen Händen zu fassen.

Eingeschränkte Weltanschauung

Nun aber, nachdem wir entdeckt haben, dass wir die Welt nicht absichtlich reduzieren, sondern dass wir in einem begrifflichen Fangnetz stecken, müssen wir uns eine weitere Frage stellen: Funktioniert dieser gesamte Wahrnehmungs- und Ausdrucksprozess auch umgekehrt?

Wir haben ja soeben behauptet, dass wir das Glück haben, mit all unseren Sinnen von den bunten Klängen dieser Realität berührt zu werden. Leider nur niemandem davon berichten zu können. Da wir aber so sehr von unserem Ausdrucksvermögen abhängig geworden sind, wäre es durchaus möglich, dass unsere Begrifflichkeit auch unsere Wahrnehmung einschränkt. Dass die Logik unsere Sinne täuscht.

Heutzutage kannst du in bestimmten Kontexten sogar immer wieder von nur einer Handvoll „Menschenkategorien“ hören. Na gut, es gibt in diesem Land zirka achtzig Millionen Menschen, aber sie werden immer wieder in diese paar Gruppen eingeteilt. Dies klingt zwar absurd in deinen Ohren, aber trotzdem akzeptierst du es und wiederholst es auch, wenn du deine soziale Wirklichkeit zu beschreiben versuchst. Es ist ein extremes, aber dennoch immer wieder auftauchendes Beispiel der Beschränktheit unserer Weltanschauung.

Begegnung ohne Kategorie

Und was hat das mit dir und mir zu tun? Ich möchte uns hiermit nicht von einer kulturellen Kurzsichtigkeit heilen. Es ist zwar traurig zu denken, dass ich gelernt habe, meine Augen vor der Welt zu verschließen. Aber das ist meine Sache. Oder deine. Wo wir aber handeln müssen und es nicht mehr als tragisches Schicksal hinnehmen dürfen, das ist dort, wo Menschen aufgrund dieses dürftigen Vokabulars in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt werden.

Aber wie können wir handeln? Was können wir tun? Wie soll ich sie denn sonst nennen, diese Menschen, von denen ich dir erzählen will? Noah würde dir antworten: Nenne sie doch Maria oder Jan. Wie auch immer sie heißen mögen. Wichtig ist, dass du ihren Namen verwendest und nicht den von dir für sie ausgedachten. Aber da kommen wir auch schon gleich zum Kern dieses Problems.

Wir alle wiederholen diese lähmenden Sprachmuster. Gehe ich zu weit, wenn ich behaupte, dass wir alle schon einmal in einer Situation waren, in der wir so getan haben, als seien wir ein Anmeldeformular: „Wie heißt du? Was machst du? Woher kommst du? Wie alt bist du? Wo wohnst du?“ Sind das wirklich die Dinge, die als erstes interessieren? Vor kurzem erklärte mir jemand, das sei ein Problem von „fehlender Kreativität“.

Aber es ist nicht nur das Problem fehlender Kreativität, sondern eines unserer gesamten Gesellschaft. Menschen werden bestimmten Kategorien zugeordnet und dadurch wird das Verhalten ihnen gegenüber bestimmt.

Lasst es uns doch anders probieren. Könnten wir es schaffen, miteinander ohne Kategorisierung umzugehen? Wie würden wir uns dann begegnen?

Mehr Artikel über Begegnungen und Auseinandersetzungen, Vielfalt und Einfalt im „zusammen leben“ findet ihr in der aktuellen Ausgabe der Schillerkiezzeitung Promenadenmischung.

Im Rahmen der offenen Redaktionssitzung lädt die Redaktion der Promenadenmischung dazu ein, über diese Themen zu diskutieren: am 06.11.2012 um 18:00 Uhr im Warthe-Mahl in der Warthestraße 46.

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