von am 11. Dezember 2014
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Keine Opiumhöhle in Neukölln, sondern das Sleephotel

„Wer arbeitet, dem ist der Schlaf süße“ heißt es im Alten Testament – was früher galt, ist heute naiv – die Ökonomisierung des Menschen will längst auch dessen Schlaf vereinnahmen. Zwei Theatermacher werfen ein Schlaglicht auf die ungute Entwicklung und wählten dafür Neukölln und Delhi.

Von Hanna Freudenreich und Björn Müller

Für Dichter Heine war er „köstlich“ – Diktator Napoleon spottete dagegen über Idioten, die ihm länger als fünf Stunden nachkamen – die Rede ist vom Schlaf. Seit jeher streitet der Mensch über den Wert des Schlummerns. Für die einen ist er die ultimative Quelle der Erholung. Für die anderen gilt: soviel wie nötig, aber bitte so wenig wie möglich. Für dieses Lager ist der Schlaf ein notwendiges Übel, das den Homo Sapiens in seinem Lauf aufhält.

Heute, in Zeiten globaler Ökonomisierung, dominiert die Denke vom „notwendigen Übel“ immer stärker unsere Beziehung zum Schlaf. So sehen das zumindest zwei Theatermacher. Der Deutsche Frank Oberhäußer und sein indischer Kompagnon Amitesh Grover dachten sich „Downtime“ aus; wo nicht Schauspieler sondern die Besucher selbst das Thema Schlaf für sich erschließen. Ein Teil der Downtime-Performance war das „Sleephotel“ in Berlin-Neukölln und gleichzeitig in der Mitte Delhis – eine Art transkontinentaler Sleep-In in zwei Städten, deren Bewohner sich schon konsequent von der Idee des natürlichen Schlafens verabschiedet haben. Ausstellungsbesucher in Berlin und Delhi konnten gleichzeitig zu Bett gehen und sich über ihre Schlaferfahrungen austauschen – in Berlin gab es dazu zwölf Feldbetten im Arts Café KMS 145; jedes davon per Standleitung oder Video mit einem Pendant in Delhis Goethe Institut verbunden.

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Die Sleephotel-Crew: Christin Prätor, Katharina Rahn, Georg Werner, Frank Oberhäußer (von rechts nach links)

Das Ziel des interaktiven Theaters: Den Menschen bewusst machen, wie sehr sich, je nach Kultur, ihre Schlafmuster unterscheiden und wie diese durch die Globalisierung deformiert werden. In Indiens Hauptstadt ist der Schlaf bereits nach vier Rush-Hours getaktet, wie Oberhäußer erzählt – die Rush-Hour am Morgen, eine für die Nachtschichtler sowie zwei für die Servicekräfte, die den Märkten in Europa und den USA zuarbeiten. In Berlin und der westlichen Welt sorgen die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und die Tendenz zur Selbstausbeutung für immer mehr Schlafentzug. „Im Unterschied zu Indien wird das hier aber sogar freiwillig hingenommen“, meint Oberhäußer. Der Theatermann ist überzeugt: „Schlafen ist als Grundbedürfnis des Menschen gesellschaftliche nicht mehr anerkannt“. Schlafmangel gilt als Symbol für Leistungsfähigkeit und Erfolg. Gleichzeitig versucht die so genannte Schlafindustrie, den Schlummer durch Produkte wie Hightech-Matratzen, Schlafphasen-Apps und Medikamente so zu trimmen, dass die Leistungsfähigkeit im Wachzustand noch optimaler wird. Schlaf hat zunehmend keinen eigenen Wert mehr.

Mit „Ragas“ schlafen Inder ein

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Sleep-Hotelier Oberhäußer weist die Gäste ein. Auf der Leinwand: Die Schlafkabinen in Indien

In den Sleephotel-Performances wurde der Schlaf zum Politikum erklärt und der Besucher dazu angeregt, sich aktiv mit etwas ansonsten nur passiv wahrgenommenen Schlafverhalten zu beschäftigen. Auf den Interessierten wartete bei jedem Performance-Bett nebst warmen Decken eine Aufgabe, um über den das eigene Schlafverhalten zu reflektieren. Und das nie alleine, sondern immer mit einem Besucher am indischen Ende der Leitung. Drei Beispiele: Im „Diagnosis Bed“ konnte man sich gegenseitig per Fragebogen eine Schlafanalyse erstellen. Im „Recall Bed“, tauschte man sich über die Wirkung von Traumbildern aus.

Einem Teilnehmer erzählte der indische Spanischlehrer Aman von seiner Schlangenphobie oder den Gedankenstrudeln, die ihn nachts übermannen, sowie von seiner Unsicherheit dabei, solche Fragen überhaupt mit einem Fremden zu diskutieren. Schlaf, so zeigt sich, ist über die Kulturen hinweg ein sehr intimes Thema und tief mit den unterschiedlichen menschlichen Ängsten verbunden. Ein Grund mehr, sich wieder auf den Wert von Schlaf zu besinnen, und weniger an den nächsten Tag zu denken. Im „Music Bed“ gab es den Austausch von Schlummerliedern per You Tube. Die Erkenntnis auf deutscher Seite: Schummrige Elektrosounds & Co. kommen den Indern nicht auf ihre Gute-Nacht-Playlist. Sie bevorzugen so genannte „Ragas“, überlieferte instrumentale Meditationslieder, die das Einschlafen fördern sollen.

So unterschiedlich schläft die Welt

Unterschiede bei der Zubettgeh-Musik sind nicht die einzigen Unterschiede in Sachen Schlafkulturen der Welt. So ist der einphasige Nachtschlaf von acht Stunden, wie wir ihn kennen, keine Selbstverständlichkeit. Im Mittelalter schliefen die Menschen in zwei längeren Phasen, dazwischen wurde gedöst, meditiert oder man hatte Sex. Erst die Erfindung der Glühbirnen verlängerte die Wachzeit extrem. In Japan praktiziert man Inemuri, auf Deutsch: „anwesend sein und schlafen“ – das sind kurze Schläfchen während der Arbeitszeit, und in Spanien und Südamerika gibt es die Siesta-Kultur. Doch diese Schlafkulturen sind durch die Globalisierung vom Aussterben bedroht. Die Gleichschaltung der Märkte verlangt auch die Gleichschaltung des Schlafs. In Deutschland, so Frank Oberhäußer, schläft man heute im Durchschnitt eine Stunde weniger als noch vor 15 Jahren.

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