von am 1. September 2017

Schon als Neukölln noch Rixdorf hieß, wurde hier kräftig gefeiert – Postkarte: Museum Neukölln

Schon vor 100 Jahren hatte Neukölln ein Imageproblem. Damals war der Bezirk noch eine pulsierende Stadt namens Rixdorf. Den Ruf als Arbeiterhochburg und verruchten Vergnügungsort wollten die konservativen Stadtväter aber unbedingt loswerden. Also verpassten sie Rixdorf einen neuen Namen: Neukölln war geboren.

Von Annalena Baasch & Marie-Therese Roth

Ein Sonntag im Januar 1912, 20 Uhr. Im Vergnügungszentrum „Neue Welt“ ist Hochstimmung, grölendes Gelächter, derbe Sprüche, ein Bierglas nach dem anderen wandert über die Schanktheke. Die Kapelle spielt auf und unter Beifall legen einige Gäste den „Rixdorfer“ aufs Parkett.

„Uff den Sonntag freu ick mir,
Denn da jeht et raus zu ihr,
Feste mit vereinigtem Sinn,
Pferdebus nach Rixdorf hin …“

Als das Lied zum ersten Mal im Berliner Wintergarten aufgeführt wird, entwickelt es sich über Nacht zu einem Publikumshit. Seine Popularität beschränkt sich nicht auf Rixdorf: Bald schon tanzt man überall im Berliner Raum und darüber hinaus zu den Tönen von „In Rixdorf is Musicke“ mit Schiebetänzen durch die Kneipen.

Ein Vergnügungsort der Arbeiterklasse

Nicht nur das Lied, auch Rixdorf erlangt in jener Zeit Bekanntheit über die Grenzen Berlins hinaus – und zwar als Vergnügungsort der Arbeiterklasse, an dem zwar viel gelacht und getrunken, aber auch raue Töne angeschlagen werden und die Zahl der kriminellen Aktivitäten steigt. Rixdorfs Ruf sei ruiniert, sagen manche Einwohner und der Rixdorfer Grundbesitzerverein. Ein neuer Name soll Abhilfe schaffen. Man müsse sich vom wenig klangvollen „x“ trennen und überhaupt, der Zusatz „-dorf“ charakterisiere Rixdorf schon lange nicht mehr.

Tatsächlich hat Rixdorf ein bemerkenswertes Bevölkerungswachstum vorzuweisen: Von 600 Anwohnern im Jahr 1840 zu knapp 250.000 Anwohnern anno 1912. Billige Mieten und die Nähe zu Berlin haben Rixdorf zu einer Großstadt gemacht, die hauptsächlich von Arbeitern, Dienstboten, Geringverdienern und ihren Angehörigen bewohnt wird. In den Mietskasernen leben Großfamilien auf engstem Raum, mehrere Mietparteien teilen sich einen Waschraum. Aufgrund des gedrängten Beisammenseins herrscht eine angespannte Atmosphäre, Lärm und Streit sind an der Tagesordnung.

Der große Arbeiteranteil spiegelt sich auch in der Politik wider: Rixdorf ist eine der wenigen SPD-Hochburgen in der damaligen konservativ-preußisch dominierten politischen Landschaft. Die Sozialdemokraten sind der Meinung, dass ein neuer Name keine positiven Veränderungen für die Bürger bedeuten würde. Und würde eine Umbenennung zudem nicht signalisieren, dass man sich des Namens und Rufes, der immerhin eng mit der Arbeiterschicht verbunden wird, schämen würde?

Reiche Bürger bevorzugt

Zwar sind die Sozialdemokraten im Rixdorfer Rat stark vertreten, doch wird der Magistrat der Stadt aufgrund des preußischen Dreiklassenwahlrechts vom bürgerlich-konservativen Lager dominiert. Das Wahlrecht sorgte dafür, dass reiche Bürger deutlich bevorzugt wurden. Ebenjene Politiker sind es, die die Initiative des Rixdorfer Grundbesitzervereins zur Umbenennung der Stadt unterstützen. Der Verein hatte bereits im Jahr 1907 einen entsprechenden Antrag gestellt. Der proletarische und liederliche Ruf Rixdorfs ist den Grund- und Hausbesitzern ein Dorn im Auge. Sie wollen nicht in Arbeiterwohnungen investieren, sondern in Siedlungen, die man gewinnbringend an Wohlhabende vermieten kann.

Auch die bürgerlichen Politiker verfolgen wirtschaftliche Interessen. Da die meisten Bewohner Rixdorfs nur sehr wenig Geld verdienen, nimmt die Stadt kaum Einkommenssteuern ein. Daher würden dem Magistrat einige neue zahlungskräftige Einwohner sehr gelegen kommen.

Trotz Umbenennung: Ein bisschen Rixdorf steckt in jedem von uns. – Postkarte: Museum Neukölln

Die Umbenennungsversuche von 1907 scheitern jedoch, da die Sozialdemokraten und einige Unternehmer aus Rixdorf diese nicht unterstützen. Die ansässigen Firmen befürchten Verluste für ihr Geschäft, so unter anderem die Deutsche Linoleum- und Wachstuch-Compagnie Rixdorf-Berlin, deren „Rixdorfer Linoleum“ ein Verkaufsschlager ist.

Viele Bewohner lehnen die Umbenennung ab

So zieht sich der Konflikt um einen neuen Namen über Jahre hin. Die Zeitungen rufen dazu auf, sich rege an der Diskussion zu beteiligen. Das lassen sich die Rixdorfer nicht zweimal sagen und schicken zahlreiche Leserbriefe mit Argumenten und Namensvorschlägen ein.
Da die meisten Bewohner eine Umbenennung ablehnen, gründen konservative Politiker eine Kommission, die im Geheimen Namensvorschläge diskutiert. Die Kommission entscheidet sich für „Neukölln“. Dieser Name soll auf die frühere Stadt Cölln verweisen, die 1710 mit Berlin verschmolzen wurde. Außerdem gehören zu Rixdorf die Cöllnische Heide und die Cöllnischen Wiesen, die einen willkommenen Anknüpfungspunkt für den neuen Stadtnamen bieten.

Schließlich bringen die Stadtväter Anfang 1912 im Magistrat einen Antrag auf Umbenennung ein. Die Sozialdemokraten werden davon überrascht und von der bürgerlich-konservativen Mehrheit überstimmt. Nun fehlt noch die Zustimmung des Kaisers. Als diese am 27. Januar 1912 per Telegramm eintrifft, wird Rixdorf feierlich in Neukölln umbenannt. Bereits am nächsten Tag wird aus dem Rixdorfer Tageblatt das Neuköllner Tageblatt.

Viele Bewohner und Firmen aber gewöhnen sich nur langsam an den neuen Namen und Rixdorf bleibt trotz aller Bemühungen im Stadtbild präsent. Die Rechnung der Politiker geht nicht auf: Unbeeindruckt von dem neuen Ortsschild wird in der „Neuen Welt“ in Neukölln munter weitergefeiert.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit Studierenden des Masterstudiengangs Public History an der FU Berlin, neukoellner.net und dem Museum Neukölln entstanden.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.