Neuköllns Disneyland der Kaiserzeit

Die Attraktionen der „Neuen Welt“ zu Beginn der 1880er Jahre – Quelle: Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Hans-Joachim Bartsch / mit freundlicher Genehmigung

1880 öffnete der Vergnügungspark „Neue Welt“ an Neuköllns Hasenheide seine Pforten. Damals angesagt: Mit der Pferde-Droschke vorfahren, Seeschlachten gucken und dabei selbstgebrühten Kaffee schlürfen. (mehr …)

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Samstag, 30. Juni 2018

von Mariane Pöschel & Philipp Winkler

Wer heute über den Bauhaus-Parkplatz an der Neuköllner Hasenheide schlendert, vermag sich kaum vorzustellen, dass hier einst der riesige Vergnügungspark „Neue Welt“ die Berliner bespaßte. Lediglich die gleichnamige Konzerthalle erinnert heute noch an den 1880 eröffneten Amüsierbetrieb großen Stils. Die „Neue Welt“ war ein ehemaliger Biergarten, den der Gastronom Rudolf Sternecker zum Vergnügungspark ausgebaut hatte. Mit ihren Varietés, Rummelattraktionen und Biergärten entwickelte sie sich schnell zu einem beliebten Ausflugsziel für Berliner und Brandenburger. Mit ihrer Fülle an Attraktionen war die  „Neue Welt“ eine Art Disneyland Berlins zur Kaiserzeit. Der Augenzeugenbericht eines damaligen Besuchers: „Gegen Abend (…) luden Pferdebahnen, Droschken und Kremser Hunderte neuer Gäste ab, die Kaffeegesellschaften mußten eng zusammenrücken, die Kinder umsäumten in dichtem Kranz das Seeufer. Um 21 Uhr erscholl ein Kanonenschlag. Drüben glühte das von einer Feuersbrunst erhellte ägyptische Kastell in magischem Lichte auf, und von einem Leuchtturm herab warfen die Feuer von Pechpfannen rote Strahlen auf das Mittelmeer. Dort lag das französische Geschwader, von englischen Schiffen angegriffen.“

Die Hasenheide wird zur Vergnügungsmeile

Schon die alte Hasenheide direkt neben dem Gelände war geprägt vom kuriosen Nebeneinander aus militärischer Disziplin und rauschendem Vergnügen. Das Militär der nahegelegenen Berliner Garnison hielt hier Exerzier- und Schießübungen ab, in der Umgebung lagen zahlreiche Kasernen. Auf dem öffentlichen Sportplatz turnten sich die Schüler von Ernst Ludwig Jahn fit für den Krieg. Gleichzeitig entwickelte sich die Hasenheide im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer beliebten Vergnügungsmeile am Stadtrand von Berlin. Um 1800 eröffneten die ersten Gasthäuser. Mit dem Ausbau des alten morastigen Feldweges zur Chaussee Hasenhaide in der Jahrhundertmitte reihte sich bald ein Tanz- und Vergnügungsetablissement an das nächste. Das größte unter ihnen war die „Neue Welt“.

Akrobaten, Kaskaden und eine Gebirgsbahn

Hinter dem repräsentativen Eingangsportal führte eine Skulpturenallee in das bunte Treiben aus Karussells, Schaukeln, Schießbuden, Hippodrom und Freiluftmanege. Auf Varieté- und Orchesterbühnen wurde ein umfangreiches Programm geboten. Vor dem „indischen Pavillon“ am südlichen Ende des Areals befand sich eine große Teichanlage mit Kaskaden und Fontänen. Darüber war ein Hochseil gespannt, auf dem Akrobat*innen in schwindelerregender Höhe ihre Kunststücke vollführten. Für das leibliche Wohl sorgte eine große Gartenhalle mit Restaurant. Unter schattenspendenden Bäumen wurde Bier aus den umliegenden Brauereien ausgeschenkt. In einer kleinen Kaffeeküche konnten die Ausflüglerinnen und Ausflügler Geschirr mieten und mit heißem Wasser ihren mitgebrachten Kaffee aufbrühen. Nach der Jahrhundertwende wurde das Gelände noch mehrmals beträchtlich erweitert. 1903 eröffnete der große Festsaal, in dem noch heute Konzerte stattfinden. Seit 1910 lockte unter anderem eine authentische „Gebirgsbahn“ zur hölzern-holprigen Achterbahnfahrt.

Achterbahnfahren in der Kaiserzeit: Die „Gebirgsbahn“ 1910 – Quelle: Stadtmuseum Berlin / mit freundlicher Genehmigung

Jeden Sonntag kamen Scharen von Soldaten

Neben kleinbürgerlichen Familien und Arbeitern, die wenigstens am Wochenende ihren beengten Wohnverhältnissen und harten Arbeitsbedingungen entfliehen wollten, besuchten auch zahlreiche Soldaten aus den umliegenden Kasernen die „Neue Welt“. So berichtet August Trinius, ein deutscher Wanderschriftsteller, 1885 über das Publikum: „Aus den Staats- und Mietskasernen drängte es sich allsonntäglich in hellen Scharen von Soldaten und munteren Dirnen hinaus, als wäre ein Massenaufgebot beider Armeen ergangen. Ebenso Gesellen, Lehrbuben, Schiffer, Glücks- und Strauchritter“. Doch Soldaten zählten nicht nur zum Publikum, sie gestalteten auch das Unterhaltungsprogramm. Auf der Orchesterbühne spielten fast ausschließlich Militärkapellen.

Friedenskundgebungen belauscht von Polizeispitzeln

Gleichwohl war die Neue Welt seit ihrer Eröffnung auch Treffpunkt der organisierten Arbeiterbewegung. Schon zur Zeit des Sozialistengesetzes (1878-1890) traten in den Konzertsälen häufig Chorvereine auf, die als sozialdemokratische Tarnorganisationen fungierten. Im Publikum lauschten nicht selten Polizeispitzel. Auch in der Folgezeit mieteten SPD und Gewerkschaften regelmäßig den großen Festsaal für politische Veranstaltungen. Im Herbst 1912 – der Balkankrieg war gerade ausgebrochen – sprach der französische Sozialistenführer Jean Jaurès auf einer Friedenskundgebung in der „Neuen Welt“ und rief die Anwesenden dazu auf, „nicht gegen Menschen, sondern gegen das Elend und die Ungerechtigkeit zu kämpfen.“

Kriegsverherrlichende Feuerwerke und Hurra-Patriotismus

Daraus wurde nichts. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, zogen viele begeistert mit. Auch die deutsche Sozialdemokratie stimmte für die Kriegskredite. Eine Vergnügungskultur, in der bei Bier und Bockwurst uniformierte Militärkapellen patriotische Marschmusik schmetterten, während man kriegsverherrlichende Feuerwerksshows bestaunte, dürfte zu jener Art von Hurra-Patriotismus beigetragen haben, die heute so schwer nachvollziehbar ist. Aus dem militarisierten Freizeitvergnügen wurde indes auch in der „Neuen Welt“ schnell blutiger Ernst: Schon im August 1914 wurde der große Festsaal zum Lazarett umgebaut. Bald trafen die ersten Verwundeten ein.

Lazarett in der „Neuen Welt“, Weihnachten 1914 – Quelle: Museum Neukölln / mit freundlicher Genehmigung

Konzept des Vergnügungsparks stirbt in den Achtzigern

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die „Neue Welt“ erneut zu einem Ort des Vergnügens, aber auch der politischen Auseinandersetzung. So nutzten die Nazis den großen Festsaal für ihre Kundgebungen. Mit dem Beginn der Bundesrepublik lebt die Amüsieranlage nochmals auf. Doch das Konzept des klassischen Vergnügungsparks überlebte sich zunehmend. Im Jahr 1982 kam das Ende der „Neuen Welt“.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit Studierenden des Masterstudiengangs Public History an der FU Berlin, neukoellner.net und dem Museum Neukölln entstanden.

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