von am 28. Juni 2014
'mädchenhafte Geste einer alten Zigeunerin'

‚mädchenhafte Geste einer alten Zigeunerin‘ Jan Lieske

Als diesjähriger Hauptausstellungsort wird den Neukölln Arcaden eine zentrale Rolle zuteil. Die Erwartungen bei den Festivalbesuchern sind dementsprechend hoch. Was es zu sehen und hören gab, enttäuschte aber.

Auf der Suche nach der mehrmals angepriesenen Fotoausstellung ‚K-People‘, die Bilder des LGBT-Aktivisten Stanislaw Mischtschenko über das queere Leben in der ukrainischen Hauptstadt Kiew darstellt, führte der Herdentrieb mich zuerst in die 4. Etage des fünfstöckigen Gebäudes. Ein Teil der Hauptaustellung hat hier seinen Platz. Noch leicht beeindruckt von der immensen Schlange, die sich vom Eingang des Klunkerkranich (5.OG)  bis hin zum Fahrstuhl des 4. OG erstreckte, ging es weiter mit der Suche.

Jan Lieske

Jan Lieske

Das Parkdeck hat das Thema Courage auf internationales Parkett getragen: Maria Sereda, Amnesty International Mitglied, hat die Fotografien von Jan Lieske, die das tägliche Leben in Russland zeigen, bewertet. Sie fragt sich, ob nur sie die wahre Schönheit der abgebildeten Menschen erkennt, oder ob auch die Festivalbesucher die Fragilität und Anmut, die sich in den Bildern verstecken, wahrnehmen. Jan Lieskes Bilder zeigen das russische Leben, wie es ist. Schön, verstörend, manchmal dunkel und oftmals gefährlich. Lieskes Bilder jedoch haben den vielen visuellen Berichten über Russlands Alltag etwas voraus: sie sind nicht voyeuristisch. Und das macht sie zu Kunst.

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Jede Parkhauswand wurde künstlerisch aufgewertet.

In der 1. Etage der Arcaden, in der zentralen „Courage“-Ausstellung, findet man inmitten der Betonmauern die Installation ‚Cikis /Exit‘ von Carla Merces Hihn. Auf andächtige Weise werden die Gezipark-Proteste von 2013  auf die Leinwand gebracht.

C.M Hihn

„Tschetschenien“ aus dem Zyklus „Widerstandsbericht“ von Barbara Duisberg 

Endlich war es so weit: die Ausstellung K-People ist nur noch ein paar Treppenabsätze entfernt. Nach minutenlangem Herumfragen, wo besagte Exhibition zu finden sei – und ebenso vielen Schulterzuckern weiter- da war sie nun. Ein paar DIN A5 große Bilder hängen vor der Spiegelwand einer umgebauten Umkleidekabine. Muss das so sein? Hat das einen tieferen Sinn, den nur studierte Kunsthistoriker erkennen können?

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Spiegelwand

Stirnrunzeln. Das Thema an sich hätte durchaus eine größere Projektionsfläche verdient. Um einen Kollegen zu zitieren: ‚Das sieht aus wie das Jugendzimmer meiner Schwester.‘ Und damit hat er nicht ganz unrecht. Die Bilder selbst, sofern man Lust hat, sie sich mit dem Vergrößerungsglas anzusehen, sind wunderbar. Aufgenommen mit einer Lomokamera wirken sie spontan und ungestellt. Auch die Motivauswahl ist gelungen. Das queere Leben Kiews wurde treffend eingefangen.

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by Stanislaw Mischtschenko

Das Thema ist gut, die Umsetzung weniger. Doch, wer weiß? Vielleicht wird diese Rezension des Gesehenen dem Kunstwerk gar nicht gerecht und der eigentliche Sinn bleibt verborgen. Womöglich soll uns diese Spiegelwand ja aufzeigen, dass unsere Gesellschaft respektive die Gesellschaft Kiews noch nicht bereit ist, Schwule, Lesben und Transvestiten zu akzeptieren. Vielleicht soll uns diese Installation zeigen, dass die Menschen auf den Bildern so sind wie wir.

Natürlich gibt es in den Arcaden noch viel mehr zu sehen. Kleine, versteckte Mitmach-Installationen, bei denen man ganz viel Mut aufbringen muss. Und noch mehr Interaktives, das zum Nachdenken anregen soll. Wenn man keine aufwendige und große Kunst erwartet, lohnt sich ein Rundgang durch die Gemäuer der Neukölln Arcaden. Wer ganz viel Zeit und Muße für das Anstehen mitbringt, der wird auf dem Parkdeck 5, dem Klunkerkranich, mit einer schönen Aussicht und noch mehr Kunst belohnt.

FLU-10 Alle Ausstellungen Sa. bis 24.oo Uhr ; So.29.06 10-16.00 Uhr Neukölln Arcaden Karl-Marx-Str. 66

 

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