von am 7. Oktober 2011

Simi spricht von Klienten, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Und das tut sie ganz bewusst. Denn Sozialarbeit ist ein Geschäft. Und diese Realität sollte man anerkennen, findet sie. Zur Verbesserung des Systems der freien Sozialen Trägerschaften hat unsere Kiezgröße konkrete Vorstellungen. Wir baten zum Plausch ins Valentinstüberl…

Sie trinkt Rhabarberschorle und ist kaum zu stoppen. Simi redet und redet, und sie weiß wovon: Seit 20 Jahren lebt Simi in Berlin, die meiste Zeit davon in Neukölln, Reuterkiez. Wer gern im Valentinstüberl ein Tegernseer trinkt, kennt sie, die Frau mit der markanten Brille, den blonden Haaren und beneidenswert muskulösen Armen. In der Kneipe steht sie hinterm Tresen und ist mit Herz und Seele Kellnerin. Aber sie hat noch ein anderes Leben: Die Sozialarbeiterin Simi ist bei einem freien Träger beschäftigt und kümmert sich um hilfsbedürftige Jugendliche.

Simi, wie kam es dazu, dass du Sozialarbeiterin in Neukölln wurdest?

An den Job bin ich am Flohmarkt geraten! Die Frau, die später meine Chefin werden sollte, stand an einem Stand und erzählte mir, dass sie händeringend Leute suchten, ich sollte doch einfach mal vorbeikommen und mir alles ansehen. Das hab ich dann gemacht. Und so kam es, dass ich relativ spät, mit 39 Jahren, „das Geschäft“ gelernt habe. Allerdings hatte ich mir damals nicht groß Gedanken darüber gemacht, was diese Arbeit wirklich bedeutet.

Was hast du bis dahin gemacht?

Ich war bei einer privaten Förderschule beschäftigt. Ich hatte also mit ganz anderen Jugendlichen zu tun als jetzt. Dorthin kamen Kinder, deren Eltern die Bildung ihres Nachwuchses wichtig war.

Jetzt betreust du Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen – oft perspektivlos, oft in Konflikt mit dem Gesetz. Wie ist dein Verhältnis zu den Menschen, die du betreust?

Das kann ich pauschal nicht sagen. Die Grundlage meiner Arbeit besteht aus dem Schaffen einer Vertrauensbasis. Ich muss ein Gefühl dafür kriegen, was für ein Mensch da vor mir sitzt – was ist sein Hintergrund, welche psychosozialen Besonderheiten gibt es. Beziehungsaufbau ist die Basis der weiteren Arbeit.

Es gab da ein libanesisches Mädchen, mit der ich irre Geschichten erlebt habe. Da war ich emotional so stark eingebunden, wie ich es heute nicht mehr zuließe. Sie hat sich prostituiert und war voll auf Tillidin. Aber schlau war sie und sie hat mich gerührt. Das ging soweit, dass ich dreimal die Woche geheult habe – ich war fertig. Da hab ich gemerkt, wie wichtig es ist, bei aller Beziehungsarbeit, oder eben gerade deshalb, ein gewisses professionelles Setting zu wahren. Es ist noch gar nicht so lange her, da erhielt ich einen Anruf von ihr.

Was wollte sie?

Sie meinte, bei ihr sei alles schick. Sie lud mich zu ihrer Hochzeit ein. Sie war mit einem älteren und wohlhabenden Typen in Hamburg zusammen, arbeitete als Stripperin, die Beiden wollten heiraten. Dazu kam es allerdings nicht. Sie hatte es dann vorgezogen, mit ihren Berliner Leuten seine Wohnung auszuräumen, der Mann wurde schwer misshandelt. Eine Woche später brachte er sich um. Sie kam dafür ins Gefängnis. Und jetzt ist wieder „alles schick“.

Kein Beispiel für erfolgreiche Sozialarbeit. Solche Fälle spielen natürlich denen in die Karten, die die Mittel für die freien Träger am liebsten ganz streichen würden. Was hältst du ihnen entgegen?

Ein Sozialarbeiter ist natürlich kein Heilsbringer. Ich kann nicht jeden retten, und nicht jeder will gerettet werden. Aber auch bei den hoffnungslosen Fällen ist unsere Arbeit nicht umsonst, selbst wenn es vielleicht nur um Schadensbegrenzung geht.

Jetzt mal weg von den Schattenseiten und ins Licht: Kannst du uns von einem Projekt erzählen, das deiner Meinung nach sinnvoll ist und funktioniert?

Foto: Kellnerin und Sozialarbeiterin Simi Simon

Hart aber herzlich? Simi Simon vor dem Valentinstüberl Neukölln.

Es gibt eine Art Schulprojekt, bei dem die Kids mit Taschengeld geködert werden. Die Bedingungen: Pünktlich um 9:45 Uhr anwesend sein, danach bleibt die Türe zu. Und wer es regelmäßig schafft, kriegt monatlich 160 Euro. Dabei geht es vor allem darum, ein wenig Struktur in den Alltag zu bringen, in kleinen Gruppen ein bisschen zu lernen, auch im Miteinander. Schon das ist für viele der Kids eine Herausforderung. Manchmal stehe ich morgen für morgen vor der Haustür meiner Klienten, damit sie ihren Hintern aus dem Bett kriegen.

Und dann stehst du abends noch in der Kneipe. Weil das Geld sonst nicht reicht?

Die Kombination aus Kneipe und Sozialarbeit ist für mich total perfekt. Ich liebe das Kellnern, es hilft mir dabei, abzuschalten. Geld ist also nicht die Hauptmotivation. Ich frage mich aber schon, wie Alleinerziehende oder Familien das machen – da kann das Geld kaum reichen.

Gejammert wird ja in beinahe jeder Branche – als Außenstehender ist es da oft schwer, die Lage einzuschätzen. Sind Bezahlung und Arbeitsbedingungen für Sozialarbeiter besonders schlecht?

Es fängt schon damit an, dass die meisten Sozialarbeiter keine vollen Stellen haben und die Arbeitsverträge zeitlich befristet sind – das sorgt nicht gerade für Planungssicherheit. Hinzu kommt, dass kaum jemand – wie ich – ein fixes Gehalt erhält, sondern die Bezahlung belegungsabhängig ist – ein Witz.

(Anm. d. Red: Belegungsabhängigkeit bedeutet, dass der Arbeitsvertrag auf einer Dreiviertelstelle basiert. Für eine volle Bezahlung müssen darüber hinaus ausreichend Klienten her, da die Bezahlung nach Anzahl der Betreuungsstunden erfolgt.)

Auf der anderen Seite existiert auch das Bild der freien Träger als undurchsichtige Pseudo-Hilfsvereine, in denen das Geld versickert, nicht zuletzt seit der Treber-Affäre.

Ich kann natürlich nur für die Teams sprechen, mit denen ich dort gearbeitet habe. Das waren und sind tolle Leute, die mit dem Herzen bei der Sache sind. Aber natürlich gibt es auch andere. Man darf sich da nichts vormachen oder romantisieren – der Sektor der Sozialarbeit ist ein boomendes Geschäft – nicht zuletzt auch dank Hartz IV und all den anderen Faktoren, die in den letzten Jahren das Auseinandergehen der Schere zwischen arm und reich verstärkt haben – so ehrlich muss man sein. Was ich Maserati-Harry zu Gute halten muss: Er hat offen ausgesprochen, dass Soziale Arbeit ein Business ist. Er war nicht so scheinheilig wie Andere in der Branche.

Ich finde es auch interessant, dass du von „Klienten“ sprichst.

So ist es ja auch. Die Kids sind meine Kunden, ich helfe ihnen, dafür bekomme ich Geld. Das ist nichts Schlechtes, sondern ehrlich. Und wenn man das System der Sozialen Arbeit verbessern möchte, muss man es auch als das betrachten, was es ist.

Dann versuchen wir das doch mal: Wo besteht Verbesserungsbedarf im System Sozialarbeit?

Das fängt bei den prekären Arbeitsverhältnissen der Sozialarbeiter an. Es heißt immer, das Geld fehlt. Auf der anderen Seite machen die Sparmaßnahmen die Arbeit ineffektiv. Die belegungsabhängige Bezahlung verführt zu Überbelegungen und falschen Betreuungsmaßnahmen. Kein Sozialarbeiter kann 10 Jugendliche betreuen, aber das gibt’s. Und der unterbezahlte Sozialarbeiter empfiehlt dem Jugendamt eher fünf zusätzliche Betreuungsstunden für seinen Klienten statt einer Unterbringung auf dem Land, die im Einzelfall vielleicht die bessere Wahl wäre.

Diejenigen, die schon länger dabei sind als ich, sagen, es wird immer schlimmer: Die Ämter rücken keine Stunden mehr raus und sie können nicht mehr anständig arbeiten. Damit schadet der Sparzwang den Sozialarbeitern und den Klienten. Da habe ich oft das Gefühl, dass falsches Sparen am Ende mehr kostet.

Ein rot-schwarzer Senat wird sich weitere Streichungen womöglich nicht verkneifen können. Gibt es noch Einsparmöglichkeiten, die nicht zu Lasten der Bedürftigen, der freien Träger und Sozialarbeiter gehen?

Ich finde es kritisch, dass es keinerlei Kontrollen gibt. Es gibt zum Beispiel niemanden, der sich anschaut, was ich mit meinen Stunden anfange, für die ich bezahlt werde. Klar, Kontrolle klingt erst einmal mies, aber am Ende kommt es denjenigen zu Gute, die ordentlich arbeiten. Und falls es schwarze Schafe gibt, fliegen die auf. Das System ist sowieso viel zu intransparent – das fängt bei der Abrechnung an. Eine zentrale Software zur Stundenabrechnung wäre ein Anfang. Das wäre zuerst eine Investition, spart aber langfristig Kosten und schafft Transparenz.

Deine Arbeit steht und fällt mit der Zusammenarbeit mit den Jugendämtern. Wie läuft die so?

Da hakt es oft an der Kommunikation. Da sitzen leider häufig Menschen, die keine Ahnung von der Sozialarbeit haben, weil sie eben nur in ihrem Büro auf ihrem Stuhl hocken. Da kann man natürlich nicht pauschalisieren. Es gibt dort auch Menschen, die ganz toll sind. Schwieriger wird es mit gesetzlichen Vormünden. Das ging einmal soweit, dass ich mich bei dem Neuköllner Migrationsbeauftragten Mengelkoch (es ging um den Fall einer Libanesin, die Angst davor hatte, von ihrem Vater verschleppt zu werden) über die Vormünderin beschwert habe.

Hat der Migrationsbeauftragte dann reagiert?

Das Mädchen hat eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis gekriegt und die Vormünderin verlor ihren Job. Der Mengelkoch war früher selbst Sozialarbeiter und kennt Neukölln wie kein anderer. Er ist wirklich wunderbar (sie macht eine 1a Kussgeste). Buschkowsky genauso.

Kannst du das begründen?

Bei Buschkowsky und Mengelkoch habe ich das Gefühl, sie sind da. Wenn ich ein Problem habe, dann gehe ich zum Rathaus. An Buschkowsky mag ich seinen konservativen Ansatz – mit schnellem Jugendarrest usw. Er nennt die Dinge beim Namen und verklärt nicht mit dieser Romantik, die andere gerne auffahren. Die Realität ist eben anders. So haben türkische Familien andere Strukturen als arabische und mit den unterschiedlichen Kulturen und sozialen Situationen ergeben sich Probleme. Das muss man aussprechen, um damit richtig umgehen zu können.

Kannst du das aus deiner Erfahrung mal schildern?

Die Strukturen in türkischen Familien, die ich vom Förderunterricht und aus der Sozialarbeit kenne, also sowohl bei sozial Schwachen als auch bei bessergestellten Familien, funktionieren nach meiner Erfahrung meist besser als in arabischen Familien. Klar gibt es da ebenfalls Probleme, aufgrund des Ehrbegriffs und so weiter. Aber: Die türkischen Väter wollen, dass ihre Mädchen das Abitur machen und studieren, auch wenn die Mutter vielleicht kein Wort Deutsch spricht. Außerdem funktionieren die Familienstrukturen, die in arabischen Familien weniger ausgeprägt sind. Bezeichnenderweise hatte ich in der Förderschule viele türkische, aber keine arabischen Mädchen. Interessant ist aber, dass sich gerade die arabisch-stämmigen Mädchen oft durchboxen und ihren eigenen Weg gehen.

Gibt es auch Probleme, die spezifisch für deutsche Familien sind?

In deutschen, sozial schwachen Familien findest du oft Alkoholiker-Karrieren über Generationen hinweg, es herrscht viel Aggressivität. Da bleiben kaum funktionierende Familiengefüge übrig, die Hilfe unter den Familienmitgliedern ist kaum ausgeprägt. Da kann man als Sozialarbeiter oft sehr wenig ausrichten. Mir fällt außerdem auf, dass die Töchter und Söhne häufig von den Eltern als Partykumpels behandelt werden. Die Eltern haben also oftmals gar kein Interesse an der schulischen Bildung ihrer Kinder. Da läuft ständig der Flachbildschirmriese und die Pulle steht auf dem Tisch. Schön ist das nicht. Wie da gelungene Integration aussehen könnte, weiß ja bis heute keiner.

Interview: Sabrina Markutzyk / Dominik Sindern

 

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