von am 25. Juni 2017

Die Künstler Thilo Droste (l.) und Saeed Foroghi (Foto: Matthias Horn)

Ist das echt? Die Künstler Thilo Droste und Saeed Foroghi haben einen fiktiven Architekturwettbewerb für die Umgestaltung der Neuköllner Passage inszeniert. Ihre Entwürfe zeigen, wie kreativ Verdrängung macht.

Die Künstler Thilo Droste und Saeed Foroghi haben für „48 Stunden Neukölln“ einen fiktiven Architekturwettbewerb inszeniert. Dazu stellen sie sieben Entwürfe aus, die angeblich über die Zukunft des Standortes Passage in der Karl-Marx-Straße entscheiden. Von einer Wohlfühloase mit Schwimmbecken und Saunalandschaft über die Passage als Gussform, die der Errichtung einer zweiten Kaaba auf dem Tempelhofer Feld dient, bis hin zu einem „Artist Zoo“, der der steigenden Anzahl von Künstlern und Ateliers in Berlin entgegenwirken soll – bei der Passage scheint alles möglich.

Ausschreibung des Architekturwettbewerbs (Foto: Thilo Droste, Saeed Foroghi)

Beim „Kaabakubus“-Entwurf soll die Passage als Gussform für eine Kaaba dienen. (Foto: Thilo Droste/Saeed Foroghi)

Der Entwurf „Der Pool“ (Foto: Thilo Droste/Saeed Foroghi)

Der angebliche Gewinnerentwurf „Vacuum Museum“ sieht vor, die Passage für 200 Jahre luftdicht zu verschließen, um wissenschaftliche Erkenntnisse und einen Tourismusmagnet zu generieren. Thilo Droste und Saeed Foroghi haben ihn vor Ort mit Umzugskartons nachgebaut. Den Festivalbesuchern ist dabei im ersten Moment wahrscheinlich nicht klar, dass der Wettbewerb und die Entwürfe reine Fantasie sind. Ihnen wird die Aktion als Infoveranstaltung für Bürger und Anwohner verkauft.

„Vacuum Museum“ – der „Gewinnerentwurf“ (Foto: Thilo Droste/Saeed Foroghi)

Wie die Künstler auf die Idee kamen und wie es sich als Künstler in Neukölln lebt, erklären sie im Interview.

neukoellner.net: Wie kamt ihr auf die Idee zu dem Projekt?
Thilo:
Ich habe eine Anfrage von „48 Stunden Neukölln“ erhalten, ob ich Lust hätte, ein Projekt am Standort Passage durchzuführen. Die Veranstalter haben mitbekommen, dass der Vertrag meines Ateliers in der Sonnenallee gekündigt wurde, da der Vermieter die Flächen als Wohnraum vermieten will. Das Thema Verdrängung sollte ich in der Arbeit aufgreifen. Ich habe Saeed gefragt, ob er Lust hat mitzumachen, das war der Anfang des Projektes.

Saeed: Ich bin ehemaliger Architekt und habe früher in einem Architekturbüro gearbeitet, wo ich häufig am Visualisieren von Entwürfen beteiligt war. Mit unseren sieben Entwürfen für die Passage haben wir die Sinnlosigkeit solcher Visualisierungen auf die Spitze getrieben. Das Thema Verdrängung haben wir schnell mit Häusern, Wänden und Mauern assoziiert und wollten es deshalb anhand architektonischer Änderungen bearbeiten. Die Veränderung sollte durch den fiktiven Wettbewerb aufgegriffen werden.

Die Verdrängung spürbar machen

Thilo: Saeed und ich hatten verschiedene Ideen, letztendlich wollten wir die Verdrängung spürbar machen. Wir wollten in den Durchgang der Passage ein großes Hindernis bauen – das Durchgehen erschweren und fast unmöglich machen. Bis eben zu der extremsten Gegenmaßnahme der Verdrängung: Alles bleibt so, wie es ist. So sieht es der „Gewinnerentwurf“ „Vacuum Museum“ ja auch vor. Dass wir die Passage mit Umzugskartons zubauen, spielt natürlich auch auf das Thema Verdrängung an.

Warum ein fiktiver Architekturwettbewerb?
Thilo:
Die Idee ist im Laufe des Projekts entstanden. Es gab Texte und dazu Visualisierungen – und umgekehrt. Irgendwann spürt man, ob eine Sache rund und schlüssig ist. Als feststand, dass wir den fiktiven Architekturwettbewerb machen, haben wir uns immer wieder gefragt, inwieweit uns die Realität einholt. Also, wie weit können wir mit unseren Texten und Entwürfen gehen, ohne dass sofort klar wird, dass alles erfunden ist? Und wo sind die Grenzen, wann gehen wir zu weit? Spannend war, dass während der Umsetzung auch Menschen in unserem Umfeld, die eigentlich eingeweiht waren, erklärt bekommen mussten, dass der Wettbewerb nicht echt ist und keiner der Entwürfe umgesetzt wird. Dabei dachten wir, das ist alles so übertreiben, das muss man doch merken.

Stillstand als Konzept

Warum habt ihr euch entschieden das „Vacuum Museum“ nachzubauen?
Saeed:
Wir waren Organisatoren, Wettbewerbsteilnehmer und Jury zugleich, das war keine leichte Aufgabe. Letztendlich hat das „Vacuum Museum“ gewonnen, eben als extremer Gegensatz zu Verdrängung, der Stillstand. Wenn sich einfach gar nichts bewegt.

Wie lange lebt und arbeitet ihr bereits in Neukölln?
Saeed:
Ich bin 2014 nach Neukölln gezogen, wohne aber seit drei Monaten nicht mehr hier, ich lebe jetzt in Kreuzberg, in Kreuzkölln. Mein Atelier ist in Oberschönweide, in Neukölln habe ich keine Räume gefunden. Vor acht oder neun Jahren bin ich zum ersten Mal nach Neukölln gekommen. Ich bin am S-Bahnhof Hermannstraße angekommen und dachte: ‚Das ist ein hässliches Viertel, hier will ich niemals leben.‘ Dann habe ich aber auch die schönen Ecken entdeckt. Jetzt ist es eine Art Hassliebe, die mich mit Neukölln verbindet.

Thilo: Ich lebe seit 11 Jahren in Neukölln. Das war eher Zufall. Damals gab es hier große und günstige Wohnungen. Das war zu Zeiten des Skandals an der Rütli-Schule, damals wollte keiner hier hin. Ich habe die Veränderungen der letzten Jahre also miterlebt. Im Sinne von: Am Anfang gab es keine Restaurants, jetzt bekommt man keinen Tisch mehr. Wie bereits erwähnt, war auch mein Atelier in Neukölln, in der Sonnenallee. Allerdings wurde mir und den anderen Künstlern die dort gearbeitet haben, im April dieses Jahres gekündigt. Bisher habe ich noch kein neues Atelier gefunden, unter zehn Euro pro Quadratmeter findet man sowieso nichts mehr.

Atelier-Not in Neukölln

Und jetzt? Habt ihr vor in Neukölln zu bleiben?
Thilo: Jetzt ziehen wir weg. Nach Monaco, Barbados oder Jena. Nein, ich fühle mich schon ein Stück weit beheimatet in Neukölln, ich kenne hier viele Leute und würde gerne bleiben. Ein Neustart in einer anderen Stadt wäre schwierig. Ich habe die Sachen aus meinem Atelier erstmal eingelagert, so haben es auch viele meiner Kollegen gemacht. Manche arbeiten jetzt von zu Hause aus, von einem befreundeten Künstler weiß ich, dass er ein Atelier in Mariendorf gefunden hat.

Saeed: Ich würde mir auch wünschen, dass mein Atelier näher an meinem Wohnort wäre, also in Kreuzberg oder Neukölln. Ich hätte gerne, dass die Leute mich kennen, dass ich eine Art Stammtisch habe und dass, wenn ich in mein Lieblingscafe gehe, die Kellner wissen, dass ich meinen Espresso immer mit zwei Löffeln möchte – ein Nachbarschaftsgefühl eben. In Oberschönweide hat das bisher noch nicht geklappt.

Was hat Neukölln heute für Künstler zu bieten?
Thilo:
Es passiert viel in Neukölln, es gibt viel zu sehen, tolle Veranstaltungen. Eine interessante Mischung an Menschen und Orten, die es in anderen Bezirken meiner Meinung nach so nicht gibt. Vielleicht geht diese Mischung aber gerade verloren. Grundsätzlich ist Neukölln in den letzten Jahren gerade für internationale Künstler attraktiv geworden.

„Vielleicht kann man Neukölln noch reparieren“

Saeed: Ich mag es, dass es in Neukölln noch Läden gibt, in denen Dinge repariert werden – mit Händen und Werkzeugen. Zum Beispiel Handy- oder Fahrräderläden. Hier wird nicht gleich alles weggeworfen, wenn es kaputt ist. Vielleicht kann man auch Neukölln noch reparieren.

Was kann Neukölln für seine Künstler tun?
Thilo:
Es gibt eine Atelierförderung durch den Berufsverband Bildender Künstler Berlin e.V (bbk), aber da bewerben sich bis zu 90 Personen für ein Atelier. Nachdem mir mein Atelier gekündigt wurde, habe ich mich hin und wieder für ein solches gefördertes Atelier beworben. Die Dame die uns zuletzt die Räume gezeigt hat, war nicht überrascht über meine Kündigung. Sie hat erzählt, dass sie solche Nachrichten wöchentlich erreichen.

Saeed: Es gibt in Neukölln jetzt den Neuköllner Kunstpreis. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert, die werden allerdings unter den drei Gewinnern aufgeteilt. Man kann sich auch für eine Ausstellung in der Galerie im Saalbau bewerben, aber da bewerben sich dann 1.000 Künstler auf zwei oder drei Plätze. Als Künstler muss man viel selbst investieren, ich arbeite nebenbei an einer Schule als Übersetzer.

Thilo: Man muss zudem viel Glück haben. Es reicht nicht, wenn du gute Arbeit leistest und fleißig bist. Andererseits war uns von Anfang an, also schon zu Beginn des Kunststudiums klar, dass wir uns auf ein hartes System einlassen.

Saeed: Ich denke trotzdem, dass der Staat mehr in seine Künstler investieren sollte. Wie damals in Hofkünstler investiert wurde, die waren finanziell abgesichert. Die Verhältnisse stimmen einfach nicht, vielleicht sind wir auch zu viele.

Thilo: Ja, dann müsste Neukölln sich 5.000 Hofmaler einstellen…

Saeed: … und die können dann täglich die Bürgermeisterin malen, in verschiedenen Posen.

Das Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ findet vom 23. bis 25. Juni an vielen verschiedenen Orten im Bezirk statt und steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Schatten“. neukoellner.net ist Medienpartner.

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Ein Kommentar:

  • Caroline sagt:

    Dann müsste Neukölln aber auch endlich anfangen, die Macher un d Künstler richtig zu bezahlen und sich nicht mit Festivals ( 48h) und Galerieszene brüsten, die mit hochqualifizierten Arbeitslosen zum Hungerlohn und teilweise zwangsverpflichet organisiert werden.
    Stellenbeschreibung des Kulturnetzwerkes: gesucht wurde die eierlegende Wollmilchsau, die von Galerieaussicht, Aufbau, Hausmeisterdienst , Datenbankpflege und Konzepterstellung von Kunstvermittlung bei 30H/Woche für den Mindestlohn alles macht.

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