von am 9. Juni 2012
Szenenfoto aus "Almanya"

Szenenfoto aus dem Film "Almanya – Willkommen in Deutschland" von Yasemin Şamdereli

Zweiter Teil unseres Interviews mit Yasemin Şamdereli: Die Schirmherrin von 48 Stunden Neukölln spricht über deutsch-türkische Vorurteile, ihre Großeltern und warum sich so viele Menschen fragen, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Neukoellner.net: Frau Şamdereli, Sie haben zehn Jahre gebraucht, um „Almanya – Willkommen in Deutschland“ zu finanzieren. Es hieß, kein Deutscher schaut sich einen türkischen Film an und kein Türke einen deutschen Film. Tatsächlich sind 1,4 Millionen Menschen ins Kino gegangen. Sind die Menschen schon viel weiter, als die Produzenten es wahrhaben wollen?

Yasemin Şamdereli: Definitiv. Ich glaube, das Publikum wird sehr konsequent in Deutschland unterschätzt. Ich glaube zum Beispiel, dass die Deutschen viel mehr Spaß dran hatten, sich oder ihre Kultur mit fremden Augen zu sehen oder auch den Humor draus zu ziehen, als viele Medien dachten. Es ist nicht wichtig, ob es eine türkische Familie ist. Sie mochten einfach diese Figuren. Die sagen dann: Mein Opa wär auch nicht aufgestanden, wenn der Wasserkocher gepiept hätte. Das ist genau der Punkt. Sie nehmen die Menschen wahr. Eine Familie mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Und die Türken?

Die Türken waren auch glücklich, dass sie ein normaleres Bild gezeigt bekommen. Viele waren es Leid, die totale Randgruppe gewesen zu sein oder dass es immer nur um Themen wie Ehrenmorde geht. Und natürlich gibt es viele Türken, die Anwälte oder Ärzte sind oder normale Gemüseverkäufer, die dieses Leben gut hinkriegen und kein Drama schieben. Das kriegt aber keine Schlagzeile. Niemand belohnt jemanden, der ein normaler, glücklicher Mensch ist.

Ihre Großeltern sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Wie haben sie Deutschland am Anfang empfunden?

Es gab viel Gastfreundlichkeit. In der Zeit, als meine Großeltern kamen, dachten die Deutschen: Ach, die kommen, die brauchen Arbeit, die helfen uns Deutschland aufbauen. Sie wussten: Niemandem wird Arbeit weggenommen. Jedem war klar, dass Arbeitskräfte gebraucht wurden. Das ist natürlich eine gute Ausgangslage.

1973 wurde die Anwerbung von Gastarbeitern gestoppt. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich. Wie hat Ihr Großvater diesen Wandel empfunden, als es immer weniger Jobs wurden?

Mein Großvater hat das Glück, dass er ein Leben lang, also bis zur Rente, beschäftigt war. Für ihn machte es keinen Unterschied, aber er hat gemerkt, dass die Atmosphäre sich verändert hat. Der Umgangston wurde härter. Und da wurde schon zurückgemobbt. Diese anfängliche Naivität, die blieb nicht lange. Es bildeten sich Fronten.

Und Vorurteile.

Klar. Wenn man meine Oma gesehen hätte, sie war das Klischee einer türkischen Omi: Kopftuch, pummelig. Und jetzt hätte man annehmen können, dass mein Opa der typische Patriarch ist. War er aber nicht. Meine Oma war eine sehr selbstbewusste, dominante Frau, gleichberechtigtes Familienoberhaupt, aber das kam leider oft nicht durch. Immer wenn meine deutschen Freunde zu Besuch waren, sagte sie: „Mehr Kuchen? mehr Tee?“  Mehr ging nicht auf Deutsch. Dass sie in ihrer eigenen Sprache lustig, eloquent, sehr intelligent war, konnte man ja nicht ahnen. Da sieht man, wie viel die Sprache ausmacht. Das kennt jeder: Man steigt in ein Taxi und der Fahrer spricht gebrochen Deutsch und man denkt automatisch, das läge am Geisteszustand dieses Menschen. Aber dass er in seiner eigenen Sprache ein Philosoph oder ein Professor sein könnte oder die schönsten Gedichte rezitieren kann, vergisst man einfach.

Als diese Fronten entstanden, wurde das dann als fehlende Dankbarkeit empfunden?

Nein, eher als Respektlosigkeit. Das aber von beiden Seiten. Meinem Opa wurde immer mit herablassenden Unterton vorgeworfen, er könne ja immer noch kein richtiges Deutsch. Das ist wahnsinnig verletzend für einen Menschen, der 40 Jahre seines Lebens dafür bezahlt wurde, dass er an einer Maschine steht und sie bedient. Seine Arbeit erforderte keine Sprachqualität. Die haben ihm gesagt, du machst da das und drückst dann das. Das hat er viele Jahre gemacht. Da blieb keine Zeit für andere Dinge, denn er musste eine Familie großziehen. Es gab ja auch keine Sprachprogramme. Und keiner hat gesagt: Es wäre schön, wenn du Deutsch lernst.

Haben Sie das auch so empfunden?

Ich bin groß geworden mit den Fronten. Ich hatte immer dieses Gefühl, Deutschland will mich nicht und ich gehöre nicht dazu und ich bin keine Deutsche. Und deshalb war ich wahnsinnig überrascht, wenn dann Oma etwa erzählt hat, dass ihre Nachbarin, eine Deutsche, regelmäßig zum Mokka-Kaffee trinken kam. Obwohl die überhaupt nicht miteinander reden konnten. Sie meinte, sie setzte sich da hin und sagte Sachen auf Deutsch und sie hörten Musik zusammen. Und ich dachte: Wow, wie cool. Das würde jetzt niemand mehr machen.

Die Fronten scheinen sich weiter zu verhärten. Mittlerweile haben wir einen Innenminister, der wie viele andere behauptet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Alles Fremde lässt einen erstmal vorsichtig werden. Man überlegt: Ist das jetzt ein Freund oder Feind?  Aber an Religion kann man wahnsinnig viel festmachen, und auch Politik lässt sich wahnsinnig gut über Religion führen.  Es ist leicht den Glauben zu instrumentalisieren, nach dem Motto: Die beten ja Allah an und nicht Jesus. Und dann passieren Schreckensmomente wie 9/11, die alles verändern. Damit war jeder überfordert. Daraufhin hat es die seltsamsten Überlegungen gegeben, wie eben: Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht.

Es wird dann auf die Geschichte verwiesen. Man sagt die Menschen gehören zu Deutschland, der Islam aber nicht.

Wenn die Menschen zu Deutschland gehören, dann muss man auch akzeptieren, dass alles, was die Menschen ausmacht, auch zu Deutschland gehört.

Vor fünfzig Jahren kamen die ersten Gastarbeiter. Sehr viel länger gibt es die Demokratie auch nicht in Deutschland. Trotzdem würde ja keiner sagen, die Demokratie gehört nicht zu Deutschland. Warum werden diese vielen Menschen immer noch als fremd empfunden?

Als damals Polen ins Ruhrgebiet kamen, hat sicherlich geholfen, dass man irgendwo Überschneidungen hatte. Man wusste, es sind Christen, sie haben ähnliche Werte. Das hilft natürlich schon. So wie man in einem fremden Land ins Taxi steigt und über Fußball redet. Das ist etwas, worauf sich viele einigen können. Riskant ist immer, wenn es den Menschen wirtschaftlich schlecht geht und dann kommen plötzlich diese Fragen. Dann sind Menschen bereit andere auszugrenzen. Wenn es allen gut geht, ist es viel schwieriger die Leute zu überzeugen, im Namen der Religion auf jemanden loszudreschen und wer weiß was zu tun.

Sie arbeiten mit Ihrer Schwester Nesrin zusammen. Haben Sie als Filmemacherinnen den Wunsch, die Gesellschaft durch Ihre Arbeit mitzuprägen?

Nein. Ich glaube, dass man viel zwischen die Zeilen packen kann und dass jeder dann damit macht, was er will. Eine Geschichte sollte zunächst einmal den Anspruch an sich selber haben, eine gute Geschichte zu sein. Der Rest wird von Außen herangetragen. Natürlich mache ich mir Gedanken, aber nicht in dieser Form von: Ach, lass uns doch mal eine Lanze brechen für dies oder jenes. So arbeiten wir nicht.

 

Der erste Teil des Interviews mit Yasemin Şamdereli lässt sich hier nachlesen.

 

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