von am 23. Januar 2013

Michael Zambrano ist mit Kindern und Jugendlichen im Schillerkiez in Neukölln unterwegs, um ihren Kiez mit der Kamera zu entdecken. Das Gleiche passiert in Belén, einem Stadtviertel Bogotás, Kolumbien. Die jungen Kiezreporter vernetzen sich lokal, aber auch international via Skype über ihr Projekt und ihren Lebensraum.

Die Idee, ein Dokumentationsprojekt im Kiez mit Kindern zu machen, hatte Michael Zambrano schon lange. Unter der Leitfrage „Was wird in unserem Kiez geschaffen?“ ließ der 33-jährige im September letzten Jahres Kinder mit der Kamera ihren Kiez erkunden. Ursprünglich sollten sie sich auf die produktive Kraft des Kiezes konzentrieren, aber letztlich war alles möglich.

Wer wohnt da auf der anderen Seite? Wer arbeitet in diesem Laden? Welche Geschichte hat dieser Mensch zu erzählen? Die Idee des gemeinsamen Projektes war zu entdecken, was es hier eigentlich gibt, was hier gemacht wird und wer hier so lebt. „Man kann sein Umfeld dadurch plötzlich ganz neu entdecken und mit anderen Augen sehen. Auf einmal gibt es da eine Verbindung, wo vorher keine war, ein Austausch mit den Nachbarn und Ladenbesitzern.“

Hauptsache keine Begenzungen

Die Kinder sollten aber selber entdecken und filmen, was ihnen Spaß macht. Alles konnte entstehen, alles war möglich. Hauptsache keine Begrenzungen und wenig Vorgaben im Kopf. Anfangs konnten die Kids mit der Idee noch nicht so viel anfangen, aber mit der Zeit entstand eine Begeisterung, spielerisch mit der Kamera selbst auf Entdeckungsreise zu gehen: Sei es der erst scheinbar langweilig aussehende Wollladen auf der anderen Straßenseite, in dem eine sympathische Frau ihr Atelier und ihre Malkünste offenbart und den Kindern stricken beibringen will. Sei es Kevin, der das Training seiner Breakdance Gruppe vorstellt. Oder die italienische Eisdiele, in der man Zeuge von der Herstellung von „Semifreddo“ wird – halbgefrorenem Eis.

Im Stadtviertel Belén, einem Teil in der historischen Altstadt, der Candelaria in Bogotá Kolumbien, wird das gleiche Procedere ausprobiert. Über Skype-Konferenzen war ein Austausch und ein ersten Kennenlernen der Kinder möglich. Jeder Kiez konnte sich selbst vorstellen und dem anderen zeigen, wo man lebt und was es dort alles so gibt. Eine Facebook-Seite und ein Blog für das Projekt wurden schließlich eingerichtet, aber bisher eher sporadisch genutzt.

Sein politisches Denken ist kolumbianisch, sagt eine Freundin

Der Austausch mit Kolumbien resultiert vor allem aus Michaels persönlicher Geschichte. In Deutschland geboren und Kind einer deutschen Mutter und eines kolumbianischen Vaters hat er die meiste Zeit seines Lebens in der Hauptstadt Bogotá in Kolumbien verbracht. Immer wieder war er jedoch auch in Deutschland. Michael Zambrano ist mit beiden Kulturen vertraut. Die deutsche Schule in Kolumbien und der deutsche Haushalt haben ihn scheinbar genauso wie das Leben in Kolumbien beeinflusst. Sein politisches Denken und soziales Bewusstsein ist ganz von Kolumbien geprägt, sagt eine Freundin über ihn.

In Neukölln lebt Michael Zambrano seit 2007. Zwei Wochen nach seinem Psychologie-Diplom packte er seine Sachen und flog nach Deutschland.  Ein bisschen Freiheit nach dem Studium. „Berlin war die erste Station, ich wollte dann weiter Richtung Osten, bin aber hier hängen geblieben. Ich habe gehört, dass sowas passiert in Berlin.“ Zu Beginn habe er nicht verstanden, wie diese Stadt tickt. Jetzt begreift und erlebt er Berlin vor allem über sein Kiezleben. Darin liegt für ihn die Besonderheit der Stadt. „Ich mag dieses bunte Leben hier. Trotz der Ängste und Stress in Neukölln atme ich frische, freie und tolerante Luft. Ich fühle mich hier wohl.“

Ins Kiezleben eingetaucht

Der Ruf von Neukölln habe sich stark verändert, sagt Michael Zambrano. Es gebe Unterschiede im Denken der Leute, die hier sind. Veränderung sei gut, mache aber auch Angst. Vor allem, wenn diese Veränderung für viele Einwohner die Konsequenz der Verdrängung mit sich bringt. Seit März letzten Jahres arbeitet Zambrano für die Neuköllner Schillerkiezzeitung „Promenadenmischung“. Durch diese Arbeit hat sich seine Wahrnehmung Neuköllns vertieft. Mehr und mehr ist er in das Neuköllner Kiezleben eingetaucht.

Über ein Zeitungsprojekt im Rahmen der Kiezzeitung wurden Kontakte zu den Jugendeinrichtungen und zu den Pädagogen geknüpft. Die Idee ein Dokumentationsprojekt mit Kindern und Jugendlichen zu machen, entstand aber ursprünglich im Austausch mit Freunden aus Kolumbien und Deutschland. Diese haben dort ein Kulturprojekt für Kinder und Jugendliche, die „Casa B“, gegründet. „Die Casa B ist auch eine Art Kiezprojekt und da wollten wir schon immer was gemeinsam machen und das hat sich dann durch meine Arbeit bei der Zeitung ergeben. Unser Ziel ist es die produktive Kraft im eigenen Kiez, und damit vielleicht neue Möglichkeiten für sich zu entdecken.“

Auch in Belén gibt es Verdrängungsprozesse

Ein weiterer wichtiger Gedanke soll die lokale Vernetzung sein, die dadurch zwischen Gewerbe und Bewohnern sowie alt und jung entstehen könnte. Es geht um einen Austausch zwischen den Menschen, mit denen man zusammen lebt und vor allem um Zusammenhalt und eine innere Stärkung des Kiezes. Im kolumbianischen Belén sind die Einwohner ebenso von Verdrängung durch touristische Aufwertung der Stadt bedroht, ähnlich wie im Schillerkiez. Michael Zambrano hatte sich dafür engagiert die Arbeit der Kids im entsprechenden Kinoformat zu würdigen.

Am 24. 11. 2012 war die offizielle Premiere der Kiezdoku im Rollberg Kino in Neukölln. Anschließend gab es eine Gesprächsrunde zum gemeinsamen Austausch. Im Film sind die Ergebnisse der Kiezdokumentation der Kinder aus Berlin und Belén zu bestaunen. Anschließend erfolgt eine einstündige Doku über die Projektarbeit, den Austausch mit Kolumbien und wie die Kinder ihren Kiez entdecken und vorstellen. Die Dokumentation gibt es auch als DVD. Im Warthe-Mahl, im QM Schillerkiez – dessen Fördermittel aus dem Fonds „Soziale Stadt“ das Projekt und die Produktion der DVD finanziell unterstützt haben – und in der Stadtbibliothek Helene-Nathan in den Neukölln Arcaden kann man sich die DVD ausleihen. Auch in Belén in Kolumbien war die DVD zu sehen mit spanischen Untertiteln.

Das Projekt wird dieses Jahr fortgesetzt. Vielleicht gibt es schließlich doch noch irgendwann die Möglichkeit für einen echten Austausch zwischen Kolumbien und dem Schillerkiez.

 

Wer die Premiere der Kiezdoku im Rollbergkino verpasst hat, kann sich heute zumindest das Making-Of anschauen:

Mi, 23.01. um 20:00 Uhr im Eis 36, Adalbertstr. 96
Der Eintritt ist frei. Anschließend gibt es eine Frage-und Diskussionsrunde

Links zum Projekt und zur Casa B in Kolumbien:

http://hecho-em-kiez.tumblr.com/
https://www.facebook.com/pages/Casa-B/222061964566752?ref=ts&fref=ts
http://www.proyectocasab.org/

 

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