von am 22. Februar 2017
Neugierige und zukünftige Bewohner beim Besuch der Tempohomes am Tag der offenen Tür (Foto: Emmanuele Contini)

Neugierige und zukünftige Bewohner beim Besuch der Tempohomes am Tag der offenen Tür (Foto: Emmanuele Contini)

Mithilfe von sogenannten Tempohomes möchte der Senat bis Ende März alle Notunterkünfte für Geflüchtete in Turnhallen auflösen. Die ersten können nun in Buckow einziehen. Wir waren vor Ort.

Es ist soweit. Die ersten Neuköllner Tempohomes – Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete – wurden offiziell eröffnet. An den südlichsten Stadtrand Berlins, nach Buckow, werden nun hunderte Menschen aus Turnhallen in provisorische Container-Wohnungen ziehen. Das wurde bei einem Tag der offenen Tür mehr oder weniger gefeiert. Geladen hatten die Senatsverwaltung für Intergration, Arbeit und Soziales, das Bezirksamt Neukölln und der Betreiber der Unterkunft (BABB). Anwohner, die Öffentlichkeit und zukünftige Bewohner konnten sich vor Ort einen ersten Eindruck verschaffen.

Eingang zum Containerdorf (Foto: Emmanuele Contini)

Eingang zum Containerdorf (Foto: Emmanuele Contini)

Infotisch zwischen den Containern (Foto: Emmanuele Contini)

Infotisch zwischen den Containern (Foto: Emmanuele Contini)

Zwei Containerreihen (Foto: Emmanuele Contini)

Zwei Containerreihen (Foto: Emmanuele Contini)

Nur mit dem Bus oder dem Auto sind die Tempohomes in die Gerlinger Straße 21 erreichbar. Hier, an der Grenze zu Brandenburg, finden 504 geflüchtete Menschen eine neues zu Hause. Bislang lebten die zukünftigen Bewohner in den Notunterkünften Buckower Damm und Efeuweg (Neukölln), Glienicker Straße (Treptow-Köpenick) und Lobeckstraße (Friedrichshain-Kreuzberg). Dort mussten sie teilweise über ein Jahr ausharren. „Wir möchten die Menschen endlich aus ihrer elenden Situation herausholen“, erklärte Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales. Die Tempohomes seien zwar in Sachen Privatsphäre besser als die Sporthallen: „Hier können die Menschen die Tür hinter sich schließen und endlich essen und kochen was sie möchten“, so die Senatorin, dennoch sei diese Lösung nicht optimal. „Mein Wunsch ist es, dass die Bewohner so schnell wie möglich in andere Wohnungen ziehen“.

45 Quadratmeter für vier Menschen

Im Januar 2017 wurden die Wohneinheiten fertig gestellt, jetzt sind sie bezugsbereit. Reiner Waldukat, Geschäftsführer der Beschäftigungsagentur Berlin-Brandenburg (BABB) e.V. und Leiter der Unterkunft, hat innerhalb von neun Tagen gemeinsam mit zahlreichen Ehrenamtlichen die letzten Vorbereitungen getroffen. „Viele der Geflüchteten haben dabei geholfen, das muss ich ganz ehrlich sagen. Wir haben hier teilweise bis spät in die Nacht gearbeitet“, erklärt Waldukat, der zuvor die Notunterkunft Efeuweg betreute, und bedankt sich bei allen Freiwilligen. Besonders bei denjenigen, die auf den letzten Metern noch geholfen haben die zahlreichen Stockbetten aufzubauen. „Betten aufbauen, das ist häufig nicht so einfach wie gedacht.“ Auf dem Bauland der WoBeGe, einer Tochtergesellschaft der STADT UND LAND, stehen jetzt insgesamt 126 Wohneinheiten bereit.

Die Inneneinrichtung eines Tempohomes in Buckow (Foto: Emmanuele Contini)

Die Inneneinrichtung eines Tempohomes in Buckow (Foto: Emmanuele Contini)

Franziska Giffey (r.) und Elke Breitenbach (r.) schauen sich die Möbel in den temporären Unterkünften an. (Foto: Emmanuele Contini)

Franziska Giffey (r.) und Elke Breitenbach (r.) schauen sich die Möbel in den temporären Unterkünften an. (Foto: Emmanuele Contini)

Ein Wohnmodul ist jeweils aus drei Containern zusammengesetzt und mit Küche, Bad und WC ausgestattet. Vier Menschen teilen sich immer 45 Quadratmeter Wohnfläche. „Das ist nicht sehr groß, aber besser als eine Turnhalle“, sagte Bezirksbürgermeisterin Giffey. Neben den Wohnmodulen befinden sich auf dem Gelände noch fünf Gemeinschaftsräume. Dort können sich die Bewohner bei einem Kaffee oder Tee austauschen, fernsehen, Sport treiben oder anderen Freizeitaktivitäten nachgehen. Zudem werden eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder und kostenlose Deutschkurse angeboten.

Ein Pförtnerbetrieb und ein Wachschutz sind dauerhaft vor Ort. Ursprünglich waren die Tempohomes in der Gerlinger Straße als Notunterkunft für 1000 Menschen – also doppelt so viele wie jetzt einziehen – gedacht. „Ich bin sehr froh, dass es nicht dazu gekommen ist. Mit vier Menschen ist eine Wohnung völlig ausgereizt“, meinte Franziska Giffey.

Besorgte, hilfsbereite Anwohner

„Der Tag der offenen Tür ist auch für die Anwohner in Buckow gedacht, um deren Vorbehalte und Sorgen abzubauen“, erklärte die Bürgermeisterin. Das starke Engagement von Ehrenamtlichen, verschiedenen Initiativen, des Quartiersmanagements und der ansässigen Schulen habe hier bereits starke Vorarbeit geleistet. Ganze 8000 Anwohnerbriefe mit der Einladung zum Tag der offenen Tür hat die Neuköllner Bezirkverwaltung im Vorfeld verschickt. Der Andrang ist entsprechend groß. Vor Ort stehen die Menschen Schlange, um die Tempohomes zu besichtigen und sich zu informieren.

Franziska Giffey (l. und Sozialsenatorin Elke Breitenbach informieren die Besucher über die Tempohomes. (Foto: Emmanuele Contini)

Franziska Giffey (l. und Sozialsenatorin Elke Breitenbach informieren die Besucher über die Tempohomes. (Foto: Emmanuele Contini)

Drei Seniorinnen aus dem nahegelegenen Seniorenwohnhaus „Haus Köln“ sind „einfach neugierig“ gewesen und möchten sehen, wo die Flüchtlinge, die zuvor in der Sporthalle am Buckower Damm untergebracht waren, jetzt wohnen werden „Wir freuen uns für die Menschen, dass sie jetzt einen schöneren Ort zum Leben haben“, erklärt eine der Damen. Hinter ihr steht eine junge Mutter, Hand in Hand mit ihrem Sohn „Ich bin hier weil ich mich informieren möchte, aber auch weil ich Angst habe“, erzählt sie. Sie wohne mit ihren beiden Kindern schräg gegenüber der Tempohomes, auf der anderen Straßenseite. „Man hört so viel. Mit der Turnhalle ist nichts passiert, aber man weiß ja nie. So viele junge Männer. Meine Kinder werden diese Bushaltestelle vorerst nicht mehr nutzen“, sagte sie.

„Alles ist besser als die Turnhalle“

Die Ehrenamtliche Petra Brandau gibt Deutschkurse in Alt-Buckow und engagiert sich seit November 2015 in den Notunterkünften Buckower Damm und Efeuweg. „Die Tempohomes sind besser als die Turnhallen, aber ideal sind sie nicht“, erklärte sie. Allerdings sei es auch schwierig momentan Wohnungen zu finden – gerade für Geflüchtete. „Die großen Hausverwaltungen sagen häufig sie möchten nur Mieter, die ihre Miete selbst zahlen können. Das ist natürlich Quatsch“, sagt Frau Brandau. Sie ist gemeinsam mit ihren Enkeln und einer Familie, die sie seit deren Ankunft in Deutschland unterstützt, gekommen. Zum Beispiel mit Ahemd, der Busfahrer werden möchte und einem Ehepaar, das gemeinsam mit seinem Säugling eines der Tempohomes beziehen wird. „Wir sind heute hier um zu sehen wo wir wohnen werden. Wir sind gespannt, aber alles ist besser als die Turnhalle“, so der Familienvater.

Eine Familie, die zukünftig in den Tempohomes leben wird. (Foto: Emmanuele Contini)

Eine Familie, die zukünftig in den Tempohomes leben wird. (Foto: Emmanuele Contini)

Zukünftige Bewohner fotografieren die Zimmer in den Containern. (Foto: Emmanuele Contini)

Zukünftige Bewohner fotografieren die Zimmer in den Containern. (Foto: Emmanuele Contini)

Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (M), der Berliner Staatssekretär für Integration, Daniel Tietzte (r), und die Senatorin für Arbeit und Soziales, Elke Breitenbach, (2.v.r.) bei der Pressekonferenz (Foto: Emmanuele Contini)

Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (M), der Berliner Staatssekretär für Integration, Daniel Tietzte (r), und die Senatorin für Arbeit und Soziales, Elke Breitenbach, (2.v.r.) bei der Pressekonferenz (Foto: Emmanuele Contini)

Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey betrachtet die Tempohomes als reine Zwischenlösung. Die Gemeinschaftsunterkunft ist zunächst auf drei Jahre befristet, denn die Eigentümer werden dann mit dem kommerziellen Wohnungsbau auf dem Gelände beginnen. „In Zukunft entstehen hier 55.000 bis 60.000 Quadratmeter Wohnfläche für alle Berliner“, erklärte Petra Hildebrandt, Geschäftsführerin der WoBeGe. Ende 2018 würden dann die ersten Bagger rollen. „Natürlich nicht direkt hier an den Unterkünftigen, sondern am anderen Ende. Sie sitzen hier übrigens auf der zukünftigen Obstwiese“, erklärt sie den Pressevertretern. „Diese Unterkunft soll kein Dauerprovisorium werden“, wiederholte Giffey. Wichtig sei es vorerst, die Menschen aus den Notunterkünften der Sporthallen herauszuholen. Die frei gezogenen Turnhallen würden im Anschluss ordentlich saniert. „Es wird aber noch etwas dauern, bis diese wieder in Stand gebracht und in Betrieb sind“, erklärte sie.

Zittern um Tempohomes in Pankow

Aktuell leben in Berlin noch 15.300 Menschen in Notunterkünften. Bis Ende März plant der Senat alle Notunterkünfte, die sich in Sporthallen befinden, aufzulösen, 12 Turnhallen sind derzeit noch bewohnt. Die Gemeinschaftsunterkunft in der Gerlinger Straße ist die fünfte Tempohomes-Unterkunft von insgesamt 20 geplanten. „Es werden noch viele Tempohomes in Berlin gebaut in den nächsten Jahren. Leider kommt es häufig zu Verzögerungen“, erklärte Integrationssenatorin Elke Breitenbach. Daniel Tietze, Staatssekretärin für Integration, sieht das Ganze – bezogen auf die Tempohomes in Neukölln – etwas positiver: „Hier ist es Berlin gelungen, etwas fertig zu bauen.“ Aber nicht überall scheint das zu gelingen. „Wir zittern, ob die Tempohomes in der Elisabeth-Aue in Pankow rechtzeitig – also vor Ende März – bezugsfähig sind“, so Breitenbach.

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