von am 24. September 2012

„Wenn du den Spinat nicht isst, ziehen wir nach Neukölln.“ Diese Drohung gilt für Heinz Buschkowsky nicht mehr. Neukölln ist attraktiv für junge Leute. Aber Neukölln hat auch Probleme. Gravierende Probleme. Jenseits von billiger Polemik in Talkshows, präsentiert er seine Thesen und Lösungsansätze nun in Buchform. Eine Rezension.

Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Neukölln ist überall“ und, soviel sei hier schon verraten, der Titel ist das dämlichste am ganzen Buch. Kinder, Kinder, regt euch ab. Verfallt nicht in Hysterie. Das gibt das Buch nicht her.

Zum Kern: Buschkowsky geht von einem gesellschaftlichen Wertesystem aus, bei dem es auf das Engagement des Einzelnen für sich selbst und die Gesellschaft ankommt. Er legt Wert auf Tüchtigkeit, im Notfall auf Hilfe zur Selbsthilfe. Allerdings, es gibt Regeln und Gesetze, die sinnvoll für das Zusammenleben sind. An die müssen sich alle halten.

Herkommen, hierbleiben, gestalten

Buschkowsky wünscht sich Deutschland als Einwanderungsland, in dem die Einwanderer wie in den USA, Kanada oder Australien sich bewusst mit dem Land identifizieren. Die darauf spekulieren, sich etwas aufbauen zu können und vielleicht irgendwann den Pass des Landes zu bekommen. Das sieht er in Neukölln bei einigen Einwanderern eben nicht.

Übrigens verlangt er dies auch bei den nicht-ausländischen Einwanderern. Zwar erfreut er sich der belebten Kulturszene in dem, was allgemein „Kreuzkölln“ genannt wird (ein Begriff, der ihm als stolzen Neuköllner mehr als Bauschmerzen bereitet). Allerdings sieht er die junge Szene auch in der Pflicht, zu einem besseren Neukölln beizutragen. Die Erhöhung der Mieten passiere meistens bei Wohnungswecheln. Man könne leicht dagegen angehen, wenn die Menschen, die herziehen, sich tatsächlich für Neukölln entscheiden, wenn sie hier ihre Kinder großziehen wollen, wenn sie sich ins Stadtleben integrieren. „Diejenigen, die durch episodenhafte Wohnsitze für starke Mieterfluktuation sorgen und die Gentrifizierung durch Mietsteigerungen beklagen, sind die Gentrifizierer.“

Ist das jetzt rassistisch?

Doch zurück zu den Aspekten, die Buschkowsky als dringenst zu reformieren betrachtet: Er plädiert für Kita-Plätze für alle Kinder, für Ganztagsschulen, gegen Schulschwänzerei. Er erklärt, warum es wichtig sei, dass Kinder die deutsche Sprache beherrschen, damit unabhängig von der Herkunft Chancengleichheit entstehen könne. Er kritisiert die „bio-deutschen“ Eltern, die Neukölln zwar hip fänden, ihre Kinder aber dann doch lieber nach Zehlendorf auf die Schule schicken. Ebenso wie Einwandererfamilien, in denen die Schulbildung offenbar keine Rolle spielt. Er ist ebenso gegen Kriminalität auf der Straße wie häusliche Gewalt. Ist das jetzt rassistisch? Agitatorisch? Nein!

Dies ist keine platte Panikmache eines Hasspredigers wie Sarrazin, der mit Hilfe von absurd zusammengewürfelten Statistiken einzelne Bevölkerungsgruppen diskriminieren will. Buschkowsky will eine ernsthafte gesellschaftspolitische Debatte anstoßen. Dafür widmet er sogar Sarrazin ein leider wenig aussagekräftiges Kapitel, in dem er sich aber immerhin menschlich und inhaltlich weitgehend vom ehemaligen Senator distanziert. Sarrazin scheine nach wie vor „Gefallen daran zu haben, gesellschaftlich Schwächere zu schulmeistern.“ Das tut Buschkowsky nicht. Er möchte verändern, gestalten. Das es dazu bisweilen einer harten Hand bedarf, verschweigt er derweil nicht.

Nicht jeden Quatsch mitmachen

Um sich in der Hinsicht weiterzubilden, begibt sich Buschkowsky auf eine Reise durch Rotterdam, Glasgow, Neapel. Er will herausfinden wie andere Städte mit ähnlichen Problemen umgehen. Hier manifestiert sich der Unterschied zwischen Buschkowsky und einem sozialpolitischen Hardliner. Er betrachtet zwar manche Maßnahmen interessiert, lässt aber immer wieder erkennen, dass auch er nicht bereit ist, jeden Quatsch mitzumachen.

Vor allem, und es mag sicherlich auch ein Stück Angeberei dabei sein, zeigt sich Buschkowsky als einer – im Gegensatz etwa zu Sarrazin und weiten Teilen der politischen Elite der Stadt – der sich tatsächlich mit den Problemen auseinandersetzt. Der mit den Menschen redet und sich nicht auf wohlmeinende Phrasen und Berater verlässt. Ob das nun immer stimmt, sei dahingestellt. Neukölln darf sich aber glücklich schätzen, einen Bürgermeister mit so einer Einstellung zu haben.

Das Buch sagt: „Darüber müssen wir reden“

Die in der „Bild“-Zeitung vorgestellten Thesen sind tatsächlich im Buch zu finden. Es darf aber niemanden überraschen, dass gerade diese Zeitung sich große Mühe gegeben hat, die argumentierenden und einordnenden Passagen wohlweislich zu übersehen. Im Grunde ist es einfach: Wer Buschkowsky aufgrund der Auszüge in der „Bild“ als Rassisten oder Agitator schimpft, ist auf die boulevard’sche Darstellung der Bild-Zeitung reingefallen, nicht auf den Bürgermeister.

Aber ebenso wie die zu unrecht Empörten werden auch die Gehirnamputierten von Pro-Deutschland, die Sarrazin-Jünger, Islam-Hasser und andere Alltagsrassisten keine Freude an diesem Buch haben. Parolen aus diesem Buch abzuleiten, heißt, die Arbeit des Autors für seine Zwecke zu mißbrauchen. Dieses Buch ist kein hysterisch krakeeltes: „Das wird man doch noch sagen dürfen.“ Dieses Buch sagt: „Darüber müssen wir reden.“

Insofern muss sich Buschkowsky fragen lassen, warum er seine im Grunde kluge und in sich schlüssige Darlegung von den Hetzern im Springer-Verlag vereinnahmen lässt. Aufmerksamkeit kann doch nicht alles sein. Und verkaufte Auflage erst recht nicht.

Nicht schönreden, handeln!

Aber letztlich kann man Buschkowsky beipflichten: Es gibt Probleme, ja. Es gibt auch Probleme mit Ausländern. Daran werden wir nichts ändern, wenn wir alles schönreden. Ebenso wenig wird der in unserem Land mitunter vorherrschende Islamhass irgendetwas daran verbessern. Im Gegenteil. Buschkowsky versucht, die Probleme zu lösen. Das macht er manchmal laut und polternd. Der Bürgermeister mag eine ungesunde Vorliebe für Fernsehstudios hegen, aber immerhin scheint er es ernst zu meinen. Dieses Buch ist sein Versuch, seine Thesen jenseits der Großkotzigkeit und Argumentationsleere von Talkshows darzulegen.

Es ist ein interessantes, aber kein brilliantes politisches Manifest. Es ist ein sehr persönliches Buch, darin liegt seine Stärke. Das erlaubt es dem Bürgermeister, teilweise sogar witzig zu sein, die Umstände mit einer saloppen Formulierung und einem Augenzwinkern zu kommentieren. Doch in einem Aspekt hapert es: Es wäre sicherlich ein besseres Buch geworden, hätte Buschkowsky es für die Neuköllner geschrieben, als für eine fasziniert-abgestoßene gesamtdeutsche Öffentlichkeit. Wer die Straßen hier nicht kennt, wird seine Schwierigkeiten haben, das gelesene einzuordnen. Es kann schnell zu Trugschlüssen kommen, trotz Buschkowskys abwägender und detailreicher Beschreibungen.

Die Sensationsgelüste, die das Buch in weiten Teilen der linken und rechten Presse und Öffentlichkeit nun aufkommen lässt, lässt auf eine Gesellschaft schließen, der die Fähigkeit zur Abstraktion abhanden gekommen ist. Spricht Buschkowsky etwa von kriminellen Ausländern oder den Problemen in muslimischen Familien, dann sollte sowohl der Antifa als auch dem Springer-Verlag klar sein, dass er damit nicht sagt, dass alle Muslime oder Ausländer kriminell oder Integrationsverweigerer sind. Buschkowsky selbst muss mehrfach im Buch darauf hinweisen. Das ist recht bizarr für eine Gesellschaft, die sich als aufgeklärt und weitgehend intelligent betrachtet. Denn eigentlich ist das doch nicht so schwer zu kapieren, oder?

Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall, Ullstein, 19,99€

 

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