In alter Handwerkstradition

OG Shopfront ©Lili Schulthes


Seit etwa drei Jahren ist das Fashionstudio „Obst und Gemüse“ eine Kreativwerkstatt für ein Kollektiv aus sieben internationalen Designern. Sie entwerfen und nähen Kleidung und Accessoires aus Stoffen und Leder – mit viel Liebe und Hingabe zum Detail. Als Gegenentwurf zur Fast Fashion pflegen die Designer einen anderen Ansatz: Mode ist hier ein langsamer Prozess, alles ist handgemacht mit der Besinnung auf etwas, das in Zeiten von Primark & Co. fast in Vergessenheit geraten ist: Alte Handwerkstradition gepaart mit dem Vorsatz, langlebige Klamotten herzustellen.

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Mittwoch, 14. Februar 2018

von Marion Rukavina

Ein früher Samstagabend in der Weserstraße: Zwischen K-Fetisch, Vintage-Läden und Wolf-Kino fügt sich das Designerstudio gut ein. Beim Betreten fragt man sich allerdings zunächst, wo man eigentlich gelandet ist. Ist das jetzt ein Laden oder doch ein Café? An den Stangen hängen Kleider, Shirts und Hosen, in den Regalen liegen verschiedene Taschen und Gelbörsen aus Leder sowie Schleifchen für Hund und Haar liebevoll nebeneinander gereiht. In der Ecke eine Küchennische, die Anwesenden im Laden trinken Sekt, man spricht Englisch: „Who wants a top-up?“. Im hinteren Raum des Ladens herrscht geordnetes Chaos: Es türmen sich Stoffe, Lederschnitte, Scheren und Nähgarn, dazwischen stehen Nähmaschinen aus einer Zeit, als „Made in China“ noch in weiter Ferne lag.

Eine Familie, bei der jeder sein Ding macht

Früher, als kaum einer in Neukölln wohnen wollte, war der Laden eine schmierige Bar, ehe darin Obst und Gemüse verkauft wurde. Nach einer Zwischennutzung als Plattenladen ging der Raum schließlich in die Hände des Designerkollektivs über. Von der Originalbesetzung ist nur noch ein Teil übrig, doch die jetzige Formation gibt einem das Gefühl, Einblicke in ein Familienunternehmen zu bekommen, gleichzeitig macht jeder sein eigenes Ding. „Auch diejenigen, die hier mal gearbeitet haben, sind immer noch mit dem Laden verbunden und mit uns befreundet“ so Hannah-Lee Jade, eine der Designerinnen bei „Obst und Gemüse“.

Hannah ist das jüngste Mitglied des Kollektivs. Sie stammt aus Neuseeland und entwirft schon seit ihrer Schulzeit Klamotten. Ihr erstes Kleid machte sie aus einem Stoff, den sie in einem Müllcontainer fand. „Das Kleid habe ich immer noch“, sagt sie und lacht. Nach der Highschool ging sie nach London, wo sie in einem Klamottenladen arbeitete und nebenher unter ihrem eigenen Namen anfing Mode zu entwerfen. Seit 2015 lebt sie in Berlin und ist froh, Teil von „Obst und Gemüse“ zu sein: „Ich mag die Arbeitsatmosphäre, sie schärft auch meinen Fokus“. Bei ihrer Mode geht es um Verspieltheit und um das traumhafte, märchenhafte Erzählen von Geschichten. Sie benutzt für ihre Entwürfe viel transparente Materialen, insofern mischt sich zur Verspieltheit auch Sexyness. Die Stoffe bedruckt sie teilweise selbst.

Mode für Mensch und Hund

Im Sinne der Nachhaltigkeit verwenden die Designer sogenannte „End of Line Fabrics“. Stoffe und Materialien also, die sonst als Ausschussware oder Materialreste weggeschmissen werden würden. „Es ist schwierig, Mode aus wirklich nachhaltigen und ökologischen Stoffen zu produzieren“, so Hannah. „Und auf welche Art zertifiziert nachhaltige Kleidung tatsächlich hergestellt wird, ist nicht immer klar. Die Zertifizierungsverfahren sind teilweise undurchsichtig. Es ist sehr schwer, beziehungsweise fast unmöglich, sich komplett von den üblichen Herstellungsprozessen abzugrenzen“, ergänzt Krista Karttunnen.

Sie entwirft unter dem Label Quadrupidus. Der Name steht für eine erfundene Kreatur halb Hund, halb Mensch. Die Finnin arbeitete zunächst als Kostümbildnerin bei Theatern, heute macht sie handgemachte Mode für Mensch und Hund. „Ich liebe Hunde und ich hatte immer die Idee, eigene Mode zu entwerfen. So habe ich 2014 angefangen, Schleifen für Hunde und Menschen anzufertigen. Zuerst arbeitete ich von zuhause aus, aber durch Zufall fand ich über Craiglist das ‚Obst und Gemüse‘. Und jetzt bin ich hier.“

Halb Hund, halb Mensch: Quadrupidus ©Sara Picco


Alles, was das Lederherz begehrt

Über Craiglist kam auch Lili Schulthes zu Obst und Gemüse. Unter dem Labelnamen monday market designt sie alles, was das Lederherz begehrt. Vor etwa sieben Jahren fing sie an, kleine Täschchen und Geldbörsen anzufertigen, mittlerweile stellt sie auch Gürtel, Handschuhe und Rucksäcke her. „Es war ein sehr langsamer, aber stetiger Prozess, allerdings ohne Business-Plan oder so was” lacht Lili.

Das Handwerk lernte Lili über ein Praktikum. „Von da an wusste ich, dass Leder das Material ist, mit dem ich arbeiten möchte. Sie tat das zunächst von zu Hause aus und verkaufte ihre Produkte ausschließlich online, ehe sie bei „Obst und Gemüse“ ansässig wurde. „Meine Produkte sollen praktisch sein, aber auch farbenfroh und schön.“ Für Lili hat es auch mit Wertschätzung zu tun, wenn sie die Personen kennenlernen kann, die ihre Sachen kaufen. „Das ist für mich auch einer der großen Unterschiede zwischen handgemachter Mode und Fast Fashion: der persönliche Kontakt mit den Kunden. Und wenn hier jemand reinkommt und etwas kauft oder sich darüber freut, das ich mit meinen eigenen Händen gemacht habe, das macht mich sehr glücklich.“

Leder-Accessoires von monday market ©Lucia Farron


Langlebig und trotzdem trendy

Um Wertschätzung geht es auch Judith Schroiff, Designerin der Modelabels Schroiff. „Kleidung ist ein großer Teil unser Identität und Individualität. Es geht um Wertschätzung, zu sich selbst, aber auch zu den Menschen die sie herstellen. Wenn man etwas mit seiner Kleidung zum Ausdruck bringen möchte, ist das mit einem T-Shirt von H&M vielleicht schwieriger, weil tausend andere dasselbe tragen. Das verändert sich, sobald man ein Stück Kleidung besitzt, das sonst niemand hat oder vielleicht nur drei oder vier Menschen auf der Welt”.

Judith designt als „Schroiff“ seit mehr als zehn Jahren Mode. Ihre Kreationen sind geprägt von traditionellen Herstellungstechniken, kombiniert mit ausgefallenen und besonderen Stoffen. Sie absolvierte zunächst eine Schneiderlehre, bevor sie Modedesign studierte – mit Schwerpunkt „Fast Fashion“. Nach dem Abschluss arbeitete sie eine Zeitlang als Schneiderin für andere Designer. Seit knapp einem Jahr ist sie bei „Obst und Gemüse“. „Ich nutze einfache, geradlinige Schnitte, die ich aus interessanten Stoffen herstelle. Ich würde meine Sachen als Unisex beschreiben. Denn die einfachen und geradlinigen Schnitte sind meiner Meinung nach wichtig, damit die Kleidung eben langlebig und trendy bleibt.“

Geradlinig und langlebig: Schroiff ©Judith Schroiff


Handgefertigtes gegen das geistesgestörte Konsumieren

Weniger ist mehr, das ist die Devise von Pepe Trapiello. „Ich bin der Meinung, man sollte weniger kaufen und dafür aber etwas besonderes, das man länger trägt und auch tragen kann, weil es eben langlebig ist“. Der Spanier studierte Modedesign, danach ergatterte er eine Anstellung als Designer in der Fast Fashion-Industrie. Doch er schmiss hin. „Es war eine harte Entscheidung, denn so ein Job gilt in der Modewelt als Jackpot, man gibt das nicht einfach so auf. Aber es war einfach nicht mein Weg.“

Heute sagt er, es sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Seit 2015 entwirft er unter Pep/Trapiello Mode, meist Basics, die er aus unterschiedlichen Materialien herstellt. Laut Pepe sollten Frauen und Männern ihren Kleiderschrank mit Essentials ausstatten und diese dann kombinieren. Als Material benutzt er viel Jersey, weil es sich dem Körper und den individuellen Bedürfnissen leicht anpasst. Handgefertigte Kleidung zu tragen ändert seiner Meinung nach alles: „Es ist für dich gemacht, es passt gut und es ist auch ein Statement. Und es hat nichts mit dem geistesgestörten Konsumieren zu tun, der uns heute so umgibt.“

Modestatements von Pep/Trapiello ©Pepe Trapiello


Blick hinter die Kulissen der Kleiderherstellung

Den Designern von „Obst und Gemüse“ geht es auch um den Blick hinter den Kulissen. Welche Prozesse laufen eigentlich bei der Kleiderherstellung ab? „Die Leute kommen hier rein und sind überrascht, uns nähen zu sehen“, so Jamie Drobnick, Teil des Designerduos Ravel. Dadurch entstehe auch eine höhere Wertschätzung für die Produkte und auch eine bessere Nachvollziehbarkeit der Preise. „Wir wissen, dass die Nachbarn aus unserem Kiez keine Großverdiener sind. Aber wenn Menschen hier reinkommen verstehen sie meist auch, warum wir ein T-Shirt nicht für acht Euro verkaufen können.“

Ravel begann zunächst damit, Gardinen und Kissenbezüge aus Leinen herzustellen. Den Stoff bedruckten sie selbst, meist mit Natursymbolen. Mittlerweile stellen sie auch Oberteile und Kleider her, ebenfalls aus bequemer Leine, von Hand bedruckt. „Als ich zusammen mit meiner Partnerin Lizzy Sell das Label gründete, haben wir viel über die Tradition und auch den familiären Hintergrund des Schneiderns gesprochen. Uns ist es wichtig, diese Traditionen aufrechtzuerhalten und weiterzugeben.“ Dazu gehöre auch, Kleidung möglichst so herzustellen, das sie über Generationen erhalten bleibt und weitergegeben werden kann.

Naturprints und Leine prägen die Entwürfe von Ravel ©Lucia Farron

Denn für das Werkstattkollektiv im „Obst und Gemüse“ ist eines klar: Fast Fashion ist ungerecht und ausbeuterisch. Und wer noch mehr darüber wissen möchte, dem sei auch dieser Beitrag zur Fair Fashion ans Modeherz gelegt.

Fashion Studio „Obst und Gemüse„, Weserstraße 56, 12045 Berlin, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 12-19 Uhr; Samstag 13-19 Uhr.

Kommentare:

  • Robert Mader sagt:

    …Und was kosten diese „langlebigen“ Klamotten ???
    wahrscheinlich zu teuer für die „alteingesessenen“ Bewohner des Schillerkiezes ! ..aber diese sollen ja auch raus aus dem „wiedererschönten“ Kiez ; damit junges zahlungskräftiges Publikum e n d l i c h nach Nord-Neukölln zieht und die hippe Modelabels, Frollein-Cafe`s und ähnliches schick und schön findet…..kein Wort von Eurem „Blatt“ zu den ganzen Luxus-Neubau-Projekten (Hermannstr.227,Flughafenstr.,etc.)…! aber Ihr seid ja mehr so ein „Gala-Hipster-Shopping-Journal“ ! Nehmt Euch ein Beispiel an NK 44 Blog. !!!

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