von am 15. Februar 2016
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In „MadeinBarna“ erzählt Mireia Sabadell von ihrer Zeit in Berlin. Foto: Irene Moray

Längst gehören sie „dazu“: die tausenden jungen Spanier, die seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise in ihrer Heimatland nach Berlin kamen. Eine von ihnen ist Mireia Sabadell. Sie verließ 2013 ihre Heimatstadt Barcelona und ging nach Berlin. In ihrem Blog hat sie die hier gemachten Erfahrungen festgehalten. Daraus ist jetzt das Buch „MADEINBARNA“ entstanden – das, wie sie schreibt, „erste Buch, das den Spaniern im Merkeldeutschland eine Stimme gibt“. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Interview: Hanna Freudenreich

neukoellner.net: Du beschließt mit gebrochenem Herzen deine Heimat Barcelona zu verlassen und nach Berlin zu gehen. Von Anfang an bist du nicht besonders begeistert davon. Und das, obwohl Berlin mittlerweile für viele ein Sehnsuchtsort ist. Warum bist du überhaupt nach Berlin gekommen?
Mireia Sabadell: Für mich war lange klar nach Nordeuropa zu gehen. Ich hatte mir zuvor schon mal ein Ticket nach Norwegen gekauft, bin aber nicht geblieben. Dann habe ich mal Urlaub in Berlin gemacht und so viele Leute – Spanier und Deutsche – sagten zu mir: „Komm einfach her! Die Wohnungen sind billig! Es gibt lauter Möglichkeiten!“ Damals wie heute wollte ich beim Film oder Theater arbeiten. Mir gefielen die Stadt und die Sprache und natürlich wollte ich auch vor der Krise in Spanien davonlaufen. Wie alle jungen Leute dort fühlte ich mich irgendwie verloren. Die Suche nach Glück und Erfolg war ein großes Motiv für mich. Doch nach meiner Zeit in Berlin habe ich festgestellt, dass ich erstmal mit mir selbst ins Reine kommen und mich mit meiner Heimat versöhnen muss, um das zu erreichen.

Dein Buch „MadeinBarna“ geht auf den gleichnamigen Blog zurück, den du 2013 ins Leben gerufen hast, um dort deine Erlebnisse in Berlin zu teilen. Warum hast du angefangen zu Bloggen und wann kam die Idee für das Buch?
Alles begann mit einer chaotischen Reise nach Rom, die ich gemacht hatte, kurz bevor es nach Berlin ging: Ich hatte keinen Perso, keinen gültigen Reisepass, diskutierte mit EasyJet-Personal und Polizei. Ich teilte die Geschichte auf Facebook und bekam viele Likes. Bei meinem Abschiedsessen in Barcelona, bevor ich dann nach Berlin reiste, hatte eine Freundin vorgeschlagen, ich sollte doch ein Blog machen, um meine Erlebnisse teilen zu können. Für das Buch habe ich die Einträge so überarbeitet, dass daraus ein fortlaufendes Dokument meiner Erfahrungen in Berlin wurde. Das war ein Prozess von zwei Jahren.

Das Titelblatt deinportadamadeinbarnaes Buchs ist ziemlich explizit: Ein Haufen Kacke vor einem Herz vor einem Hakenkreuz, und das alles in schwarz und pink. Fasst das deine Zeit in Berlin gut zusammen?
Nein, ganz im Gegenteil! Ich kritisiere damit mich selbst und meine eigenen Vorurteile! Klar, in meinem Buch kritisiere ich auch Deutschland, und ich rede offen über Liebe und über Kacke, aber vor allem möchte ich so mit Klischees aufräumen und die damit verbundenen Symbole demystifizieren, daher auch das Hakenkreuz. Ich bin Vegetarierin und wenn ich mir eine Religion aussuchen müsste, wäre es der Buddhismus. Und deshalb spiele ich mit dem Symbol „Hakenkreuz“ und setze es in Kontrast zu seiner ursprünglichen, Tausende von Jahren alten Bedeutung: der Suche nach Glück und Erfolg, dem Gleichgewicht aller Elemente und der eigenen Person. Davon handelt ja auch mein Buch.

Trotz deines mangelnden Enthusiasmus zu Anfang, erlebst du dann in Berlin das volle Programm und erzählst mit zynischem Humor von Berghain, Drogen, Festivals, den Berliner Männern… Das ist alles ziemlich unterhaltsam. Trotzdem wird deine Stimmung mit der Zeit immer düsterer, bis sie zum Schluss kaum mehr rausgeht. War Berlin wirklich so schrecklich zu Dir?
Wenn man mit vielen ungelösten Problemen in ein anderes Land geht, und dazu nicht ganz freiwillig, dann erhofft man sich in dem Land, das einen aufnimmt, Verständnis oder Trost – sowas wie die Umarmung einer Mutter! Doch dann kommt man an und befindet sich in einer komplett anderen Kultur mit einer fremden Sprache und in Berlin mit einer Gesellschaft, die total genervt ist von Gentrifikation, von Touristen, von Leuten, die nur wegen der Partys und der Drogen kommen. Hinzukommt, dass die Deutschen sehr fordernd sind, was das Kennen ihrer Sprache und Gesetze angeht. Das ist schwierig, wenn man aus einer Kultur kommt, in der mehr improvisiert wird. Und dann noch das Wetter: 2013 war einer der kältesten Winter der letzten 100 Jahren. Ich hatte am Anfang kein Internet, keine Freunde, und verließ wegen der Kälte kaum das Haus. Irgendwann wandte sich das Schicksal einfach gegen mich – mir gings nicht gut, meinem Land gings nicht gut, meinem Liebensleben gings nicht gut. Und zusätzlich hatte es noch 10 Grad minus.

Apropos Liebesleben: Dein Buch handelt zu einem Großteil von deinen ernüchternden Erfahrungen mit den Berliner Männern. Du machst intime Bekanntschaften mit so einigen Stereotypen: dem hedonistischen Neuköllner Künstler, dem asketischen Veganer, dem schönen, aber unterkühlten Hipster. Einzige Gemeinsamkeit: sie alle sind blond und irgendwie enttäuschend. Was genau müssen die Berliner Männer noch lernen, um bei einer Spanierin zu landen?
Was den Berliner Männern fehlt? Ich würde sagen, Hingabe! Leidenschaft! Emotionen! Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich so dramatisch bin, aber ich finde, dass die Deutschen, wenn auch nicht alle, in ihrem Beziehungsleben sehr förmlich sind. Mir fehlt sowas wie: ich zieh mir das Hemd aus und wir machen Liebe an Ort und Stelle! Es klingt zwar sehr machohaft, aber mir fehlt, dass die Männer die Initiative ergreifen. In Berlin war immer ich diejenige, die das gemacht hat.

Auch deine Erlebnisse mit der berüchtigten Berliner Verwaltung kommen in deinem Buch nicht zu kurz. Roher Ton, Fremdenfeindlichkeit, pingelige Bürokratie. Das ist leider das ernüchternde Bild, das Neuankömmlinge von der ansonsten so hippen und weltoffenen Stadt bekommen, wenn sie ein Amt betreten. Woran könnte das liegen und inwiefern ist Spanien da anders?
Viel hat bestimmt mit einer Angst zu tun, man könnte etwas verlieren, von dem man denkt, das es einem gehört: die Stadt, wie man sie kennt. Es ist eine Ablehnung der Veränderung, die Angst davor, sich in seiner Stadt anpassen zu müssen. Die junge Generation in Berlin ist so offen, respektvoll, kulturell interessiert, aktiv. In Spanien sind wir da sehr viel antriebsloser, was aber auch mit der politischen Situation zu tun hat. Die ältere Generation jedoch, die, die in den Ämtern sitzt, hat keine Geduld, keinen Bock, kein Verständnis, keine Lust sich zu ändern und anzupassen. Ich kann das aber gut verstehen. Letztendlich glaube ich, dass junge Berliner die gleichen Probleme mit den Ämtern haben. Es ist eher ein Generationenkonflikt.

Deine sehr aktive Verdauung ist der rote Faden deines Buchs. Wer schon mal um die Weihnachtszeit in Barcelona war, der kennt sicher die Figur des „Caganer“ (dt. etwa „Scheißer“), einer Art Krippenfigur mit heruntergelassenen Hosen, sowie den „Caga Tio“, ein Baumstamm mit Augen, der sich an Heiligabend um die Geschenke erleichtert. Warum dreht sich in Katalonien bloß alles um die Kacke?
Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung! Erst als ich woanders gelebt habe, wurde mir klar, dass es ein sehr katalanisches Ding ist. Dann habe ich ein bisschen recherchiert und bin auf einen Erzählband von Salvador Dalí gestoßen – alle Geschichten darin drehen sich um die Kacke. Aber ich kann nicht sagen, woher dieser Teil unserer Kultur wirklich kommt. Es gibt viele Redewendungen, die mit Kacke zu tun haben. Sowas wie: Nach einem guten Essen, ein gutes Kacken! Definitiv ist es kein Tabu, darüber zu sprechen, vielleicht hat es sogar eine positive Konnotation. Kacken ist etwas sehr Nützliches!

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Die Krippenfigur „Caganer“. Foto: Flickr/TJ DeGroat CC-Lizenz BY 2.0

Du hast auch in Neukölln gewohnt und in der Grießmühle nebenher spanische Tortilla verkauft. Wie hat es dir hier gefallen?

Die ganze Welt sollte so sein wie Neukölln! Ich vermisse das Ambiente total. Die kleinen Details, so wie die bepflanzten Baumscheiben mit Vogelhäuschen und Lampions… Dass du hier einen Falafel essen kannst und gleich daneben eine vietnamesische Suppe für drei Euro. Ich hatte immer den Eindruck, Neukölln gehört wirklich seinen Einwohnern. In anderen Orten im Norden Europas ist das Leben mehr auf die eigenen vier Wände beschränkt. In Neukölln ist „Daheim“ auch auf der Straße. Das multikulturelle Leben war etwas, was ich so nicht erwartet hatte. Für mich war es sehr angenehm, gerade durch die türkische Kultur, die zwar vollkommen anders als die spanische ist, aber doch näher am Mediterranen: die Obst- und Gemüsestände und der Geruch nach Essen auf der Straße zum Beispiel. Hier habe ich mich gleich viel heimischer gefühlt.

Und trotzdem schilderst du immer wieder dein Heimweh: Du verachtest die korrupte Politik, fühlst dich weder als Spanierin noch als Katalanin. Mittlerweile lebst du aber wieder in Spanien, in Madrid. Hat sich etwas geändert, für dich persönlich oder im Land?
Politisch gibt es auf jeden Fall einen Wandel. Nach den letzten Wahlen kommt endlich der soziale Protest ins Parlament. Eigentlich war ich wie ein Kind, das nach dem Streit mit seiner Mutter von zu Hause ausbricht – um kurz darauf reumütig zurück zu kommen. Nun bleibe ich hier, um zu vergeben und die guten Sachen an meinem Land wertzuschätzen – und das sind viele.

Wirst du trotz deiner vielen ernüchternden Erfahrungen wieder nach Berlin kommen?
Auf jeden Fall! Aber ich will als Schauspielerin arbeiten, und da muss ich erstmal in Spanien anfangen. Ohne die Sprache zu können ist es sonst sehr schwer, außer vielleicht man kriegt die Rolle der Spanierin in Berlin, wie im Film „Victoria“. Davon gibt es allerdings nicht besonders viele. Aber ich werde auf jeden Fall immer wieder zurückkommen. Ich bin sehr dramatisch veranlagt und werde deshalb immer sehr nostalgisch, wenn ich etwas über Berlin lese oder die deutsche Sprache höre. Viele finden die deutsche Sprache hässlich, aber ich liebe sie, und freue mich immer, wenn ich verstehe, was deutsche Touristen in Spanien so reden. Ich hoffe auch, dass sich vielleicht ein Verlag findet, der mein Buch auf Deutsch rausbringen möchte. Berlin ist ein Teil von mir! Ich bin kurz davor, mir ein Tattoo zu machen mit „Neukölln!“, oder so…

Davon möchten wir dann bitte ein Foto!

„MADEINBARNA“ von Mireia Sabadell, erschienen bei Opera Prima (250 Seiten, 19,95 Euro). Zurzeit ist das Buch nur auf Spanisch und in ausgewählten Buchhandlungen, zum Beispiel bei Bartleby & Co., erhältlich.

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