von am 19. Dezember 2013
Karikatur: Sven-Norman Bommes

„Mir is dit ejal!“ (mitgeschickte Karikatur von Sven-Norman Bommes, Ehemann der Autorin)

„In mir möchte alles laut sein“: mit Staunen verfolgt Cäcilie Marie Böhmig (33) das Geschehen ums Tempelhofer Feld und ist verärgert.  Sie schrieb uns diesen Leserbrief, den wir in leicht gekürzter Fassung gerne veröffentlichen.

Auf dem Tempelhofer Feld stehen Bauzäune. Es wird gemessen, gegraben, gepflanzt. Die Bauvorbereitungen sind voll im Gange, um die Pläne des Senats (LINK) im Alleingang durchzusetzen. Das Volksbegehren zum Erhalt des Tempelhofer Felds in seiner jetzigen Einzigartigkeit (mit inzwischen über 100.000 Unterschriften), konnte bisher keinen Einfluss auf diese Pläne nehmen. Erst die eingereichte Klage des Bund schaffte es, einen Baustopp für das geplante Wasserbecken zu erzielen. Dem Volksbegehren begegnet der Senat / die Tempelhofer Projekt GmbH mit Unverständnis, schließlich:

  • würden sich die Bürger ja schon seit 2007 an den Planungen beteiligen.
  • entspräche das Wasserbecken den Auswertungen eben dieser Bürgerbeteiligungen.
  • würden dringlich benötigte sozialverträgliche Wohnungen gebaut.
  • fördere die Zentralbibliothek das Bildungswesen.

Aus meiner Perspektive sieht das so aus:

1. Bürgerbeteiligung: Die Ausgangspläne beruhen überwiegend auf Partizipationsauswertungen der Jahre 2007-2009 – Auswertungen von ca. 25 % von 7000 versendeten Fragebögen. Die Befragung bezog sich lediglich auf vier verschiedene Parktypen. Die Antwortmöglichkeit „ich möchte, dass das Feld so bleibt wie es ist“ stand nicht zur Diskussion. Doch erst mit der Öffnung des Feldes im Mai 2010 konnten Berliner das Gefühl erleben, einfach über das Feld zu gehen, fahren, kiten, sich den Wind um die Nase pusten zu lassen etc. Die Pläne des Senats waren da schon gemacht.

2. Wasserbecken: Vorstellbar als Betonmonster, welches sich möglicherweise verheerend auf das reale und soziale Klima der Stadt auswirkt. Auf dem im Winter Schlittschuh gelaufen werden darf, Baden nicht verboten ist und das darüberhinaus sogar noch optimales Regenwassermanagement bietet? Wer das glauben mag …

3. Sozialer Wohnungsbau: Von den 100% der geplanten Randbebauung werden lediglich 50% dem Wohnen zugeschrieben, die andere Hälfte soll gewerblich genutzt werden. Natürlich müssen sich Städte, die einen so hohen Zulauf haben wie Berlin, verändern. Die hippen Stadtviertel wechseln sich über die Jahre ab, was die Verdrängung finanziell schlechter gestellter Personen in Randbezirke mit sich zieht. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sind laut Plan 4700 neue Wohnungen am Rand des Tempelhofer Felds wesentlich und notwendig? In Berlin wird viel gebaut, aber keine Mietwohnungen, geschweige denn sozial Verträgliche. Im Gegenteil, billige Wohnungen werden abgerissen für teuren Eigentumswohnungsbau. Ob die Verwirklichung der Senatspläne auf lange Sicht nicht doch eher der „Verdrängung“ der Bevölkerung in die Hände spielt? Es soll ja „nur“ am Rand des Feldes gebaut werden, aber irgendwie ist das Feld ja doch Mitten in der Stadt…

4. Zentralbibliothek: Zehnstöckig, in unklarer Planungs-Phase. Dargestellt und kalkuliert durch „Wettbewerbs-Visualisierungen“. Keine genauen Kostenangaben, ungefähre Schätzungen, und ein Bedarf, der vielleicht gar nicht existiert – das freistehende Gebäude daneben hätte eigentlich genug Platz für doppelt so viele Bücher… Möglicherweise gedacht als „Wowereit-Denkmal“? Oder nutzt sein Bausenator Müller einfach die Gunst der Stunde, um Ergebnisse zu schaffen?

Diese, meine Perspektive lässt mich für das Volksbegehren und gegen den Alleingang des Senats stimmen. Auch bleibt mir bis heute schleierhaft, was die Tempelhofer Freiheit meint, wenn es heißt:

„Wenn das Volksbegehren erfolgreich ist, ist eine behutsame und soziale Stadtentwicklung für nachfolgende Generationen nicht mehr möglich.“

Eine behutsame und soziale Stadtentwicklung kann doch nicht an Müllers Masterplan gekoppelt sein, oder irre ich? Darüber hinaus denke ich, dass es in unserer heutigen Zeit durchaus möglich ist, langfristig friedfertige Übereinstimmungen zwischen Bürgern und Behörden zu erreichen. Ein schönes Mediationsbeispiel mitten aus Berlin: die Landwehrkanal Sanierung.

Damit es aber überhaupt erst einmal zu genügend Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gegenüber den Schwierigkeiten zwischen Bürger und Senat und ein Innehalten beiderseits möglich wird, habe ich für das Volksbegehren zum Erhalt des Tempelhofer Feldes unterschrieben. Nicht, weil ich eine Randbebauung oder eine Parkgestaltung kategorisch ablehne, nicht, weil ich die Feldlerche schützen möchte, und nicht, weil mir die klimatische Bedeutung für die Randbezirke klar ist. Ich kann das geliebte Feld sicher auch mit einem Wasserbecken genießen! Ich habe unterschrieben, weil

  • die Art und Weise, mit der dieses Großprojekt durchgeboxt und Tatsachen geschaffen werden, nicht mit meinem Verständnis von Demokratie, Transparenz und Miteinander übereinstimmt.
  • der Berliner Senat mit dem BER gezeigt hat, dass „abseits“ vom Bürger geplante und am Bedarf vorbei gestaltete Großprojekte zum Scheitern verurteilt sind und den Steuerzahler Milliarden kosten. Berlin hat leider NICHT von der Hamburger Bürgerschaft mit ihrer Elbphilharmonie und der Regierung in Stuttgart mit dem Bahnhof gelernt.
  • mir die Zukunft dieser Stadt am Herzen liegt und ich mir wünsche, dass wir sie gemeinsam gestalten und formen.
  • mir unabhängige Berichterstattung und freie Meinungsäußerung wichtig sind.

Ich habe unterschrieben, weil ich Sorge habe, dass nun auch dieses Volksbegehren scheitert. Ein Scheitern, welches für Berlin, für den Senat, für uns Bürger ein falsches Signal wäre! Weil ich Hoffnung habe, dass wir mit dem Senat gemeinsame Sache machen könnten. Mit meiner Stimme hoffe ich dazu beizutragen, dass sich hier im Kleinen (großen Tempelhofer Feld) etwas bewegt. Ich bin glücklich, dass ich sagen kann, ich habe mich beteiligt! Und ich bin gespannt, was passiert, wenn alle Berliner aufstehen und gemeinsam für Transparenz, Demokratie und Miteinander einstehen, indem sie bis zum 13. Januar ihre Stimme für das Volksbegehren abgeben. Ich bin voller Hoffnung und eine Wahl-Berlinerin!

Cäcilie Marie Böhmig ist 33 Jahre alt, Ergotherapeutin, Mutter einer 9 Monate alten Tochter und wohnt in Berlin Neukölln.

 

Ein Kommentar:

  • Surfer sagt:

    „Ein schönes Mediationsbeispiel mitten aus Berlin: die Landwehrkanal Sanierung.“

    Das sehen wahrlich nicht alle so, vor allem nicht die vielen Bürgerinnen und Bürger, die aus dem schlecht gemachten, sechs Jahre langen Verfahren ausgestiegen sind.

    Mein Rat: Nicht nur die Berliner Zeitung lesen, sondern sich mal umfassender per Suchmaschine informieren, bevor man etwas lobt, das man nicht kennt.

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