von am 22. Mai 2012

Es gibt 34 Quartiersmanagementgebiete in Berlin, davon alleine 11 in Neukölln. In der Theorie soll das QM Entwicklungshilfe für den Kiez sein, Probleme lösen und eng mit den Anwohnern zusammenarbeiten. Doch neben den Chancen gibt es viele Stimmen, die die Arbeit der QMs kritisch hinterfragen. Was läuft da falsch? In Zusammenarbeit mit dem tazblog m29 präsentieren wir das kleine Einmaleins zum Quartiersmanagement. 

Die QMs sollen Anlaufstellen in den Kiezen sein, sie sollen Bürgerengagement ermöglichen und fördern, sie sollen mit den Anwohnern zusammen Probleme im Kiez erkennen, diskutieren und Lösungen finden, sie sollen Projekte fördern, Akteure im Kiez vernetzen, Bürger und Verwaltungen zusammenbringen und erreichen, dass sich möglichst viele mit ihrem Kiez auseinandersetzen. Weil jeder Kiez anders ist, sollen sich die Verwaltungen am Sozialraum orientieren und den Kiez zusammen mit den Anwohnern verändern.

Es ist eine große Vision mit vielen Baustellen, die da Wirklichkeit werden soll. Seit einigen Jahren sind die Quartiersmanagements am Werk. Wo stehen sie heute? Wie gehen bürgerschaftliches Engagement und QM-Strukturen zusammen? Wer engagiert sich da überhaupt? Welche Probleme gibt es zwischen Anwohnern und QMs und wo zeigen sich positive Entwicklungen?

Probleme bei der Partizipation

Mit diesen Fragen hat sich Sebastian Homer in seiner Diplomarbeit auseinandergesetzt. Die „Verstetigung von bürgerschaftlichem Engagement & Partizipation“ hat er am Beispiel des Quartiersmanagementgebietes Schillerpromenade untersucht. Fast ein Jahr hat Sebastian Homer dort als studentische Hilfskraft gearbeitet, er hat für seine Arbeit Anwohner, Engagierte und Künstler nach ihren Erfahrungen mit dem QM befragt und einen Blick auf Probleme und Chancen geworfen.

Die Probleme, erzählt er, fangen schon in den unterschiedlichen Auffassungen von Begriffen wie Partizipation oder Empowerment an. Ist für die QMs Partizipation schon erreicht, wenn die Mitglieder des Quartiersrats mit darüber entscheiden ob ein Projekt förderungswürdig ist, stellen sich die Anwohner oft wesentlich mehr Mitentscheidungsrecht vor. Im Schillerkiez zum Beispiel wollen sie Einfluss auf eine sozialverträgliche Nutzung des Tempelhofer Feldes oder auch auf die Trägerwahl bei Projekten nehmen. Denn nicht immer kommen die Träger aus dem Kiez oder Bezirk. Das Kiezfest hat in den letzten Jahren der Träger „Stadtmuster“ organisiert, der seinen Sitz in Mitte hat und mit dem Schillerkiez recht wenig zu tun. Die Bewohner wollen, dass die Leute aus dem Kiez das Fest veranstalten, ansonsten fühlen sich viele Anwohner nicht mehr als bespaßt.

QMs müssen Erfolge nachweisen

Die QMs wiederum versuchen, auf Nummer sicher zu gehen. Sie wollen zwar Bürgerengagement fördern, gleichzeitig müssen sie sich an allerlei Förderrichtlinien halten, sie müssen dem Projektträger oder den Organisatoren bei der Abrechnung vertrauen und sie wollen sicher sein, dass ein Projekt oder ein Kiezfest auch erfolgreich über die Bühne geht. Die QMs sind in ihren Strukturen gefangen. Sie müssen Erfolge nachweisen und Projekte und Ausgaben dem Senat gegenüber rechtfertigen.

Die Diskrepanz zwischen den Förderrichtlinien, den starren Strukturen der QMs und den Formen des Engagements führt dazu, dass einige Anwohner, die sich eigentlich engagieren wollten, nach einer Weile enttäuscht zurückziehen, weil sie sich mehr Mitbestimmungs- und Gestaltungsrecht erhofft haben. Am Ende findet sich kaum noch einer aus dem Kiez, der zum Beispiel das Fest organisieren würde und so gehen die Aufträge wieder an einen größeren Träger, mit dem man schon Erfahrung hat.

Bürgerengagement ist erwünscht, doch die Beziehung der Anwohner, Projektinitiatoren und der QMs baut nicht immer auf einer festen Vertrauensbasis. Irgendwo schwingt immer die Angst mit, dass Projekte nicht durchgezogen oder die Gelder nicht richtig abgerechnet werden. Darum wird im Projektauswahlverfahren und während der Projektdauer alles ganz genau geprüft.

Ungeheurer bürokratischer Aufwand

Auf alle, die ein Projekt über das QM finanzieren wollen, kommt ein ungeheurer bürokratischer Aufwand zu. Zahlreiche Projektanträge müssen ausgefüllt werden und ab Summen von 1000€ werden die Projekte Berlinweit ausgeschrieben. Das führt dazu, dass sich Projektideengeber auf ihre eigenen Projekte bewerben müssen, wieder Anträge ausfüllen, ihre Idee vorstellen und bangen, dass jemand anderes die eigene Idee übernimmt und billiger umsetzt.

Das Abrechnungsverfahren der Projektgelder bei den QMs ist ein weiteres Hemmnis. Das Verfahren ist sehr kompliziert. Honorarmittel, Sachmittel und Ehrenamtlichkeit müssen in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Es dürfen zum Beispiel keine Mieten für Projekträume, in denen dann ehrenamtlich gearbeitet wird, über die Mittel der Sozialen Stadt finanziert werden.

Anwohner und QMs scheinen gleichermaßen in der Bredouille. Anwohner erwarten mehr Mitbestimmungsrecht und ziehen sich zurück. „Kleinere“ Projektakteure stellen sich oft kein zweites Mal dem langwierigen und anstrengenden Auswahl- und Arbeitsverfahren. Die QMs müssen sich an Richtlinien halten und sind im Rechtfertigungs- und Beweiszwang.

Workshops als Hilfe für das Bügerengagement 

Neuerdings veranstaltet das QM Schillerkiez Workshops, um potenziell engagierten Bewohnern aufzuzeigen, was sie als Mitglied des Quartiersrats mitbestimmen können und wo ihre Grenzen sind. Die Idee findet Sebastian Homer gar nicht so schlecht, so weiß jeder wenigstens, worauf er sich einlässt und was die Richtlinien zulassen. Langfristig sinnvoller für Bürgerengagement, sagt er, wäre jedoch, Workshops anzubieten, in denen die Anwohner und Akteure beraten werden, wie sie Projekte selber machen können, wie richtig abgerechnet wird, wie sie Vereine gründen können, was für Fundraising-Methoden es gibt und wie sie Sponsoren finden.

Die QMs sollen Indikatoren sein und Strukturen schaffen, in denen sich die Anwohner selbstorganisiert engagieren können. Dauerhafte Institutionen sollen sie in den Kiezen nicht werden. Letztlich sollen die QMs Strukturen schaffen, mit denen sie sich auf lange Sicht überflüssig machen. Das heißt, sie müssen auch zulassen können, dass die Anwohner vielleicht ganz andere Prioritäten setzen. Langfristig müssten QMs und Senat Einfluss abgeben. Noch ist oft die inhaltliche Einflussnahme der QMs groß. Die Projekte die über das QM finanziert werden, müssen irgendwo auch Projekte des QMs sein. Sie sind Beweise dafür, dass das QM seinen Job macht und tolle und erfolgreiche Projekte durchführt.

Unabhängige Projekte werden als Konkurrenz gesehen

So passiert es, dass unabhängige Straßenfeste oder Kiezzeitungen als Konkurrenz gesehen werden, obwohl sie Teil des Kiezlebens sind. Kooperationen oder Querfinanzierungen kommen manchmal gar nicht erst zustande, weil die Gräben zwischen den Stadtteilinitiativen und dem QM inzwischen zu groß sind. Dabei liegt genau hier die Chance, die mit den QMs in die Kieze kommt. Das QM schafft es, Anwohnerengagement zu initiieren und es gelingt ihnen, Anwohner und Akteure zusammenzubringen. Auch wenn sich einige Anwohner von der QM-Struktur abwenden, hören sie nicht auf, sich zu engagieren. Sie finden neue Formen, wie Bürgerinitiativen, um ihren Kiez mit zu gestalten. Einige Initiativen, die heute „Konkurrenten“ sind, sind manchmal auch unfreiwillig, über die Quartiersmanagements entstanden.

Die immer wieder geäußerte Kritik, dass die QMs Motor für Gentrifizierungsentwicklungen sind, kann Sebastian Homer nicht bestätigen. Gentrifizierung sei dafür ein zu komplexer Prozess, an dem es nicht einen Schuldigen gibt. Natürlich wertet das QM einen Kiez, durch Hofbegrünungen, Neugestaltung von Kinderspielplätzen oder Grünanlagen auf oder verbessert die Infrastruktur. Und natürlich ziehen dadurch Leute in den Kiez, die vor ein paar Jahren noch nicht hingezogen wären. Doch letztlich verbessert sich die Situation für alle Menschen, die im Stadtteil wohnen. Und der Zuzug von jungen Familien, Studenten und Kreativen wirkt sich auch positiv auf die Kieze aus.

Die Idee, die hinter den Quartiersmanagements steht, ist zukunftsweisend. Bürgerengagement fördern, Projekte finanzieren, Anlaufstelle sein. Doch so richtig scheint es nicht zu funktionieren, wenn die Strukturen und Bedingungen für eine neue Form der Zusammenarbeit von Anwohnern und halbstaatlicher Institution nicht vorhanden sind. Wenn versucht wird, in einem bestehenden System, mit bestehenden Regeln Neues zu schaffen. Irgendwie liegt es dann doch auf der Hand, dass Anwohner, Akteure und QMs immer wieder an ihre Grenzen stoßen.

 

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