von am 1. November 2012

Ender Çetin, Gemeindevorsitzender der Neuköllner Şehitlik-Moschee, über Vorurteile, Moschee-Besucher und die Islam-Debatte in den deutschen Medien.

Freitagsgebet in der Moschee: Einer der letzten warmen Spätsommertage und die vielen Gläubigen füllen den gesamten Vorplatz bis hinter zum Eingang. Ender Cetin sitzt im offenen Büroraum, wird unterbrochen, führt ein kurzes Gespräch auf Türkisch und setzt ohne Zögern das Gespräch an der gleichen Stelle wieder fort.

neukoellner.net: Herr Çetin, Sie haben in diesem Jahr vor der Şehitlik-Moschee ein Sommerfest für Toleranz und friedliches Zusammenleben organisiert, auch um ein Zeichen gegen den Drohbrief zu setzen, den Sie und viele andere Institutionen im Frühjahr bekommen haben. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Ender Çetin: Auf jeden Fall. Wobei ich mir gewünscht hätte, dass mehr Leute von der nicht-muslimischen Community gekommen wären, weil wir auch speziell für die sehr viele Programmpunkte hatten.

Die Şehitlik-Moschee ist sicherlich eine der Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Wie schwierig ist es, Nicht-Muslime dazu zu bewegen, sich die Moschee anzusehen?

Im Allgemeinen ist die Neugier schon groß. Man erlebt jeden Tag, dass vereinzelt Menschen hereinkommen und fragen, ob sie sich die Moschee anschauen können. Aber meistens muss es ein bestimmter Anlass sein, damit Nicht-Muslime kommen. Zum einen haben sich die Führungen, die wir über das Internet anbieten, durchgesetzt, da nun bekannt ist, dass die Moschee jeden Tag Führungen anbietet. Zum anderen sind es Anlässe wie am 3. Oktober der Tag der offenen Tür. Das hört man über die Medien und dann weiß man, dass man die Moschee besuchen kann. (Das kann man aber auch an jedem anderen Tag – wie jede andere Kirche, Anm. d. Red.)

Gibt es bestimmte Besuchergruppen, die besonders häufig kommen und wie sind generell die Reaktionen der Besucher?

Die Rückmeldungen sind eigentlich sehr positiv, gerade durch die Moscheeführungen. Wir führen hier ja Menschen aus allen möglichen Zusammenhängen: von Bundeswehr, über Politik, Polizeibeamte bis zu Kindergartengruppen. Am häufigsten sind es Schulklassen, aber auch Rentnergruppen, US-Studenten, Gruppen aus Israel. Die Leute sind nicht nur von der Moschee beeindruckt, sondern auch vom Inhalt, was wir hier präsentieren oder wie wir unsere Arbeit hier leisten, weil das, was in den Medien im Allgemeinen dargestellt wird, dem widerspricht, was sie hier vorfinden. Wir freuen uns, dass wir so Vorurteile abbauen können.

Ich nehme mal an, dass das nicht immer gelingt?

Natürlich gibt es manchmal auch Leute, die auch ein bisschen provozieren, aber das sind wir gewöhnt. Sehr oft merken wir, dass gerade die Menschen sehr vorurteilsbehaftet und provokant sind, die mit arabischen Menschen zu tun haben, die am Rande der Gesellschaft stehen. Zum Beispiel Beamte aus den Haftanstalten haben oft eine negative Einstellung gegenüber der Moschee und dem Islam oder teilweise auch Polizeibeamte – gerade aus den neuen Bundesländern, aus Berlin weniger.

Sie erwähnten vorhin die Darstellung des Islam in den Medien. Trägt die deutsche Medienlandschaft viel zu den Vorurteilen bei?

Auf jeden Fall. Natürlich ist die Realität auch so, dass viele Lehrer beispielsweise Vorurteile haben, weil Jugendliche auffallen, die sich in wirtschaftlich und sozial schwächeren Milieus aufhalten, wo eine hohe Arbeitslosenquote herrscht und wo Migrantenjugendliche eher an Hauptschulen sind. Wenn man die als Repräsentanten der islamischen Community nimmt, dann hat man natürlich ein negatives Bild. Und leider stehen diese Jugendlichen im Fokus, weil sie gesehen werden vom Lehrer oder von der Gesellschaft. Der Moscheebesucher wird eher nicht so gesehen, das ist ein Bürger wie jeder andere auch. Erst, wenn ein Jugendlicher lauthals schreit oder sich daneben benimmt, und das womöglich noch mit religiösem Vokabular untermauert, dann ist schon das Bild da, das in den Medien abgegeben wird. Aber die Moschee ist an dem ganzen wirtschaftlichen und sozialen Dilemma ja nicht schuld. Sie kann nur versuchen positiv darauf einzuwirken.

Sie haben im Frühjahr einen Drohbrief erhalten, vor kurzem hat Pro Deutschland gegen die „Islamisierung Deutschlands“ in der Flughafenstraße protestiert und nun geht die Debatte um „den Islam“ anlässlich des amerikanischen Videos wieder los. Wie geht Ihre Gemeinde mit solchen Provokationen und Drohungen um?

Es ist so vieles in diesem Jahr passiert, dass man schon oft ein ungutes Gefühl hat. Die Sarrazin-Debatte war zum Beispiel ein Höhepunkt, an dem die Leute gesagt haben, ‚ok, die wollen uns hier nicht‘. In der Regel gehen die Leute, die unsere Moschee besuchen, eher gelassen mit den ganzen Sachen um. Es sind so viele Themen in letzter Zeit, die die Leute einfach verwirren. Die Beschneidungsdebatte beispielsweise, die so intensiv geführt wurde. Als ob es keine anderen Probleme bei muslimischen Schülern oder Kindern gäbe. Oder die Plakataktion vom Innenministerium gegen islamischen Extremismus. Da ist ein Bild von einem Mädchen mit Kopftuch abgebildet mit dem Titel „Vermisst“. (Darunter: „Das ist meine Freundin Fatima. Ich vermisse sie, denn ich erkenne sie nicht mehr. Sie zieht sich immer mehr zurück und wird jeden Tag radikaler.“ Anm. d. Red.) Das könnte bei vielen Menschen den Gedanken implizieren: Aha, vorher war das ein normales freies Mädchen und jetzt, wo sie ein Kopftuch trägt, hat sie sich radikalisiert. Wobei das Kopftuch kein Zeichen ist für Radikalisierung. Zumal die meisten, die sich radikalisieren, männlich sind.

Dazu die Prophetengeschichte, der Film und die Karikaturen. Das sind schon Sachen, bei denen man sagen muss: Warum vergeuden wir unsere ganze Energie mit solchen Sachen? Das Niveau ist einfach sehr niedrig. Man meint zu glauben, sich beleidigen zu müssen, statt vernünftig miteinander zu diskutieren. Das regt die Leute auf und trotzdem sind die meisten der Meinung, dass man jetzt nicht demonstrieren, sondern darüber reden muss.

Das muss auf Dauer ziemlich deprimierend sein. Fühlen Sie sich allein gelassen?

Seit 2004 mache ich hier die Öffentlichkeitsarbeit und man verliert sehr viel Zeit und Energie, sich mit unsinnigen Themen zu beschäftigen, nicht weiterzukommen und immer wieder Rückschläge zu erleben, da regt man sich privat schon manchmal auf. Mittlerweile nehme ich auch sehr viel an Projekten teil, mit der Polizei zum Beispiel und dann denke ich: Man hat es geschafft, in der Gesellschaft ein bisschen die Mauern zu durchbrechen. Und dann kommt wieder eine Negativnachricht und dann sind die Mauern wieder ganz hoch und man muss wieder dagegen ankämpfen. Ich frage mich, wenn ich mal sterbe und vor Gott stehe und ihm erklären muss, dass ich mich immer nur mit solchen Themen beschäftigen musste, wie ich dann dastehe?

Sie sind – wie ich – hier in Deutschland aufgewachsen, werden aber wegen Ihrer Religionszugehörigkeit ständig in eine Schublade gesteckt, in die Schublade „Islam“ oder „die Muslime“. Ich stell‘ mir das ziemlich anstrengend und befremdlich vor, mich als (evangelischer) Vertreter des Christentums beispielsweise für die Aussetzer des Papstes rechtfertigen zu müssen. Was haben Sie für ein Verhältnis zu diesem Denken?

Das ist ein Grund, warum ich Moslem geworden bin. Ich bin zwar schon vom Elternhaus her Moslem, aber meine Eltern sind nicht so religiös. Bei meiner Identitätsbildung hat sich irgendwann das Muslimische als Protest nach außen hin entwickelt, weil ich nie eine Akzeptanz erfahren hab. Obwohl ich aus einer modernen liberalen Familie komme, hat man immer gemerkt, dass man in die Ecke gedrängt wird. Das hat mir nicht so gut gefallen und dann wollte ich auch der andere sein. Das war keine Religiosität, das war einfach nur: Muslim sein, heißt der andere zu sein. Das war der Grund, warum ich zur Religion gefunden habe.

Mittlerweile ist das natürlich anders und auch durch die Religion gibt es ganz viele Punkte, wo man sagt: Du gehörst dazu, du musst die Brücke, das Gespräch oder den Kontakt suchen, auch wenn sie sich abschotten von dir. Du musst immer wieder einen Schritt auf sie zugehen – es sei denn, man erlebt wirklich eine Unterdrückung und das ist ja hier nicht der Fall. Aber eine Akzeptanz ist tatsächlich immer noch nicht da. Meine Frau und ich halten es uns offen, ob wir wirklich langfristig hier in Deutschland bleiben oder ob wir auswandern, weil wir sehr oft hören, – alleine der Begriff! – dass wir Migranten sind, also immigriert sind, dass wir toll deutsch sprechen können, obwohl wir keine Deutschen sind. Es gibt in der Praxis keine Gleichheit in den Augen vieler.

Was müsste passieren, dass sich daran etwas ändert?

Viele müssten mal eine Moscheeführung mitmachen und uns kennenlernen. Wenn sie fragen würden: Warum seid ihr so, warum macht ihr das? Und nicht sagen: Die wollen nicht integriert werden, weil die Frau ein Kopftuch trägt. Statt zu fragen, warum sie ein Kopftuch trägt.

 

Das Interview ist in der Oktober-/Novemberausgabe der Schillerkiezzeitung „Promenadenmischung“ erschienen.

 

6 Kommentare:

  • facebookfan sagt:

    Auf Menschen wie Ender Cetin gehen wohl 99% aller Deutschen gerne zu. Denn: er spricht deutsch. Wenn man sich mit Mitmenschen, die in 2. und 3. Generation hier leben nur mit Händen und Füßen verständigen kann, fühlt man sich wieder in einem Vorurteil bestätigt: „Die“ wollen nicht zu uns gehören. Liebe Mitbürger mit ausländischen Wurzeln: Lernt unsere Sprache und sprecht mit uns!! Nur so können wir euch kennen lernen!! 😉

  • Van Bo sagt:

    Hallo lieber Facebook fan. Die Deutsche Sprache ist wichtig aber total überbewertet! Schau man in den Führungsetagen beim Herzzentrum, bei Sasha Walz, in der Theaterwelt, bei den Werbeagenturen, bei allen Milieus, die weltoffen sind, welche Rolle da die Deutsche Sprache spielt. Nur eine untergeordnete Rolle. Viele Eingewanderte sprechen übrigens mehr als zwei Sprachen fließend! Kurdisch ist übrigens eine eigene Sprache, die mit türkisch nichts zu tun hat. Und aserbaidschanisch ist was anderes als persisch, auch Syrier reden anders als Palästinenser usw. In unseren Augen wird das oft als türkisch oder arabisch verallgemeinert. Bei vielen bildungsfernen Familien (alle, nicht nur die eingewanderten Familien) gibt es keine Kultur, neue Sprachen zu lernen. Aber viele haben angefangen, neue Sprachen zu erfinden, mit denen sie sich austauschen können. Der Diner Kebab und die gesamte gastronomische Kultur (siehe Pizza, Pasta und Co) sind auch eine „Sprache“ mit einer gewissen „Grammatik“ und eigenen „Vokabeln“, die auch Deutsche verstehen. Wir dürfen nicht mit unserer Logik der Sprachenleitkultur auf andere schließen. In anderen Kulturen ist nunmal die Leitsprache nur eine untergeordnete Sache. Und gerade mit vielen Mitmenschen in der Moschee braucht es gerade ganz wenig Worte, um zu kommunizieren … Wie? Das gilt es herauszufinden. Neugierde ist da das beste Werkzeug… Van Bo

  • […] Juden gesehen und viele Juden haben noch nie eine Moschee besucht. Die Anfrage des Vorstandes der Şehitlik- Moschee am Tempelhofer Feld am Rande Neuköllns kommt Langer da gerade recht. Das Vorstandsmitglied Ender […]

  • […] Juden gesehen und viele Juden haben noch nie eine Moschee besucht. Die Anfrage des Vorstandes der Şehitlik- Moschee am Tempelhofer Feld am Rande Neuköllns kommt Langer da gerade recht. Das Vorstandsmitglied Ender […]

  • […] Sommertag ist lang. Der, an dem wir Ender Çetin treffen, Gemeindevorsitzender der Neuköllner Şehitlik-Moschee, dauert von 5.35 bis 21.38 Uhr. […]

  • […] einsetzt und Vorurteile gegenüber dem Islam abbauen will, wie er uns 2012 in einem ausführlichen Interview erklärte. Er veranstaltet regelmäßig Führungen und Diskussionsrunden in der […]

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