von am 12. Juni 2012

Elisabeth Kruse ist die Pfarrerin der Genezareth-Gemeinde im Schillerkiez. Im Interview spricht die Geistliche über ihr Interkulturelles Zentrum, die Freunde von der Sehitlik Moschee und wie der Austausch der Religionen in Neukölln funktionieren kann. 

Vieles hat sie schon gesehen, die Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz. Nach der Erbauung im Jahr 1905 hat sie zwei Weltkriege, die Kürzung des Turmes, den Mauerfall und von 2003 bis 2006 einen kompletten Umbau erlebt. In dieser Zeit der Renovierungsarbeiten hat Pfarrerin Elisabeth Kruse ihren Dienst in der Gemeinde angetreten. Nach Ihrem Antritt gründete sie das „Interkulturelle Zentrum“ (IZG) als Ort der Begegnung im Schillerkiez.

neukoellner.net: Pfarrerin Kruse, wie kam es zur Gründung des IZG?

Elisabeth Kruse: Schon vor meiner Zeit stand die Gemeinde vor der Frage: Wollen wir die Kirche oder wollen wir das Gemeindehaus erhalten? Die Gemeinde hat sich für die Kiche entschieden, doch wäre allein niemals in der Lage gewesen, solche Baumaßnahmen zu finanzieren. In Zusammenarbeit mit dem neuen Quartiersmanagement entstand die Idee, auf dem Herrfurthplatz einen Treffpunkt für die Bürger im Kiez zu schaffen.Dadurch, dass der Umbau auch durch öffentliche Fördergelder bewerkstelligt wurde, waren wir quasi in der Pflicht dieses Zentrum für die Menschen im Kiez zu öffnen. So entstand die Idee einen Platz für die Bürger im Kiez zu schaffen und so konnten gemeinsame Veranstaltungen und Begegnungen gefördert werden.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem IZG und Ihrer Arbeit im Kiez?

Unser Ziel ist ein Aufeinandertreffen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, auch religionsübergreifende Begegnungen. Ich sehe es auch als unsere Aufgabe an, den Menschen, die sich die Teilnahme an einem kulturellen Leben nicht leisten können, ein solches zu ermöglichen. Dies passiert im Rahmen von Konzerten und Aufführungen in der Gemeinde, die kostenfrei sind. Doch am Allerwichtigsten ist es, dass unsere Türen immer offen sind. Die Kirche ist für Jedermann frei zugänglich.

Neukölln ist ja als “heißes Pflaster” bekannt. Was hat Sie dazu bewogen hierher in den Schillerkiez zu kommen? 

Meine Vorgängerin hat auf einer Veranstaltung dafür geworben und so habe ich dann von der freien Stelle erfahren. Ich überlegte damals, eine Gemeinde zu übernehmen und hielt die Genezareth-Gemeinde aufgrund mehrerer Punkte für eine spannende Herausforderung. Zum einen war da der Umbau, der damals bereits im vollen Gange war und so konnte ich quasi von Beginn an beim Aufbau einer Gemeindestruktur mitwirken. Zum anderen hat mich die multikulturelle Struktur in Neukölln gereizt. Hier fühle ich mich wohl, weil die Leute sehr direkt und ehrlich sind. Dazu hat mich das Thema der interreligiösen Kooperation und des Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen schon immer begleitet. Ich komme aus einem Ort in der Lüneburger Heide, wo es eine Missionsgesellschaft gibt und da hat mich die Frage nach dem Verhältnis vom Christentum zu den anderen Religionen beschäftigt. Wie kann es sein, dass eine Religion für sich reklamiert die einzig wahre zu sein? Wie kann man dem eigenen Glauben und den eigenen Traditionen treu bleiben und trotzdem denjenigen, die eine andere Sichtweise haben in angemessener Weise begegnen?

Deshalb haben sie das Interkulturellen Zentrum gegründet. Wie laufen die Arbeiten dort ab?

In Zusammenarbeit mit der Bürgerstiftung Neukölln feiern wir seit 2005 den Abend der Begegnung. Dadurch ist ein gutes und freundschaftliches Verhältnis zur „Sehitlik Moschee“entstanden. Wir pflegen freundschaftliche Kontakte und haben regelmäßige gemeinsame Veranstaltungen. Das können musikalische Angebote wie Konzerte oder Chorarbeit sein. Man kann auch unsere Räumlichkeiten nutzen, im Rahmen von Bügerveranstaltungen oder Versammlungen. Unter anderem bietet die Volkshochschule Neukölln hier einen Integrationskurs an. Die Gemeinde lädt zu Gemeindenachmittagen ein, es gibt Tanz- und Theatergruppen wie den „Tanz rund um den Globus“ jeden Mittwoch. Jetzt im Rahmen von „48h Neukölln“ wird ein großes Gemälde erstellt zum Thema Paradies. Beteiligt daran sind Künstler verschiedener Religionen die hier schon seit mehreren Wochen an dem Gemälde arbeiten.

Wo sehen Sie noch Probleme in Ihrer Gemeinde? 

Man stellt schon fest, dass in unserer Gesellschaft Gräben existieren, damit meine ich nicht nur die Unterschiede zwischen den Religionen sondern die Anfeindungen zwischen religiösen und nicht religiösen Menschen. Dieses Fundamentalistentum bringt keinen weiter und Aussagen, die die eigenen Wahrheiten über die Ansichten der anderen stellen, blockieren das Zusammenleben aller, anstelle die Gemeinsamkeiten zu fördern. Hier müssen wir als Kirche tätig werden und aufklären, zum Beispiel zusammen mit unseren Freunden von der Sehitlik Moschee. 

Wir haben mal ein Motto ausgegeben: „Glauben stärken, Begegnung anregen.“ Das trägt immer noch. Wer sich seines Glaubens freuen (und darüber Auskunft geben) kann, kann auch dem andersgläubigen Nachbarn gegenüber aufgeschlossen sein. Ich freue mich darüber, dass die Akzeptanz in der Gemeinde gegenüber der interkulturellen Arbeit wächst bis hin zur Solidarität gegenüber der Moschee, wenn die Muslime bedroht werden.
Aber die Pflege der eigenen Tradition und eine lebendige Spiritualität sind die Grundlage dafür. Beides muss ausgewogen sein. Und beidem will ich mich weiter widmen.

Wie sieht die zukünftige Zusammenarbeit mit der Moschee aus?

Die Vision ist einen Treffpunkt zu errichten, für die Religionsgemeinschaften, damit man sich untereinander begegnen kann. Also eine Adresse, ein Gebäude wo man hin kann, wenn man über Religion oder das Miteinander sprechen will. Wir sind alle betroffen, wenn Fundamentalisten, egal ob Christen oder Muslime ihre Aktionen mit Religion und Gott begründen. Hier ist es wichtig, gemeinsam, religionsübergreifend zusammen zu stehen, denn es sind nicht die Religionen die Terror oder Gewalt propagieren. Hier wollen wir aufklären und verbinden. Wenn wir den Abend der Begegnung feiern, dann sind zumeist mehr Muslime als Christen hier, wobei die dann nicht alle aus dem Kiez stammen, sondern sich aus ganz Berlin hier einfinden.

Das Tempelhofer Feld grenzt direkt an Ihre Gemeinde. Wie nutzen Sie diese Freifläche?

Ich bin ja auch Anwohner und fahre Rad, gehe auf dem Gelände spazieren und natürlich genieße ich die Weite und den Raum auf dem gesamten Areal. Im Rahmen der Gemeindearbeit habe ich das Gefühl, dass das Flugfeld als eine Art Ventil für den Kiez wirkt. Die Menschen strömen auf die Wiese und entspannen, man verbringt dort eine ruhige Zeit und die Stimmung dort ist auch ganz anders als in den Straßen. Ich habe auf dem Flugfeld noch nie irgendeine Aggression oder Gewalt erlebt. Zum Anderen nutzen wir das Gelände aber auch direkt im Rahmen unserer Gemeindearbeit. So ist die Initiative „Religion auf dem Tempelhofer Feld“ entstanden, ein lockerer Zusammenschluss von Vertretern verschiedener Religionen. Zusammen mit der „Sehitlik Moschee“ veranstalten wir einmal im Monat die Leerläufe übers Feld, gemeinsames Spazierengehen, austauschen und die Ruhe genießen.

Neukölln und gerade der Schillerkiez erleben momentan einen enormen Aufschwung. Kriegen Sie diese Entwicklung auch in Ihrem Alltag mit?

Man spürt diese Entwicklung natürlich im Rahmen der Gemeinde. So haben wir zum Beispiel seit einiger Zeit verstärkt Anmeldungen in der Kindertagesstätte aus dem sogenannten bildungsnahen Mittelschicht oder von Familien, die erst kürzlich in den Kiez gezogen sind. Wir haben auch ein Projekt „Eltern stärken“, ein Familientreffpunkt für im Kiez lebende Familien. Als das vor fünf Jahren einmal anfing, da kamen fast nur arabische Familien zu den Treffen. Mittlerweile werden die Treffen von deutschen Familien besucht. Wir spüren schon, dass sich der Anteil der Menschen, die sich im Kiez engagieren und am Gemeindeleben teilnehmen, zunimmt. Und das ist ja auch eine positive Entwicklung.

Was erwarten Sie sich von den neuen Bewohnern?

Ich freue mich über jeden, der sich am Leben in der  Gemeinde beteiligt. Die Kirchengemeinde ist angewiesen auf Unterstützung und Förderung Ihrer Mitglieder. Als Pfarrerin dachte ich immer, Entwicklung und Veränderung im Kiez ist mit den Menschen möglich, doch dann kam hier das Thema Gentrifizierung auf. Da musste selbst ich umdenken, denn offenbar ist es nicht so leicht möglich, sich zu entwickeln und die Menschen mitzunehmen. Plötzlich stand da die Behauptung: Aufwertung ist was Schlechtes. Natürlich ist schlimm, wenn Menschen aufgrund von Sanierung und Verkauf des Hauses wegziehen müssen, weil sie sich plötzlich die Miete nicht mehr leisten können. Ich halte es für  problematisch, gerade wenn hier der Schillerkiez, der ja seit vielen Jahren ein Arbeiterkiez ist, sich in seiner Struktur verändert und Menschen verdrängt werden. Andererseits ist innerstädtisches Leben immer in Bewegung. Stadt bedeutet Veränderung und Anpassung. Da ist immer auch Verdrängung im Spiel und viele können sich die Veränderungen schlicht und ergreifend nicht leisten, da sie mit essentiellen Problemen des Lebens beschäftigt sind. Die Möglichkeiten, Veränderungsprozesse so sozialverträglich wie möglich zu gestalten, müssen ausgeschöpft und ggf. durch Hilfsangebote für die Benachteiligten ergänzt werden. Aber verhindern lassen sie sich nicht.

Kirchengemeinde Genezareth
Pfarrerin Elisabeth Kruse
Herrfurthplatz 14
12049 Berlin
0172-801 76 14

www.genezareth-gemeinde.de

 

 

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