von am 3. April 2017

Arabisch? Türkisch? Oder welche Sprache dominiert die Straßen Neuköllns? In seiner zweiten Rollberger Geschichte sucht Autor Filippo Smerilli darauf eine Antwort, findet eine Neuköllner Besonderheit, Pragmatismus und Widersprüche.

Zeichnungen: Frauke Boggasch

„Rassist!“ – Hat sie das tatsächlich zu mir gesagt? Wir hatten in ihrer Küche gesessen, zwischen uns auf dem Tisch zwei Gläser Futschi. „Ich fühle mich ausgeschlossen“, hatte ich gesagt. Sie trug einen Freizeitanzug mit weißen und roten Streifen, sagte nichts und lackierte weiter ihre Fingernägel in einem tiefen Blau. „Es gibt Schwankungen, aber grundsätzlich beschäftigt es mich. Ich fühle mich dadurch weder angesprochen noch gewollt. Wenn sie es wenigstens zweisprachig machen würden. Aber sie machen es so oft immer nur in einer Sprache.“

Mandy sah mich nicht an und wechselte beim Lackieren der Fingernägel zur anderen Hand. Jan Klode hatte auf dem Tempelhofer Feld eine Stunde hinter Mandys Fahrrad herlaufen müssen – „Training“, sagte sie dazu. Jetzt lag er müde vor dem Küchentisch, hob nur gelegentlich schläfrig den Kopf, gähnte dann lange und ausgiebig und knurrte dabei leise und tief, ohne auch nur die Augen zu öffnen. „Das ist der Ausschluss von allen, die nicht durch eine gute Ausbildung diese Sprache beherrschen. Das ist sprachlicher Kolonialismus mittels finanzieller Überlegenheit.“

Sie nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas und sah mich noch immer nicht an, als sie schließlich leise sagte: „Letztens wollte ick mir eine Torte in dem neuen Café unten auf der Karl-Marx-Straße bestellen: nüscht. Vor längerer Zeit schon einen Burger ohne scharf und ohne Gurken in einem Laden auf der Hermannstraße: nüscht. Einen Futschi in der Bar unten: nüscht. Dit ging allet nich. Die Kellnerinnen verstanden keen Wort.“

Mandy sah kurz auf und wich meinem Blick gleich wieder aus. „Manchmal halte ich die vollkommen gedankenlose Haltung dieser elend reichen Szene, die ganz Neukölln ohne Zögern und ohne Gewissensbiss auf den Kopf stellt, um dann doch weiter nach Paris, New York, London oder Tokio zu ziehen, einfach nicht aus“, brach es lauter, als ich wollte, aus mir heraus. Jan Klode zuckte erschreckt zusammen, zog die Lefzen hoch und knurrte mich böse an. „Rassist!“ zischte Mandy – und nach einer kurzen Pause schob sie sehr leise nach: „Ick war heute zum ersten Mal in einem Sprachkurs.“ Ich sagte nichts. „For beginners“, ergänzte sie flüsternd und jetzt kaum noch hörbar.

Mir fielen zwei neue Graffiti an der Hauswand gegenüber auf: „Wehret den Anfängen!“ Und direkt darunter stand in einer anderen Schrift: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“ „Mandy, hast Du schon gesehen?“ Sie las, leerte ihr Glas in einem Zug, füllte sofort nach und wir schwiegen gemeinsam eine lange Zeit.

 
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