von am 28. Juni 2017

interkular-Gründer Dominik Haubrich (links) mit Perspektivcoach Parwiz Shafizada (Foto: Michalina Kowol)

Im Schillerkiez haben sich eine Islamwissenschaftlerin und ein Stadtgeograf die Integration von Geflüchteten zur Aufgabe gemacht. Ihr internationales Team klärt interkulturelle Missverständnisse, die zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen entstehen.

Text: Anne Hoehn, Video: Anne Hoehn, Michalina Kowol

„Sobald Menschen zusammenleben, sind sie immer auch eines: Nachbarn. Da gibt es die, die schon länger da sind und die, die noch nicht so lange da sind. Und die bringen wir zusammen“, erklärt Dominik Haubrich. Gemeinsam mit der Islamwissenschaftlerin und Ethnologin Nina Warneke hat der promovierte Stadtgeograf Anfang 2017 das gemeinnützige Unternehmen interkular gegründet. Das 12-köpfige Team, bestehend aus neun Angestellten aus dem sozialen Bereich und drei Ehrenamtlichen, verfolgt dabei einen ganzheitlichen und vor allem lokalen Ansatz.

Denn nach dem Verständnis von interkular richtet sich Integration nicht ausschließlich an Personen mit Fluchtbiografie. Sie betrifft jeden, der sich dafür interessiert mit den Menschen in seiner Umgebung in Kontakt zu kommen, sich auszutauschen, sich zu vernetzen. „Das gilt für Geflüchtete, wie für die Omi aus dem Haus am Rollberg“, so Haubrich. Die Stadtteilarbeit gehört zusammen mit der Reintegration, dem Jugendwohnen und der Vermittlung in den Arbeitsmarkt zu den vier Säulen des ganzheitlichen Ansatzes von interkular. „Wir glauben, Integration kann nur dann gelingen, wenn alle vier Bereiche gleichermaßen beachtet werden“, sagt Gründerin Nina Warneke.

Missverständnisse ausräumen: Ein Job für Spezialisten

Integration für beide Seiten gelingen zu lassen ist eine Herausforderung. Vor allem, da beim ersten Kennenlernen häufig kulturell bedingte Missverständnisse auftreten, die für alle Beteiligten neu sind. Haubrich schildert ein ganz konkretes Beispiel: „Angenommen, ein Schreinermeister sucht einen Hospitanten, der vorher in der Holzwirtschaft in Pakistan gearbeitet hat. Der hat seit eineinhalb Jahren nichts gemacht, saß bloß in einer Gemeinschaftsunterkunft rum. Jetzt ist er voller Eifer, aber er kennt den deutschen Arbeitsmarkt und seine Normen nicht. Und er macht in den Augen des Arbeitgebers manches falsch. Der denkt sich: Ach ne, lass mal. Der hat doch nicht wirklich Lust.“ Schuld an dem Missverständnis sind einfach zwei unterschiedliche kulturelle Prägungen.

Um genau solche Situationen zu vermeiden, hat interkular sich die Ausbildung von Perspektivcoaches ausgedacht. Bereits zwei Coaches arbeiten für das Sozialunternehmen: Parwiz Shafizada und Sufyan Mahmood haben selbst einen Fluchthintergrund, sprechen mehrere Sprachen und kennen die Bedürfnisse Geflüchteter aus eigener Erfahrung genau. Sie haben noch während ihres Aufenthalts in der Flüchtlingsunterbringung auf dem Tempelhofer Feld von dem Projekt gehört und schließlich als Praktikanten bei interkular angefangen. Nach einigen Wochen im Team war klar, dass die beiden neben der sprachlichen Kompetenz auch die sozialen Fähigkeiten mitbringen, um selbst als interkulturelle Vermittler zu arbeiten.

Eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Startnext Anfang des Jahres gab dem Projekt Perspektivcoach eine finanzielle Grundlage. 21.000 Euro hat die Kampagne eingebracht, angepeilt waren 15.000, die Idee kam also gut an. Der Ansatz, dass Geflüchtete als Perspektivcoaches andere Geflüchtete mit ihrer interkulturellen Kompetenz unterstützen, ist einleuchtend. Die Coaches begleiten moderierend, wenn Neuankömmlinge und Alteingesessene zusammenkommen und räumen Missverständnisse, die sie aus ihrem eigenen Ankommen kennen, aus. Das Angebot findet Anklang und wird von unterschiedlichen Trägern in Anspruch genommen. Etwa Grün Berlin, den Betreibern des Tempelhofer Feldes oder ehrenamtlichen Organisationen, die den Integrationsprozess geflüchteter Personen fördern wollen.

Reintegration als ein Teil der Integrationsarbeit

Doch Integration ist nicht alleiniges Thema von interkular. Auch Reintegration steht auf der Agenda. Dass das ausgerechnet Teil der Integrationsarbeit sein soll, wirkt auf den ersten Blick paradox, immerhin beschreibt Reintegration die Rückkehr der Geflüchteten in ihr Heimatland. Zudem ist das Thema heikel, da sich der deutsche Staat die sogenannte Rückführung vorbehält. Wobei Rückführung ein verwirrender Begriff ist, juristisch handelt es sich um das selbe Prozedere wie eine Abschiebung. Und die ist weit unangenehmer, als die Reintegration, die eigenmächtige Entscheidung das Land zu verlassen. „Wir können keine Abschiebung verhindern“, sagt Nina Warneke, „aber wir können die Leute aufklären was ein endgültiger Ablehnungsbescheid für Konsequenzen hat. Das wissen viele nicht. Es mangelt an Aufklärung.“

Warneke weiß, dass die Rückkehrer oftmals überfordert sind. Sie können sich schlecht reintegrieren und fallen durch soziale Netzwerke in der alten Heimat. Um dem vorzubeugen, baut das Team aus dem Schillerkiez zusammen mit kleinen NGOs in den Heimatländern der potentiellen Rückkehrer ein Netzwerk auf, damit Abgeschobene auch dort wieder eine Perspektive vorfinden. „Ich würde mir wünschen,“ sagt Warneke, „dass wir auch Menschen ohne Bleibeperspektive ausbilden könnten, die dann in ihrer Heimatgesellschaft als Perspektivcoaches zur Sensibilisieren für Rückkehrer beitragen könnten .“

Vorerst bleiben die beiden Perspektivcoaches, Sufyan und Parwiz, erst einmal in Berlin und begleiten gemeinsam mit dem Team von interkular das Zusammentreffen alter und neuer Kiezbewohner im Herzen Neuköllns.

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