von am 7. Januar 2016

MainzerStrDer Tag, an dem ich nicht mehr ganz so stolz auf Neukölln war, war der, an dem ich einem Bonner Kumpel Neukölln zeigte. Ich entdeckte eine nagelneue Filiale einer großen deutschen Biosupermarktkette an der Hermannstraße direkt neben Spätis und türkischen Hochzeitskleidern. Ich rieb mir die Augen, aber die grünen Leuchtbuchstaben wollten einfach nicht verschwinden. Versprochen hatte ich meinem Besuch Müll aller erdenklicher Formen, heruntergekommene Eckkneipen, türkische Bäckereien sowie Wettbüros hinter jeder zweiten Ecke. Ghetto halt, was sonst?

Fotos: Anke Hohmeister

Einige Meter hinter dem regionalen Wurzelgemüse bot man mir eine leicht zerkratzte Schreibtischlampe für nur 89 € an. Handeln war nich, ich trottete wie eine geprügelte Katze wieder aus dem Laden. Ohne Lampe. Mein Kumpel Flo grinste nur. Aus dem Augenwinkel beäugte ich misstrauisch einen neuen Getränkemarkt, in dem man frühstücken konnte. Ich ließ mir nichts anmerken. Der Sinn eines Cafés mitten im Getränkemarkt erschloss sich mir noch nicht ganz. Chai Latte und Cream Cheese Cake (vegan) standen auf der Karte. „Meinen die sowas wie Käsekuchen?“, fragte mein Kumpel. Und das soll vegan sein, echt jetzt? „Weiß ich doch nicht“, antwortete ich und wechselte schnell das Thema.

Hafer-Dinkel-Keks statt Broiler-Brötchen

Wir wurden fast von einem dunkelblauen Maclaren-Kinderwagen mit quäkenden Kind angefahren. Die Mutter, bepackt mit einer Papiertüte des bereits erwähnten neuen Ladens mit grünem Logo, reichte lächelnd ein paar Hafer-Dinkel-Kekse und ich bekam Mitleid, denn ich bekam seinerzeit noch die echten Kekse mit 52 Zähnen überreicht. Oder einen Broiler im Brötchen, falls noch jemand weiß, was damit gemeint ist. Das Baby krümelte fröhlich vor sich hin und schmiss seine Flasche aus dem Wagen.

NK_Net_Hermannstraße

Kulinarische Höhepunkte auf der Hermannstraße

Wir hatten zuvor das Feld überquert, waren zufällig auf dem Markt am Herrfurthplatz gelandet, wo der Heublumenkäse von den vor Glück überquellenden Kühen aus Kleinmachnow, Malchow oder Lüchow-Danneberg auch echt nur so sechs Euro für ein kleines Stück kostet. Plötzlich begann ich mich für Neukölln zu entschuldigen, stammelte was von „Also diese zwei Läden hab ich jetzt auch zum ersten Mal gesehen“ und steuerte in flottem Tempo in Richtung S-Bahnhof. Mit großer Geste präsentierte ich einen größeren türkischen Supermarkt mit Gemüseauslage und das libanesische Schnellrestaurant, das wir passierten. Außerdem zeigte ich stolz einen Scherzartikelladen, den es schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab und in dem man täuschend echte Hundehaufen kaufen kann.

Am S-Bahnhof ist Neukölln noch in Ordnung

Am S-Bahnhof atmete ich auf. Hier war alles wie immer. Es stank nach Urin, die Leute parkten in zweiter Reihe vorm Schuhcenter, drängelten sich in den Bus nach Buckow und die Zeugen Jehovas boten den Wachturm in sechs Sprachen an, darunter Türkisch und Polnisch, da sie weder Muslime noch Katholiken aus ihrer Zielgruppe ausschließen wollten. Die Damen hatten ihr gewohntes wenn-morgen-der-Messias-kommt-bin-ich-bereit-Lächeln drauf und lange Röcke an. Dazu trugen sie gefütterte Stiefel.

Der Asphalt war fast genauso schmutzig wie immer und während ein Audi mit gefühlten 70 an uns vorbeizischte, erklärte ich das Angebot an Fressbuden. „Nur Gemüse-Döner“ sei aber kein vegetarischer Döner, wie viele denken, sondern Nur sei der Familienname des Inhabers, dozierte ich weiter und lief dabei gewohnt slalomartig um einige Hundehaufen. Einige leere Pappbecher und heruntergefallene Fritten rundeten das perfekte Image der Hermannstraße ab. Alles war wieder gut.

Schillerprom

Häuserwand in der Schillerpromenade

Während wir in einem türkischen Restaurant sitzen und eine Kumpir genannte Ofenkartoffel essen, denke ich über das Haus nach, in dem ich wohne. Wollte nicht der neue Hausbesitzer einen Aufzug bauen? Damit die Studenten, für die er den Dachboden ausbauen möchte, bloß nicht die paar Treppen steigen müssen? Was sicherlich keine Auswirkungen auf unsere Miete haben wird. Erfreulicherweise ist der neue Hausbesitzer Anwalt für Immobilien- und Mietrecht und hat seine Kanzlei auf dem Ku’damm. Mir kann also gar nichts mehr passieren. Studenten auf dem Britzer Damm, der Verlängerung der Hermannstraße, sind (noch) so selten, dass sie mitunter spontan Nummern austauschen, wenn sie nachts zusammen nach Hause laufen, weil sie den M44 verpasst haben.

Meinem Kumpel schmeckt die erste Kumpir seines Lebens ausnehmend gut. Wir trinken türkischen Chai aus kleinen Gläschen, schlagen die B.Z. auf und belächeln den Artikel über die BVG-Version von „Is mir egal“, die Berlin wieder sexy machen soll.

Sowas braucht Neukölln nicht, ihr Opfa.

„Also, ich finde es hier bei dir eigentlich ganz ok“, verkündet mein Kumpel und kratzt die letzten Kartoffelreste aus der Schale. „Inshallah“, denke ich.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

7 Kommentare:

  • nullkommentar sagt:

    Mit der Realness ist das so eine Sache: Wenn du sie suchst, ist sie schon weg. So wie bei Faust oder Rambo I bis III. Mein Vorschlag zur Güte: Gentlyfication statt Gentrification! Ich hätte den Keks als Friedensangebot angenommen.

  • Peter Quark sagt:

    Also ich frage mich, ob nicht meine 162-nationen-Mitbürgerinnen in Neukölln auch die Schnauze voll haben von Hundehaufen und Müll und sich durchaus über die eine oder andere Veränderung freuen (siehe hippes Shisha-Café in der Dresdner oder den türkisch inspirierten aber sehr kosmopolitischen Frühstücksladen La Femme auf dem Kottbusser Damm (wo immer noch zweite Reihe geparkt wird)). Welche Tradition wird denn hier vermisst? Und warum wird ausgerechnet der Hundehaufen als letzte Bastion der Mietsteigerung gefeiert? Fragen über Fragen, gerne zu diskutieren bei einer Ofenkartoffel und einem Ayran.

  • Ron sagt:

    was für ne hipster scheisse

  • Elisa sagt:

    @ Peter Quark
    Du spricht Läden in Kreuzkölln an. Mir gehts hier nur um die Hermannstraße und den Britzer Damm. Also die fußläufige Umgebung rund um die S-Bahnstation. Wie oben ersichtlich, hab ich keinen Bock drauf, dass es hier bald so schickimicki wird wie in Kreuzkölln/Prenzlberg/Mitte usw. .
    Klar würden sich alle freuen, wenn es bei uns sauberer wäre. Das muss dann aber auch von den Menschen ausgehen, die aktuell hier wohnen und nicht mittels Verdängung dieser Bewohner.
    Wenn ich persönlich die Wahl habe, zwischen der Hermannstraße, so wie sie jetzt ist, mit ihrem Müll, ihren Hundehaufen und allem, was dazugehört und einem Kiez, der nicht wiederzuerkennen ist….dann komm ich auf Müll besser klar.
    Welche Tradition von mir vermisst wird?
    Bezahlbare, stabile Mieten für alle 162-Nationen-Bewohner.
    P.S.: Übertriebenes Horrorszenario?
    Vorschlag: In fünf Jahren die Glosse nochmal lesen.

  • Peter sagt:

    Lächerlich, diese romantisierung des Hässlichen. Sorry, aber auf die ein oder andere shisha bar und Dönerbude könnte Man hier zugunsten von ein paar tatsächlich nutzbaren Läden gut und gerne verzichten! Und Sauberkeit schadet auch keinem. Was soll dieses Abfeiern des Elends?? Kann wirklich nur den Kopf schütteln.

  • Hici sagt:

    Kreuzkölln, HAHA!!!!!!!!!!! Geoutet!
    Und: cay heißt dieser türkische Tee aus den kleinen Gläschen! Soviel zum: „ich denke „inshallah!““…

  • Andi sagt:

    “ Versprochen hatte ich meinem Besuch Müll aller erdenklicher Formen, heruntergekommene Eckkneipen, türkische Bäckereien sowie Wettbüros hinter jeder zweiten Ecke. Ghetto halt, was sonst?“–> lame.
    Außerdem wird mir dein Bezug zum Kiez nicht wirklich klar. Bio-Muttis bashen und über steigende Mietpreise klagen kann jeder und macht jeder. Der Artikel verbleibt an der Oberfläche, man könnte sämtliche Kieze Berlins einsetzen. „Auf der Suche nach der Realness“ gilt wohl auch für den Text.

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