von am 24. März 2016
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Dichter und Rebell Erich Mühsam und die Hufeisensiedlung im Jahr 1927. (Fotos: Wikimedia Commons, Museum Neukölln)

Wer sich fügt, der lügt: der Schriftsteller und Aktivist Erich Mühsam hat diesen Satz in radikaler Konsequenz gelebt. 1934 wurde er im KZ Oranienburg ermordet. Zuvor verbrachte er seine letzten Jahre in Neukölln. Ein Blick auf seine Britzer Zeit – und das grausame Danach.

Für Sonja Marchlewska war das Häuschen des Ehepaars Mühsam Ende der 1920er Jahre ein willkommenes Refugium. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Künstler Heinrich Vogeler, lebte sie ab 1927 in der gerade entstehenden Britzer Hufeisensiedlung. Bei den Mühsams konnte sie „der Welt des Miefs entschweben“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. Es sei ein großes Glück gewesen, dass Erich und Kreszentia, genannt Zenzl, nur einige Straßen weiter, in der Dörchläuchtingstraße 48, lebten. Die Siedlung, so schreibt sie, sei damals als Familienidyll gedacht gewesen: „Alles hatte der Bauer der Siedlung, Bruno Taut, eingeplant: blitzsaubere Häuschen in gartenumrahmten Straßen. Nur eines vermochte der Menschenfreund nicht einzukalkulieren: Die Gesinnung deutscher Spießer.“

Bekämpfung des Staates in all seinen Erscheinungsformen

Zu diesem Zeitpunkt hatte der fast 50-jährige Erich Mühsam bereits zwei Haftstrafen hinter sich. Kaum verwunderlich, war der Aktivist doch die lebende Antithese zum Spießertum. In seiner Britzer Küche hielt der rauschbärtige Charismatiker seinen Gästen gerne politisch durchdrungene Spontanvorträge, im Rosengarten vorm Haus polterte er gegen das Establishment. „Die Bekämpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen, Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Klassenherrschaft, Zweckjustiz und Unterdrückung in jeder Gestalt, war und ist der Impuls meines öffentlichen Wirkens“, so brachte Mühsam sein lebenslanges Bestreben in seiner Biografie auf den Punkt.

Die Rebellion war sein Daseins-Modus, schon lange bevor er in die Hufeisensiedlung zog.

Mitglied der Münchner Räterepublik

1878 in Berlin geboren, wuchs Mühsam in Lübeck auf, machte eine Apotheker-Lehre und kam 1901 zum ersten Mal wieder nach Berlin, wo er als Redakteur für die anarchistische Zeitschrift „Der arme Teufel“ schrieb. „Acht Jahre lang lebte er um die Jahrhundertwende in Berlin, stand dem Friedrichshagener Dichterkreis nahe und war Freund von Peter Hille und den Brüdern Hart. Dann aber lockte ihn das ungebundenere musische München“, heißt es in einem Nachruf vom Telegraf im Jahr 1948. Als Teil der Schwabinger Bohème war er Mitbegründer des Sozialistischen Bundes, wollte das Lumpenproletariat für den Anarchismus gewinnen.

Später wurde er Mitglied der Münchner Räterepublik, einem idealistisch-romantischen Versuch von Dichtern und Literaten, einen Freistaat zu gründen. Nach der Niederschlagung dieser intellektuellen Utopie durch die Reichswehr wurde Mühsam als treibende Kraft zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nach fünf Jahren wurde er 1924 amnestiert.

Verharren in Starrköpfigkeit

Was folgte, war der abermalige Umzug nach Berlin, zunächst nach Charlottenburg, dann in die Hufeisensiedlung. Ein romantisch anmutendes, vielleicht auch dem bürgerlichen Idyll aufsitzendes Bild, zeichnet der Telegraf-Nachruf von dieser Rückkehr: „Man muss ihn gegen Ende der zwanziger Jahre nach langer und schwerer Haftzeit in seinem Häuschen in Britz gesehen haben. Zwischen Hunden und Katzen, Blumen und – selbstverständlich – Bergen von Büchern. Eine einmalige Mischung aus Dichter, Träumer und Kämpfer.“

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Grünes Idylle am Stadtrand: Die Hufeisensiedlung um 1929. (Foto: Museum Neukölln)

Mühsam blieb Prediger, blieb ein unermüdlicher Redner, öffentlich, aber auch im Privaten, was nicht immer auf Gegenliebe stieß: „Kam Erich Mühsam auf die aktuelle Politik zu sprechen, so geschah es, dass ich die Geduld verlor. All seine anarchistischen Postulate erschienen mir als eine nicht ernst zu nehmende Gedankenwirrnis. Sein Verharren bei längst überholten Thesen empfand ich als Starrköpfigkeit“, erinnert sich die Britzer Nachbarin Sonja Marchlewska. Der Dramatiker Frank Wedekind soll über den extrovertierten Mühsam gesagt haben, er sei einer, der „stehend auf zwei Gäulen“ reite.

Todesfeindschaft mit dem Faschismus

Als Nazi-Deutschland bereits seine dunklen Schatten voraus warf, fiel es ihm nicht ein, von seinen Gäulen abzusteigen. Ein Schweizer Nachruf in der Seeländischen Volksstimme, den Walther Victor 1939 im Exil verfasste, skizziert Mühsams letzten öffentlichen Auftritt.

Es sei der 17. Februar 1933 gewesen, als sich Mühsam um seinen Kopf redete: In einem Berliner Saal trat er neben Carl von Ossietzky als Redner des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller auf. Mitten im von der SA besetzten Berlin, der Hitler-Herrschaft ins Auge schauend. Unübersehbar nahm auch die Polizei im Saal platz. Rezensent Walther Victor, der Mühsam damals aus dem Publikum heraus sprechen sah, fasst zusammen: „In dieser Veranstaltung sprach Mühsam seinen letzten öffentlichen Protest gegen die Gewalt, er sprach so, dass uns Schauer über den Rücken liefen, weil wir während seiner Worte schon wussten, dass er sich zugleich sein Todesurteil sprach. Diesem Manne war Diplomatie fremd.“ Mühsam sei einer gewesen, der „den Schergen des Faschismus im Saale die Todesfeindschaft in die Gesichter schrie.“ Kurz darauf, am 28. Februar 1933, wurde er verhaftet.

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Interniert: Häftlinge beim Appell im KZ Oranienburg im Frühjahr 1933. (Foto: Museum Neukölln)

Verschleppt ins KZ Oranienburg

Bevor er am 2. Februar 1934 in das KZ Oranienburg kam, wurde er als Häftling in einem ehemaligen Brandenburger Zuchthaus schwer misshandelt. Erinnerungen seines Mithäftlings Kurt Hiller geben Einblick in die Grausamkeit dieser Tage: „Ich werde nie den Anblick vergessen, den er bot, als er fahl über einen dieser Zuchthöfe wankte, ein Ohr durch Schläge zu einer dicken, unförmigen Masse aufgeschwollen, zu einer Fleisch-Halbkugel geklumpt.“ Unter den Geschundenen war Mühsam der Geschundenste. Hiller berichtet von einer Verbesserung nach dem gemeinsamen Transport ins KZ Oranienburg, wo die mutwilligen Misshandlungen erst einmal aufhörten: „Mühsam hatte Klosettdienst, Kartoffelschäldienst, Strumpfstopfdienst; er litt darunter nicht zu sehr, war meist gut gelaunt.“ Als Hiller am 28. April entlassen wurde, habe er in Mühsam keinen gebrochenen Mann gesehen.

Umso erstaunter war er, als die Presse am 12. Juli 1934 berichtete, Mühsam habe im KZ Selbstmord begangen: „Als ich das las, war mir sofort klar, dass es eine Unwahrheit sein müsse: Mühsams Naturell widerstrebte dem Selbstmord. Er hatte in Jahrzehnten vieles erlitten und überstanden; wenn die fürchterlichen Misshandlungen von Brandenburg ihn nicht zermürben vermochten, um wie viel weniger konnte die glimpflichere Atmosphäre von Oranienburg einen Entschluss in ihm erzeugen, für den es in seiner Natur keinen Boden gab!“

Fingierter Selbstmord

Zeugenaussagen von Mithäftlingen bestätigten, was Hiller nicht glauben wollte: Mühsam hatte sich nicht das Leben genommen, er wurde ermordet. So soll es sich in der Nacht zum 10. Juli zugetragen haben: Nachdem Anfang Juli das SA-Lager von SS-Männern übernommen wurde, wurde Mühsam zum neuen Lagerkommandanten Eickel gerufen. Dieser wies ihn an, sich binnen 48 Stunden umzubringen. Schließlich kam der Befehl, er solle um zehn Uhr Abends im Zimmer des Kommandanten erscheinen. Aus dem Verwaltungsgebäude kehrte er nicht zurück. Gefunden wurde er in den Klo-Baracken: „Dort, im vorletzten Abteil hing Erich Mühsam, tot, gelb, den Hals an einen Balken geknüpft, der Körper längs einer der Holzwände, die Abteil von Abteil trennten“, berichtet Hiller und bezieht sich dabei auf Zeugenaussagen.

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Das Mühsam-Grab auf dem Waldfriedhof in Dahlem. (Foto: Wikimedia Commons)

Mehrere Indizien, unter anderem ein kunstvoll geknüpfter Knoten im Strick, „wie sie dem manuell sprichwörtlich ungeschickten Mühsam niemand nur von ferne zutrauen konnte“ bezeugten den fingierten Selbstmord. „Den Gefangenen, ohne jede Ausnahme war klar, dass man Erich Mühsam im Kommandantenzimmer ermordet und die Leiche, um einen Selbstmord vorzutäuschen, im Klosetthaus aufgehängt hatte“, bilanziert Hiller. Begraben wurde Erich Mühsam auf dem Waldfriedhof in Dahlem.

Arme Teufel, ihr Bürokraten!
Tötet mich doch, befiehlt’s eure Pflicht –
ihr könnt den Leib des Rebellen braten
Das Herz und die Seele versengt ihr ihm nicht.

Diese Zeilen schrieb Erich Mühsam 1921 während er im Gefängnis Niederschönenfeld saß. Er sollte Recht behalten.

Archivmaterial ©Museum Neukölln – In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

 

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