von am 20. Juni 2012

Das Tempelhofer Feld um 1900, Foto: Museum Neukölln

Die Geschichte des „Tempelhofer Stadtteils“ und des angrenzenden Tempelhofer Feldes (hier um 1900) ist eine Geschichte über die Auseinandersetzung mit der Nutzung von Freiräumen, daran hat sich bis heute nichts geändert.

Als man kurz vor 1900 allmählich damit anfängt, die Planung des Viertels in die Tat umzusetzen, kann von Schillerkiez noch keine Rede sein. „Der Erste Schlag des Berglandes“ nennt man das Stück Land damals noch, das sich zwischen Rollbergviertel und dem Tempelhofer Feld erhebt. „Auf den Stoppeln“, wie man es im Volksmund weniger pathetisch ausdrückt, ist Ackerland.

Zu dieser Zeit platzt das nahe Berlin zunehmend aus allen Nähten und der Zustrom der Menschen macht auch vor Rixdorf (Umbenennung in „Neukölln“: 1912) nicht halt – damals noch vor den Toren der Stadt gelegen, vor dem Kottbusser Tor um genau zu sein. Lassen sich 1801 die recht bescheidenen 714 Einwohner/innen Rixdorfs noch in einer kleinen Dorfgemeinschaft zusammenfassen, erfordern die 90.422 Bewohner, die das „größte Dorf bei Berlin“ (bis zur Eingliederung 1899) im Jahr 1900 bereits bevölkern, schon deutlich mehr Aufwand und vor allem Unterbringung. Man beginnt den verbleibenden Freiraum zu nutzen und baut das „Obere Viertel“, den heutigen Schillerkiez.

Die Geschichte des „Tempelhofer Stadtteils“ – der letzte Übergangsname aus der Zeit nach der Bebauung – und des angrenzenden Tempelhofer Feldes ist eine Geschichte über die Auseinandersetzung mit der Nutzung von Freiräumen, daran hat sich bis heute nichts geändert.

Freiraum: ein Gegenmodell zum Rollbergviertel

Schon bei der Planung spielt Raum damals eine große Rolle. Denn auf keinen Fall möchte man den Fehler beim Bau des Rollbergviertels wiederholen, die Bedürfnisse des Menschen nicht genügend beachtet zu haben. Aufgrund der äußerst engen Bebauung, der schlechten Bausubstanz und der daraus resultierenden schlechten Lebensqualität hatte der Ruf des Rollbergviertels stark gelitten. Den Bewohnern des Oberen Viertels soll mehr Luft zum Atmen bleiben, die Innenhöfe größer und nur ein Hinterhaus je Grundstück ermöglicht werden. Reine Menschenfreundlichkeit ist das keineswegs, denn die Stadt möchte vor allen Dingen zahlungskräftigere Bürger aus der Mittelschicht nach Rixdorf locken, um ihr Steueraufkommen zu verbessern.

Postkartenblick auf die Schillerpromenade um 1910

Als Zentrum und Anziehungspunkt entsteht mit als Erstes die Genezareth-Kirche im gotischen Stil; sie soll das Viertel noch attraktiver machen. Ein großzügiges Straßenraster wird angelegt, das durch den Herrfurthplatz und eine 50 Meter breite Flaniermeile zusätzlich aufgelockert wird: die Schillerpromenade. Aufwändig verzierte Fassaden, Eckhäuser mit Zwiebeltürmchen, die platanengesäumten Gehsteige und breite Mittelstreifen mit Blumenbeeten, Parkbänken und Rasenflächen laden zum Verweilen ein und bieten den Bewohnern ein Einholungsgebiet inmitten ihres Viertels. Ab 1910 wird der Raum, den die Promenade bietet, wöchentlich durch einen Markt genutzt, der sich um 1920 bis zur Okerstraße ausdehnt.

Überhaupt können sich die Einwohner des Quartiers Schillerpromenade über die zahlreichen Möglichkeiten der Naherholung kaum beschweren. Zwar sind es ausgerechnet die Kirch- und Friedhöfe im Süden, die sich als einzige, wirklich größere Parkanlagen immer größerer Beliebtheit erfreuen, aber zum Westen hin hat sich ein anderer Freiraum längst zu einem hoch frequentierten Ausflugsziel entwickelt. Was seit vielen Jahrzehnten als Paradefeld für die alljährlichen Frühjahrs- und Herbstparaden des kaiserlichen Militärs genutzt wird, etabliert sich zunehmend als öffentliches Sport- und Freizeitgelände: das Tempelhofer Feld. Besonders an Sonntagen „war das Tempelhofer Feld die größte Liegewiese bei Berlin“, schreibt Lothar Uebel 1985 in seinem Buch „Viel Vergnügen“.

Wald gegen Wüste – ein Schutzstreifen gegen Staub entsteht

Allerdings bereitet der „Tempscher“, wie das Feld seiner Zeit auch genannt wird, den Anwohnern im Schillerkiez auch so manche Unannehmlichkeiten, denn durch die vielen Paraden gleicht das Feld mittlerweile mehr einer Sandwüste, als einem Park. Bei Westwind kommt es oft zu einer derart extremen Staubentwicklung, dass 1914 ein 80 Meter breiter Schutzstreifen aus Bäumen angelegt wird.

Das „Tempscher“: die größte Liegewiese Berlins

Nach dem ersten Weltkrieg und mit der Schließung des Tempelhofer Felds für die Öffentlichkeit 1924 wegen des Flughafenbaus im Osten, kommt im selben Jahr die Idee auf, den Schutzstreifen aus Bäumen auszuweiten und in einen 300 Meter breiten und anderthalb Kilometer langen Park mit einem zentralen Durchgang längs der Mitte umzuwandeln. Nach und nach kommen immer mehr Spiel- und Sportplätze hinzu, bis am 14. Oktober 1928 der „Sport- und Volkspark Neukölln“ feierlich eröffnet wird. Heute lassen sich die respektablen Ausmaße des Parks zwischen den beiden einzigen Überbleibseln, dem Werner-Seelenbinder-Sportpark und dem Sommerbad Neukölln nur noch mit einiger Fantasie erahnen.

Seit der Öffnung des Tempelhofer Flugfelds steht dafür wieder umso mehr Platz zur Verfügung, für den Sport, für die Berliner und ihre größte Liegewiese Berlins. Insgesamt hat es der Lauf der Geschichte, abgesehen von den Jahrzehnten des Fluglärms und der Abgeschiedenheit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch recht gut gemeint mit dem Schillerkiez. Die in den 60er Jahren angedachte Osttangente, die als Autobahn von Kreuzberg durch die Hasenheide und entlang der Oderstraße geführt hätte, wurde glücklicherweise nie gebaut. Die Schillerpromenade erblüht zwar noch nicht ganz in ihrer ursprünglichen Pracht, aber ist doch recht ansehnlich hergerichtet worden. Der „Grüne Weg“ zwischen Hermannstraße und Flugfeld ist seine Funktion als Einflugschneise losgeworden und dem Publikumsverkehr wieder zugänglich gemacht worden. Und auch der Wochenmarkt erlebt in kleiner, aber feiner Weise wieder eine Renaissance.

Dieser einstmals größte Markt Berlins, der in den 50er Jahren noch auf beiden Seiten der Schillerpromenade vierreihig bis zu 250 Stände beherbergte, ist in den 90er Jahren am Aufkommen der Supermärkte und der misslungenen Marktführung zu Grunde gegangen. Beate Hauke, die sich zusammen dem Verein Pro Schillerkiez für eine Neuauflage des Wochenmarktes engagiert hat, ist mit der heutigen Entwicklung sehr zufrieden. Im letzten Jahr sei der Markt mit 11 bis 17 Ständen durch den Winter gekommen und hält sich nun schon knapp drei Jahre. Ob sie sich vorstellen könne, dass der Markt einmal wieder groß genug wird, um den Freiraum der Schillerpromenade zu nutzen? „Denkbar ist alles.“

Viele Informationen im Text stützen sich auf die Publikationen „Ein-Blicke in die Geschichte der Schillerpromenade in Berlin Neukölln“ und „Entdeckungen – Unterwegs in der Neuköllner Schillerpromenade“. Beide Broschüren sind im QM Schillerpromenade kostenlos erhältlich.

Archivmaterial © Museum Neukölln

In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

 

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