von am 18. November 2015

Chancengleichheit im Bildungssystem bleibt ein Dauerthema. Dr. Kurt Löwenstein, 1921 bis 1933 Stadtrat für Volksbildung in Neukölln und bildungspolitischer Sprecher der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), später der SPD im Deutschen Reichstag, hat dieses Thema schon vor über 90 Jahren in seiner Schulreform thematisiert. Trotz großer Anstrengung haben die Nationalsozialisten sie nicht ungeschehen machen können.

Chancengleichheit für alle Kinder, diversifizierte Bildungswege mit Quereinsteigemöglichkeiten, Gendergerechtigkeit, kontinuierliche Bildungswege von Kindergarten bis Abitur, fächerübergreifender Unterricht, Unabhängigkeit von religiöser Beeinflussung, kulturelle Bildung, Öffnung der Bibliotheken für alle Kinder: All diese in aktuellen Bildungsdebatten selbstverständlichen Grundsätze wurden in Neukölln zumindest als Experiment bereits zu Löwensteins Zeiten in die Tat umgesetzt. Dass in einem linken Reiseführer durch Deutschland Neukölln als Eldorado zukunftweisender Erziehungskonzepte gepriesen wurde, mit der Karl-Marx-Schule, dem Modell für die späteren Gesamtschulen, den weltlichen, koedukativen Schulen (d.h. im Unterschied zur Kaiserzeit wurden Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet und – sensationell – sechs von ihnen standen in Neukölln nun nicht mehr unter geistlicher Schulaufsicht!), den Arbeiterabiturientenkursen, der ersten kommunalen, Arbeiterkindern offen stehenden Musikschule, einem neuen Typ von Bibliothek, einer Gartenarbeitsschule, mutet mit dem Wissen um heutige Neuköllner Schulrealität unglaublich an. Aber dieser legendäre Ruf wird von der aktuellen Schulgeschichtsforschung als Realität bestätigt.

Gerade deshalb wurde kein Lebens- und Arbeitsraum in Neukölln von den Nationalsozialisten so gründlich und nachhaltig zerstört wie die Bildungspolitik und -realität, an deren Spitze Kurt Löwenstein stand. Unterstützt wurde er von großartigen Frauen und Männern der pädagogischen Tat wie Fritz Karsen, Rektor der Karl-Marx-Schule, Helene Nathan, Leiterin der Stadtbibliothek, Fritz Hoffmann, Leiter der Rütli-Schule,  Wilhelm Wittbrodt und Alfred Lewinnek, die sich besonders um neue Unterrichtsformen in AGs und Klassenfahrten bemühten.

Willy Brandt übte Demokratie in Kinder-Feriencamps

Kurt Löwensteins großes Ziel war, eine „Reformschule für die werdende Gesellschaft“ in der neuen Republik zu schaffen, die für ihn ohne Zweifel eine sozialistische sein würde, in der Gerechtigkeit das Maß aller Dinge sein sollte. Die Nazis hatten die Gefährlichkeit seiner Ideen für ihre Ziele begriffen, und so sollte er persönlich zu Fall gebracht werden.

Der 1885 geborene Löwenstein, jüdischer Herkunft und zunächst eine Ausbildung zum (orthodoxen) Rabbiner wählend, erkannte während des Studiums die Macht der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Notwendigkeit, verändernd einzugreifen. Er distanzierte sich vom Judentum und wandte sich zunächst aus lebensreformerischer Perspektive Bildungsfragen zu, wurde jedoch nicht zuletzt durch die sozialen Konflikte und die Erfahrung des 1. Weltkriegs Sozialist und Pazifist. Begeistert von der Idee des Räte-Systems engagierte er sich in der USPD und zog für diese 1920 in den Reichstag ein. Auch nach der Vereinigung mit der SPD blieb er bildungspolitischer Sprecher. Gleichzeitig gründete er mit Gleichgesinnten nicht zuletzt aus Österreich die „Kinderfreunde“. Sie sahen, anders als die Jugendbewegung, die Bedeutung politischer Bildung und Erkämpfung von Kinderrechten als Voraussetzung einer (selbstverständlich sozialistischen) Gesellschaft der Zukunft an. Praktiziert wurde dies insbesondere in den Ferien-Kinderrepubliken, in denen z.B. auch Willy Brandt erste politische Erfahrungen machte. Zu großen Feriencamps kamen Falken-Kinder (Kinder und Jugendorganisation der SPD) aus dem ganzen Land und darüber hinaus zusammen, um die „res publica“ zu erproben und selbstverwaltete Demokratie zu praktizieren.

Kurt Löwenstein und seine „Kinderfreunde“: politische Bildung und Erkämpfung von Kinderrechten als Voraussetzung einer Gesellschaft der Zukunft

Kurt Löwenstein stützte sich auf vier Pfeiler: seine pädagogische Überzeugung einer Erziehung in Chancengleichheit und Solidarität mit dem Fernziel einer neuen sozialistischen Gesellschaft, seine Arbeit als geschickter, pragmatischer Bildungspolitiker im Reichstag, die die Rahmenbedingungen und Grundlagen für eine neue Schule in Deutschland schaffen sollte, seine Neuköllner politische Realität, die ihm seine erfolgreichen Experimente deshalb ermöglichte, weil es ihm fast immer gelang, die ganze Linke, d.h. KPD und SPD, hinter sich zu bekommen, und seine „Kinderfreunde“, die die Zukunft aufleuchten ließen.

Bert Brecht zu Gast in der Karl-Marx-Schule

Die Kinderfreunde-Republiken waren Löwensteins Herzensangelegenheit, er liebte es, vor Ort, zwischen den Kindern, dabei zu sein. Doch auch in Berlin und in Neukölln war er nicht nur im Reichstag oder im Rathaus unterwegs. Denn er wollte sehr genau über die Realitäten Bescheid wissen – und über die Kinder und Jugendlichen. So erzählte mir eine alte Dame aus der Hufeisensiedlung, wie sie als Schulmädchen Löwenstein bei einem seiner Besuche der Rütlischule aufgefallen sei. Dass sie auf eine Erzieherinnenschule gehen wollte, gefiel ihm, aber ihr fehlten die schulischen Voraussetzungen. Ein Jahr lang bestellte er sie einmal in der Woche abends zu sich nachhause und lernte mit ihr Mathe und Physik. Sie bestand ihre Nachprüfung. Es ging nicht nur ums Prinzip und um Politik, es ging ihm um Menschen.

Die schulpolitischen Vorstellungen Löwensteins konzentrierten sich in dem Projekt „Einheitsschule“, die vom Kindergarten bis zur Universität führen sollte: nicht als verpflichtender Weg, denn auch der Weg zum qualifizierten Facharbeiter sollte darin gangbar sein, aber als möglicher. Deshalb sollte der Übergang zwischen den verschiedenen Stufen möglichst bruchlos sein – und dies natürlich für alle Kinder aller sozialen Herkünfte. Zusammen mit dem Reformpädagogen Fritz Karsen, auch dieser jüdischer Herkunft und sozialistischer Überzeugung, entwickelte er aus dem ehemaligen Kaiser-Friedrich-Realgymnasium an der Sonnenallee die berühmte „Karl-Marx-Schule“ (heute: Ernst Abbe-Schule), an die man auch nach der 7. Grundschulklasse – gefördert in Aufbauklassen – wechseln konnte und die in Lehrplan wie in Lernformen die sozialen Erfahrungen der Neuköllner Arbeiterkinder einzubeziehen versuchte. Diese Schule wurde innerhalb von Berlin zum Sehnsuchtsort linker intellektueller Eltern, die versuchten, ihre Kinder dort einzuschulen. Das Niveau der Schule war so attraktiv, dass Bert Brecht mit dem Entwurf seines Lehrstücks „Der Ja-Sager“ ankam und die Karl-Marx-Schüler um ihre Meinung bat. Nach heftiger Diskussion verwarfen die Schüler den Brecht-Text, bei dem sie den kämpferischen Impetus vermissten. Brecht ergänzte seinen Entwurf um den „Nein-Sager“.

Ganz anders das Konzept der Rütli-Schule, einer riesigen Grundschule. Unter ihrem Leiter Fritz Hoffmann entwickelte sie sich zu einer – in heutigen Termini – „Kulturschule“, in der Singen, Erlebnisaufsätze, gemeinsames Agieren eine besondere Rolle spielten. Aus ihr ging die heutige Musikschule hervor, damals mit einem ganz besonderen Profil, das „bildungsferne Kinder“, aber auch besondere Lehrer anlocken sollte. Beides gelang. So unterrichtete dort jahrelang Paul Hindemith Tonsatz.

Schularchitektur als Spiegel des Einheitsschulmodells

Die Neuköllner Krönung Löwensteins neuer Bildungslandschaft sollte ein riesiger Schulkomplex (für 2.500 – 3.000 Schüler) am Dammweg werden. Die Planungen übernahm Bruno Taut (Architekt der Hufeisensiedlung, auch seine Töchter besuchten die Karl-Marx-Schule). Löwenstein gelang es, den Taut’schen Entwurf auf allen Ebenen – von Preußen bis Neukölln – als Modell abgesegnet zu bekommen. Das in Neukölln entwickelte Einheitsschulmodell sollte seine Gebäudeform finden: „Der Bau soll das gutsitzende Kleid des neuen schulischen Programms sein. Seine Disposition, seine Raumfolgen und schließlich seine Erscheinung sollen die passende Hülle für das pädagogische Leben sein und einzig und allein daraus ihre Formen herleiten“, erläuterte Bruno Taut. Alles war beschlossen. Um mit neuer Bautechnologie keine bösen Überraschungen zu erleben, wurde zunächst 1928 ein kleiner Probebau (er steht noch heute) errichtet. Und dann kam, gerade als gebaut werden sollte, die Weltwirtschaftskrise, und alle Schulneubauten in Berlin wurden abgeblasen, auch die Schule am Dammweg.

Dies wurde nicht die einzige schwierige Situation für Kurt Löwenstein. 1930/31 brachen nach der Weltwirtschaftskrise aufgrund heftiger Sparmaßnahmen Schulstreiks aus, die im hoch politisierten Neukölln besonders heftig ausfielen. Schüler wie Eltern gingen auf die Straße. Hatte Löwenstein lange Verständnis für die Protestierenden und billigte streikenden Eltern den Protest zu (aber nicht Kindern!), verloren die Auseinandersetzungen jedoch nach und nach den Schulbezug. KPD und SPD prallten aufeinander, die Konflikte der späten Weimarer Republik waren auch in Neukölln angekommen. Löwensteins Neuköllner Basis geriet so ins Wanken, und damit war ein bemerkenswertes und national hochgeachtetes Zentrum pädagogischer und schulorganisatorischer Reformen gefährdet.

Auslöschung der Erziehungskonzepte Löwensteins

Für die politisch Rechten war Dr. Löwenstein der „Schulbolschewist von Berlin-Neukölln“. Bereits 1931 hatte ein Nazi-Lehrerführer gedroht, Leute wie Löwenstein würden „im Dritten Reich erschossen und gehenkt“.

Der Überfall auf Löwenstein auf dem Titel der „Vorwärts“ am 27.02.1933

Sehr bald nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde es ernst für Löwenstein und seine Familie. Sein Sohn Dyno erinnerte sich: „Am 27. Februar 1933 brachen uniformierte SA-Truppen in unsere Neuköllner Wohnung ein. Sie verwüsteten das Arbeitszimmer Kurts, richteten eine Menge Unordnung an und schossen durch die Türen in unsere Schlafzimmer. Der von Nachbarn alarmierten Berliner Polizei gelang es nach einiger Zeit, die SA-Leute behutsam aus der Wohnung zu entfernen. Dadurch war es uns möglich, unbeschadet aus der zerstörten Wohnung zu entkommen. Am nächsten Abend brannte der Reichstag – und nirgendwo gab es Zeichen, dass die große und noch so mächtige deutsche Arbeiterbewegung Widerstand leisten konnte und wollte. So verließ Kurt sein Heimatland.“ Die Nazis versuchten, Kurt Löwensteins Erziehungskonzepte und Schulpolitik so komplett wie möglich auszulöschen. Die meisten seiner Mitstreiter wurden aus dem Schuldienst entfernt, mussten ins Exil oder wurden umgebracht.

Am 8. Mai 1939, in Paris, starb Kurt Löwenstein, der immer wieder versucht hatte, aus dem Exil heraus Widerstand gegen die Faschisten anzustiften.

 

Nachtrag:

Nach 1945 versuchten überzeugte Löwenstein-Freunde und Kollegen, an dem sehr dünn gewordenen Faden von 1933 anzuknüpfen: Erziehung für eine neue Demokratie war notwendiger denn je.

Einige von ihnen waren am Aufbau des Schulwesens der späteren DDR beteiligt. Andere versuchten dies im Westteil der Stadt, in der Wissenschaft wie in der Schulpraxis. Sie gründeten in Neukölln die Britzer Fritz-Karsen-Schule, die bis heute am ehesten das Erbe Kurt Löwensteins repräsentiert, wenn auch kräftig verbeult durch jahrzehntelang immer aufs Neue verfehlende Berliner Schulpolitik. Die Walter-Gropiusschule in der Gropiusstadt ist ebenfalls ein Versuch, an die Löwenstein-/ Taut-Experimente anzuknüpfen. Spurenelemente von Kurt Löwensteins Ideen durchsetzen bis heute Schulreformen und bewahren die große Idee einer Schule, in der man mitten im Leben fürs Leben lernt.

 

Quellen:
Gerald Betz u.a.: Wie das Leben lernen… Kurt Löwensteins Entwurf einer sozialistischen Erziehung. Berlin 1985
Gerd Radde, Werner Korthaase u.a.: Schulreform – Kontinuitäten und Brüche. Das Versuchsfeld Berlin-Neukölln. Opladen 1993 (Begleitpublikation einer Ausstellung des Museums Neukölln)

Fotorechte:
Museum Neukölln (1, 3)
Archiv der Arbeiterjugendbewegung: archiv@arbeiterjugend.de (2)

 

Dieser Text erschien erstemals im Juli 2013 auf neukoellner.net.

Er ist der vierte Teil der Porträt-Serie „(Zerstörte) Vielfalt in Neukölln“ in der Dorothea Kolland, ehemalige Kulturamtsleiterin in Neukölln, einerseits an Menschen erinnert, die von den Nazis umgebracht oder vertrieben wurden. Darüber hinaus stellt sie Neuköllner vor, die für die Potenziale der Verschiedenheit und Vielfalt im Bezirk stehen. „Lebende Argumente gegen Heinz Buschkowsky“, nennt sie Dorothea Kolland selbst.

Hier entlang zum ersten, zweiten und dritten Teil der Serie auf neukoellner.net.

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Ein Kommentar:

  • Richard sagt:

    Als Leser und Begleiter dieser wertvollen Seiten stellen sich mir zwei Fragen:

    1. Warum ist Fritz Karsen jüdischer Herkunft und was soll dies bedeuten, wenn dessen Vater, der Breslauer Studienrat sowohl den Namen als auch die Religion seines Sohnes geändert hat und ihn evangelisch taufen und erziehen ließ? Wir sollten m.E. die Wirkmächtigkeit der NS-Rassengesetze nicht auch noch rückwirkend auf Preußen und Disssidenten anwenden! Das Museum Neukölln bezeichnet sogar Mühsam auf Plakaten als jüdischen Dichter!

    2. Spätestens heute, nach der Britzer Ausstellung im Museum Neukölln, die noch zu sehen ist, müssen wir die mächtige Rolle der KPD im Bezirk und deren Bezüge und Abhängigkeiten vom Moskauer Bolschwismus -und das nicht erst seit 1929 – deutlicher wahrnehmen. Löwenstein und Wittbrodt bemühten sich teilweise erfolgreich um eine einheitliche Schulpolitik. Das ist richtig. Doch die Macht der kommunistischen Elternvertreter zum Beispiel an der Rütli-Schule Wittbrodts „vergiftete“ schon über Jahre den Schulalltag bis hin zum Schülerausspruch, dass der Lehrer ihm nichts zu sagen habe, weil er „Sozialfaschist“ (SPD-Mitglied) sei. Das Parteischicksal des gleich nach seiner Wahl in den Reichtag 1928 intern entmachteten Neuköllner KPD-Reichtagsabgeordneten Blenkle kann uns erhellende Antworten zur nur als Unterwerfung zu bezeichnenden Haltung Thälmann gegenüber Moskau geben. Beispiel für Konflikte, die in Neukölln nicht steuerbar waren.

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