von am 23. Juli 2015

Fall die Tonne, Foto: Anke Hohmeister

Foto: Anke Hohmeister

Multikulti ist toll, Multikulti ist in Gefahr, Multikulti ist gescheitert, eine Bereicherung, eine Herausforderung. Multikulti ist tot. Ein Plädoyer gegen ein Wort, das ein längst veraltetes Kulturkonzept noch immer hinter sich herschleift.

Fragt man Neuköllns Bewohner nach den positiven und negativen Seiten ihres Bezirks, treten die unterschiedlichsten Liebesgeständnisse und Hassbekundungen zutage. Von der florierenden Kneipenszene auf der Pro- und den vollgeschissenen Gentrifizierungsgehwegen auf der Kontraseite. Doch ein Begriff fällt nahezu bei jedem, den man nach seinem Bezirk Neukölln fragt: Multikulti. Die Begründungen sind vielfältig. Den einen sind die günstigen und vielfältigen Essensangebote in seinem Kiez ein Gaumenschmaus: Er lobt und genießt Speis und Trank, der kulinarische Multikulti-Verfechter. Den anderen sind es in den letzten Jahren dann doch ein paar Ausländer zuviel geworden. In diesem Fall wird Multikulti als Kampfbegriff verstanden, der eine fehlgeschlagene Integrationspolitik beschreibt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert multikulturelle Gesellschaften als Staatsvolk, welches aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen besteht. Die Identität des Staatsvolks ist durch eine einheitliche Sprache sowie durch homogene Kulturen und Traditionen gekennzeichnet. Verschiedene Bevölkerungsgruppen, die in einer homogenen Kultur leben? Die wissenschaftliche Geschäftsführerin des Berliner Instituts für Integrations- und Migrationsforschung Dr. Sina Arnold hat ein Problem mit dieser Definition. „Multikulti ist ein sehr schwieriger Begriff“, findet die Sozialwissenschaftlerin. „Redet man von Multikulti wird von einem Kulturkonzept ausgegangen, welches Kultur als ethnonationale Gemeinschaft versteht. Gerade in Neukölln muss man allerdings feststellen, dass sich die Migrationsgeschichten flexibilisieren.“ Arnold meint, dass Multikulti immer den Prozess der Anpassung verschiedener Bevölkerungsgruppen an eine homogene Mehrheitsgesellschaft impliziere. „Doch diese homogene Mehrheitsgesellschaft entspricht nicht der Realität, in der wir leben.“

Multikulti-Karneval

Multikulti wird oftmals als etwas Positives beschrieben. Wozu führt die Verwendung des Begriffs? Ein populäres Berliner Stadtfest dient als Beispiel: Deutschlands Hauptstadt schmückt sich gerne mit dem Karneval der Kulturen. Ein Fest, auf dem Menschen unterschiedlichster Herkunft sich und ihr Land präsentieren. Dr. Hannah Tzuberi, Sprecherin der Neuköllner „Salaam Schalom Initiative„, kritisiert die Rollenverteilung, die bei einer solchen Veranstaltung ein falsches Bild von jedem Einzelnen vermittelt. „Das bunte Miteinander wird als Bereicherung empfunden. Daran ist per se nichts Schlechtes, jedoch bricht diese Art Multikulti-Diskurs nicht aus einem Schema, in dem eine weiße, christlich sozialisierte Mehrheitsgesellschaft ‚den Anderen‘ toleriert. Die Kleidung der ‚anderen‘ ist ein Kostüm, ‚wir‘ bleiben als Betrachter am Rande stehen und formen die ’neutrale Masse‘ – nur, dass ‚wir‘ eben nicht eine neutrale Masse sind“, erklärt die Islamwissenschaftlerin und Judaistin. So homogen, wie sich die Brasilianer, Russen und Libanesen auf dem Karneval der Kulturen darstellen, sind sie nicht zu begreifen. Ebenso wenig, wie sich auch die jubelnden Besucher der homogenen Mehrheitsgesellschaft nicht durch die beiden Worte christlich und deutsch zusammenfassen ließen.

Man stelle sich einen Karneval der Kulturen vor, bei dem jeder Mensch, der an einer Parade teilnimmt und Essen verkauft, die Sneakers, die er sonst trägt, anbehält und anstatt der indischen Samosas denselben McChicken isst wie jeden Samstag. Es wären wohl alle Gäste maßlos enttäuscht. Stereotype sind nicht das, was wir tagtäglich sehen, sondern das, was wir sehen wollen. Doch wie würde man den Karneval der Kulturen beschreiben, wenn nicht mit dem vielseitigen Wort Multikulti?

„Ich habe das Wort Multikulti noch nie benutzt“

Armeghan Taheri ist die Koordinatorin der Öffentlichkeitsarbeit in der Initiative Salaam-Schalom und kam, wie sie sagt, noch nie in die Verlegenheit, das Wort Multikulti sagen zu müssen. In einer Initiative, die sich mit kulturellem Austausch befasst, könnte man meinen, dass das Wort Multikulti häufig verwendet wird. Doch Taheri ist da anderer Meinung:

„Ich habe noch nie das Wort Multikulti benutzt. Nicht weil ich denke, es ist negativ oder positiv behaftet, sondern weil dieser Begriff mit Fragen verbunden ist, die man sich stellen sollte. 1. Wer bestimmt was Multikulti ist? 2. Wo fängt es an? 3. Wo hört es auf? Multikulti geht immer von derselben Wahrnehmung aus. Wir sind wir und ihr seid ihr. Es ist immer eine abgrenzende Identität da, ob man es nun positiv beschreibt oder nicht.“

Als Masterstudentin des internationalen Rechts und der Menschenrechte weiß sie um die identitätsstiftende Wirkung von Kultur und ergänzt: „Es geht uns nicht darum, Menschen losgekoppelt von ihrer Kultur zu betrachten. Denn dann kann man Diskriminierungen und Kulturrassismus nicht kenntlich machen.“ Taheri meint, der Mensch sei immer im Kontext seiner Kultur zu verstehen, aber nicht im Sinne von Multikulti, nicht im Sinne der Mehrheitsgesellschaft.

Die drei Frauen sind sich einig, dass Multikulti einen Zustand beschreibt, der nicht unsere Lebensrealität widerspiegelt. Nicht in Neukölln und auch nicht in Deutschland. Es gibt keine homogene, neutrale Mehrheitsgesellschaft, der man sich anpassen könnte. Welche Mehrheitsgesellschaft sollte das in Deutschland sein? „Ein Fünftel der in Deutschland lebenden Menschen hat einen Migrationshintergrund“, erklärt Sina Arnold. „Viele Menschen mit deutschem Pass fühlen sich als Ausländer und viele Ausländer ohne deutschen Pass fühlen sich als Deutsche. Die Gesellschaft ist heterogen, und sehr ausdifferenziert.“ Armeghan Taheri und Hannah Tzuberi fordern aus diesem Grunde vor allem eines: Die Heterogenität in der Gesellschaft muss in Politik und Medien abgebildet werden. „In der Öffentlichkeit ist Unterschiedlichkeit schon immer Alltag gewesen. Es ist nur auch wichtig, diese zu benennen und kenntlich zu machen, damit unterschiedliche Menschen ihre Representation erfahren“, sagt Taheri.

Die Illusion der ethnisch-nationalen Homogenität

„War ethnisch nationale Homogenität denn nicht schon immer eine Illusion?“, fragt Sina Arnold und erklärt in Bezug auf die Aussagen von Neuköllns Exbürgermeister Heinz Buschkowsky: „Multikulti ist tot, aber nur weil es Multikulti noch nie gab.“ Ohne eine homogene Mehrheitsgesellschaft sei der Begriff Multikulti obsolet. Armeghan Taheri gibt zu, dass sie keinen Ersatzbegriff für das Wort Multikulti hat. Doch braucht man einen Ersatzbegriff für einen Zustand, der nicht die Realität widerspiegelt?

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