von am 24. Oktober 2013

IMG_5600Nach einem friedlichen Auftakt in der Moschee sollte über sozialverträgliche Aufwertung im Schillerkiez diskutiert werden. Letztendlich wurde nur geschrien. Zu Gast bei der „Woche des Besuchs“.

Text: Max Büch / Elisa Heidenreich

Eines wird schnell klar an diesem Abend: hier geht es um ein existenzielles Problem. Ein Problem, das alle Anwesenden etwas angeht und derart dringlich ist im Kiez, dass es die Gemüter schnell zum Überkochen bringt: die Mietentwicklung im Kiez. „Uns steht das Wasser bis zum Hals“, kommentiert ein Mann mittleren Alters aus dem Publikum die derzeitige Lage seiner Familie und bringt auf den Punkt, was viele hier denken und spüren: Existenzängste. „Ein Abend zum Mitreden“ – dazu war geladen worden. Doch an ein Miteinander ist beim besten Willen nicht zu denken. Es herrscht ein wüstes Gegeneinander, bestenfalls redet man an einander vorbei. Willkommen zur „Woche des Besuchs“.

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Auftakt der „Woche des Besuchs“ in der Şehitlik-Moschee

Dabei hatte alles ganz friedlich angefangen – die Woche zumindest. Zum Auftakt der „Woche des Besuchs“ im Schillerkiez hatte die Şehitlik-Moschee am Columbiadamm diesen Montag alle Interessierten zu einer Führung, Tee und Gebäck geladen. Erschienen war auch Ali, 48, aus Nürnberg, der jedoch 45 Jahre in Berlin-Wedding gelebt hat. Für seinen Urlaub in Berlin nutzt er die Zeit, um mit einem Freund eine seiner liebsten Moscheen zu besuchen: „Früher wurden hier auf dem Gelände Diplomaten und ihre Angehörigen begraben. Şehitlik heißt Friedhof“, erklärt er. Ein junges Paar aus Neukölln steht auf dem grünen Teppich in der Moschee und staunt über die beeindruckende Architektur der Moschee. Auf Socken, denn Schuhe müssen selbstverständlich vor Betreten der Moschee ausgezogen werden.

Vom 21. bis zum 27. Oktober 2013 sind die Bewohner des Schillerkiezes eingeladen, einander besser kennen zu lernen. Ziel der Veranstaltungreihe: die Anwohner verschiedener Kulturen und Konfessionen zusammenzubringen, Initiativen und Vereine vorzustellen. Die Woche findet zum dritten Mal statt und wird federführend von Socius Organisationsberatung gGmbH und dem ansässigen Quartiersmanagement in Zusammenarbeit mit 20 Vereinen, Initiativen und Religionsgemeinschaften organisiert.

Einen Tag später, am Dienstag, stand die nächste Veranstaltung auf dem Programm: Eine Diskussionsrunde in der Genezareth-Kirche mit dem Thema „Aufwertung für alle – Geht das?“. Und damit hörte der Frieden auch schon wieder auf. Für eine Gesprächsrunde relativ gut besucht, haben sich rund 70 Interessierte eingefunden, um über die im Schillerkiez rasante Entwicklung des Quartiers zu sprechen – allem voran über die exorbitanten Mietsteigerungen, die seit wenigen Jahren hier für alle zu spüren sind.

Miteinander reden – geht das?

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„Stop Zwangsräumungen“ – mehr ist von der Agenda nicht zu verstehen.

Bevor der Moderator auch nur ansetzen kann, das Podium vorzustellen, beginnt eine Gruppe von etwa zehn jungen Leuten, die sich hinter einem Schild mit der Aufschrift „Stop Zwangsräumungen“ gruppiert haben, das Wort an sich zu reißen und ihre Meinung unter gegenseitigen Klatsch- und Jubelbekundungen lautstark kundzutun. Nach einer Weile Meinungsäußerung – mehr ist akustisch nicht zu verstehen – wird immerhin erkennbar, dass sie das Thema für eine Farce halten, „geht das?“ mit nein beantworten und dem Podiumsgast Ingo Malter, Geschäftsführer von der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, nicht unbedingt wohlgesonnen sind.

Mit einiger Mühe und Not gelingt es dem Moderator schließlich doch, seine Gesprächsrunde vorzustellen. Dagmar Wischner von der Bürgerhilfe Kultur des Helfens gGmbH konstatiert beispielsweise, dass aus der Erfahrung mit den Obdach- und Arbeitssuchenden, die sie betreut, durchaus festzustellen sei, dass Wohnungen viel schneller und kompromissloser geräumt würden als früher. Heike Thomas vom Bündnis für Bezahlbare Mieten Neukölln stellt fest, dass die Politik gefragt sei und die Mietproblematik für viele eine „existenzielle Bedrohung“ darstelle. Bald geht das Gebrüll wieder los, Ingo Malter solle sein Gehalt als Geschäftsführer nennen – die ersten Besucher verlassen den Saal.

Der nächste Meinungsdiktator meldet sich zu Wort, beginnt mit einer Kritik an der Wahl einer Kirche als Austragungsort – das trifft es wohl am ehesten –, geht von wilden Unterstellungen über zu Beleidigungen und möchte dann das Mikrofon nicht mehr abgeben, als man ihm den Saft abdreht. Und erst, als sich endlich jemand zu Wort meldet, dessen Meinung ihm genehm erscheint, ist er bereit sein Zepter zu teilen.

Verpasste Chance

Miteinander reden – geht das? Ja, aber nur in der Pause und nach der Diskussion.

Man kann die Wahl der Kirche ja durchaus kritisieren. Nur hat das mit Migrationshintergrund wenig zu schaffen, sondern mit der jeweiligen Einstellung zu Religion. Man kann übertrieben finden, dass der Geschäftsführer einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft im Jahr 2012 inklusive Altersvorsorge, Prämien und Dienstwagen 221.660 Euro bezogen hat (Quelle: Stadt und Land), nur hat das mit dem Diskussionsthema nichts zu tun.

Dass sich im Publikum viele erhofft hatten, sich mit Gleichgesinnten austauschen und vernetzen zu können. Dass sich offenbar alle einig waren, man müsse an der jetzigen Situation etwas ändern. Dass die Mietpreisentwicklung für viele Anwohner untragbar geworden ist. Dass man über Dinge wie Milieuschutz sprechen müsste. Dass die Untätigkeit der Bezirksregierung den Eindruck erweckt, die Entwicklung werde billigend in Kauf genommen, weil sich mit den Steuern der Wohlhabenden ein Haushalt besser als mit Sozialhilfeempfängern sanieren lässt. Das kam zwar alles zur Sprache, aber gesprochen wurde darüber nicht.

Wie eine Anwohnerin zum Ende hin treffend bemerkte, haben die Schreihälse für sich nur das gleiche erreicht, was sie von sich gegeben haben: Antipathie.

Diesen Donnerstag wird zur Woche des Besuchs ein „Erzählcafé“ zum Thema „Herkunft – Ankunft – Zukunft“ angeboten.
18 – 20 Uhr im Café Jule, Kienitzer Straße 93
Zum gesamten Programm der Woche des Besuchs geht es hier entlang.

 

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