von am 24. August 2015

_37X5384„Gutes Konzept, drinnen wie draußen“: In der Böhmischen Straße entstehen schicke Eigentumswohnungen mit nachhaltigem Energiekonzept, Aufladestation für Elektrofahrzeuge und Urban Gardening. Doch der Kiez sträubt sich gewaltig. Statt nettem Nachbarschaftsfest gab’s vergangene Woche eine Demo á la Rixdorf.

Fotos: Emmanuele Contini

Neukölln braucht neuen Wohnraum – aber sollte er so aussehen? Die Möglichkeiten für Neubauprojekte im Norden des Bezirks sind rar gesät und die Sahnestückchen dementsprechend heiß umkämpft. Umso ärgerlicher ist es, wenn Grundstücke meistbietend verkauft werden, wie im Fall der Böhmischen Straße 53. Dafür bewarben sich unter anderem auch zwei soziale Projekte und der Kiez hätte sozialen Wohnungsbau stark befürwortet. Das 3.350 m² große Areal nahe dem Richardplatz ging schließlich an die Böhmische Straße 53 Projektentwicklungsgesellschaft, die hier drei Luxusbauten mit insgesamt 68 Eigentumswohnungen bauen wird. Die Preise: schlappe 2.750,00 € pro Quadratmeter, während der Durchschnittspreis derzeit bei 2.282 € liegt. Das Ganze läuft unter dem Projektnamen „Ahoj“ und wird auf der Website unter anderem mit den Worten beworben: „Freuen Sie sich auf vielfältige, moderne Wohnungen, die so bunt und individuell sind wie die Menschen, die hier leben. Und auf jede Menge Ideen für die Umwelt und ein gesundes Wohnklima.“

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So sollen die Neubauten in Roxdorf aussehen. Foto: Böhmische Straße 53 Projektentwicklungs GmbH & Co. KG

Um die Luxusbauten hochzuziehen, hat sich „Böhmische Straße 53“ noch zwei Partner mit ins Boot geholt – die urban space Immobilien Projektentwicklung GmbH aus Hamburg und den Berliner Projektentwickler Glockenweiss. Sie bauen Eigentumswohnungen im angesagten Neukölln, jedoch in der verwinkelten, schönen Ecke des Böhmischen Dorfes. Die Investoren treffen damit den Nerv der Zeit. Es wird an nichts gespart und man geht keine Kompromisse mehr ein. Im schönen Grünen wohnen, aber irgendwo am Stadtrand? Eben nicht. Mittendrin statt nur dabei lautet das Motto, und wer sich aufregt, kriegt erst mal ’ne Bratwurst.

Grillfest mit bisschen Diskussion

Die beworbene „gute Nachbarschaft“ sieht das anders und ist richtig sauer. Ahoj und Glockenweiss luden vergangene Woche zur Versöhnung mit einem Grillfest. Bierbänke und Catering auf der Baustelle ergänzt mit Wachschutz von der Berliner Polizei. Es fühlt sich kurz an, wie die Ruhe vor dem Sturm, dann versammeln sich schon die Nachbarn mit Bannern, Schildern und Trommeln. Allerdings wird ihnen der Eingang versperrt. „Wir sind doch eingeladen!“, schreien die Anwohner und ein Vater schiebt angriffslustig einem der Polizisten seinen Kinderwagen in die Hacken. Ein aufgeregter Verantwortlicher aus dem Team von urban space erklärt, das Fest sei nur für Leute, die direkt an der Baustelle wohnen. Wieder keine Sympathiepunkte gesammelt. Irgendwie schafft es die Menge dann doch, den Grillplatz zu erobern. Die Verantwortlichen des Projektes sind daran zu erkennen, dass sie sich in einem Pulk von Menschen um ihre eigene Achse drehen und mutig versuchen, sich den Anschuldigungen zu stellen. „Wir wollen keine bescheuerten Bonzen!“, blafft jemand. Projektleiter Mazen Touma entgegnet: „Das sind total nette Leute!“. Doch er bekommt die Antwort: „Total nette Bonzen, oder wie?“.

Die Anwohner „lassen sich nicht verkaufen“

Die Rixdorfer fragen sich, warum die Investoren so teuer bauen müssen. „Klar, sonst lässt sich ja nichts verdienen“, sagt ein verärgerter Nachbar. Seiner Meinung nach werben Ahoj und Co. mit den Strukturen im Kiez, die genau von den Leuten aufgebaut wurden, die jetzt verdrängt werden. „Wir können demonstrieren und zeigen, dass die betuchten Käufer hier unwillkommen sind. Es gibt regelmäßige Treffen der Kiezgemeinschaft, aber am längeren Hebel sitzen letztendlich die mit dem höchsten Gebot“.

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Unglücklich erzählt Projektleiter Mazen Touma: „Bisher hatten wir bei der Projektplanung Kontakt mit einem euphorischen Typ Mensch im Kiez“, so „down to earth“ eben mit einer „gesunden Einstellung zum Leben“. Oha. Er hätte ja nichts gegen geförderten Wohnungsbau, nur sei dieses Grundstück dafür zu teuer, erklärt er. Außerdem, hätten sie das Areal nicht gekauft, „dann wäre jemand anderes gekommen und hätte seinen kommerziellen Scheiß hier gemacht.“ Auf die viel diskutierte Frage, was denn nun die Gentrifizierung vorrantreibt, hat Touma direkt die Lösung parat. „Na Rixdorf ist einfach ein toller Stadtteil!“

Glockenweiss gibt sich gelassen

Andrea van der Bell ist Geschäftspartnerin im Unternehmen Glockenweiss. Auf ihrer Internetseite werben sie mit den Vorhaben, „Menschen zu helfen, sich den nachweislich steigenden Mieten durch Eigentumsbildung zu entziehen“. Auf die Frage, ob sie nicht eigentlich selbst gerade die Mieterhöhung mit voran treiben, antwortet van der Bell: „Wir werden hiermit ja nicht reich. Die Kalkulation zwischen Kaufpreis, Investition und Einnahmen ist knapp bemessen. Außerdem sind die Käufer aus der näheren Umgebung, aus Kreuzkölln zum Beispiel. Und diese Leute machen ja ihre Wohnungen frei.“ Dass die Mietverträge der freiwerdenden Wohnungen gekündigt werden und so neue Verträge entstehen, in denen wiedermal der Mietpreis steigt, interessiert sie wenig. „Es ist ja aber eine politische Frage und die würde uns nur dann etwas angehen, würde sie uns betreffen.“

Die ganze Situation eine Clown-Show

Ebenfalls zu Besuch auf der Demo: Eine Gruppe Clowns, von denen einer verlangt, „die neuen Nachbarn sollen sich doch mal zu erkennen geben“. Stille. Es werden Bratwürste mit Erde garniert und den Zuzüglern als „organic food“ angepriesen. Irgendwann wird es der Menge auf dem Grillfest zu bunt und ein großer Teil strömt in Richtung Straße. Dort duftet es schon ordentlich nach einem abgeladenen Berg Biomüll. Als könne die Situation nicht absurder werden, versperrt die Polizei nun den Ausgang. Da bleibt nur noch der Aufschrei „Freie Straße für Alle!“

 

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12 Kommentare:

  • Who knows sagt:

    Neidgesellschaft und Bigotterie. Ihr nervt mich so an mit Eurer Doppelmoral und der unablässlichen Kritik an guten Umständen anderer. Mit Ahoj ist niemandem etwas weggenommen worden. Warum zur Hölle sollen Grundstückbesitzer das Areal guten Projekte frei Haus zur Verfügung stellen? Keiner von Euch Demonstranten uns Gutmenschen (die dabei nur ihr eigenes
    gut sehen) würde eigenen Besitz für null Profit verkaufen. Niemand. Seid nett zu den neuen Nachbarn, sonst erschlagen die euch mit ihrem
    geld, das der kiez so gut gebrauchen kann.

  • Bla sagt:

    Menschen investieren in Neukölln. Das ist gut. Der Bezirk braucht das. Der Bezirk braucht auch endlich mal eine soziale Mischung. Und soziale Mischung ist nicht, wenn sich alle im Jobcenter wiedertreffen.

    Diese kleine Menge von Demotouristen steht nicht für Neukölln. Es sind rückwärtsgewandte Besitzstandswahrer, die es als ihr angeborenes (oder zugezogenes?) Recht sehen, allein darüber zu bestimmen, wer in der Innenstadt wohnen darf. Eine Frage, wer von denen schon einmal gegen Neubau innerhalb des S Bahn Ringes gestimmt hat, würde die ganze Bigotterie entlarven.

  • Jon sagt:

    Ist es ein Verbrechen, nach Neukölln zu ziehen? Woran erkennt man eigentlich eine Luxuswohnung? Auf den Bildern sind weder private Pools noch sonstiger Schnickschnack zu sehen. Eigentlich ist von den Kosten und Bauvorschriften her JEDE heute in Deutschland gebaute Wohnung Luxus. Und nun gibt es Leute, die sich diesen „Luxus“ nicht vom Staat subventionieren lassen, weil sie ihn selbst finanzieren können und wollen. Schlimm? 68 Wohnparteien drängen so NICHT auf den engen Neuköllner Mietwohnungsmarkt. Und nicht jeder (auch Normalverdiener!), der sich angesichts niedriger Zinsen auf eigenes Risiko den Erwerb von Wohneigentum zutraut, muss deshalb zwangsläufig ein Bonzenschwein sein! Fazit: Man sollte doch die Kirche im (Böhmischen) Dorf lassen!

  • Bonzen-Kurt sagt:

    Wenn man diesen „ausgewogenen“ Text über unbekannte „Bonzen“ liest, muss man wirklich den Eindruck gewinnen, dass zwischen „Rixdorf soll Rixdorf bleiben!“ und „Heidenau soll Heidenau bleiben!“ nur noch ein allenfalls gradueller Unterschied besteht.

  • Mike sagt:

    Der Kommentar von „Bla“ ist super und dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen. Der Kommentar hat meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf getroffen. Ach ja: ich gehöre zufällig auch zu den vermeintlichen „Bonzen“ und ich freue ich schon riesig auf die Wohnung, die ich mir als echter Normalverdiener erwerbe.

  • Rix sagt:

    Natürlich macht es keinen Sinn, irgendjemanden auszugrenzen. Ich verstehe allerdings die Emotionalität derer , die sich „im jobcenter wiedertreffen“ und beoabachten wie sich ihr Kiez verändert.

  • Bla sagt:

    Lieber Rix, zwischen Emotionalität verstehen und Menschen aus dem Kiez vertreiben wollen, liegt irgendwo Heidenau. Diese Art von heimlicher Sympathie bringt Menschen dazu, andere Menschen abzuwerten und anzugreifen.

    Ja, der Kiez verändert sich. Gut so! Er muss sich verändern. Wer mit offenen Augen durch Neukölln geht, sieht das, riecht das, fühlt das. Die Neuköllner sind froh, dass sich etwas tut.

  • peter z. sagt:

    Sehe auch das Problem nicht. Im Vergleich zu anderen Bezirken sind die genannten Preise ok..

  • flippi sagt:

    schade, dass die millionen der lotto-stiftung für die alternativen hausprojekte nicht ausgereicht haben.

    ich frage mich jedoch, wie alle auf 2.750€/QM kommen?
    die kleinste erdgeschossbutze für knapp unter 4k? wie haben die projektentwickler nochmal kalkuliert?

    http://www.immobilienscout24.de/expose/84736954?ftc=5072&_s_cclid=1452973974

  • flipflop sagt:

    Wer wird denn hier verdrängt? Die Mieten im Richardkiez sind extrem niedrig, die Mieter werden vom Gesetz geschützt, keiner muss sich vor irgendetwas fürchten. Dass jedes Projekt, jede Wohnung, jeder Dachgeschossausbau von kruden Ideologen zur Stimmungsmache genutzt wird, ist sehr schade. Die Ausgrenzung erfolgt nicht durch neu hinzuziehende Rixdorfer, sondern durch euch, die Ihr alles, was euch unerreichbar erscheint, als kapitalistisches Teufelswerk betrachtet.

  • flipflop sagt:

    Kleiner Nachtrag: Unter 2.200 auf den quadratmeter zu bauen ist fast nicht mehr möglich. hinzu kommen die kosten für das grundstück, planungskosten, etc. das hat mittlerweile auch der senat eingesehen, der, seit er wieder etwas mehr baut, vor den gleichen problemen der privaten bauherren steht. Der Wunsch, etwas mit dem Projekt zu verdienen, ist genauso selbstverständlich wie berechtigt. Wenn also für 4.000 verkauft wird, bleiben vor Steuern vielleicht noch 1000/m² übrig.
    Ich denke, bei vielen (nicht allen) Gentrifizierungsdebatten, geht es nicht um die Sache selber, sondern um reine Ideologie. Das Projekt steht stellvertretend für das Ganze.Und der „Feind“ ist nicht die Immobilie oder der Besitzer, sondern die freie Marktwirtschaft. Man lege den ganz radikalen anheim, die Sprache zu dämpfen. Denn Parolengeschrei wie „haut ab“ grenzt stark an rechtes Gedankengut.

  • Spok sagt:

    Das die Mieten sich aber in Rixdorf innerhalb der letzten 2 Jahr um 55% erhöht haben, ist natürlich auch ein Problem der ständig neuen wachsenden „Luxus-Neubauten“.
    Nur neureiche Juppys oder deren verwöhnte erwachsenen Kinder ( die mitten auf dem Gehweg Kaffee trinken, Eis essen oder mit Kinderwagen oder ohne stehen, sitzen und anderen den Platz wegnehmen) können sich mittlerweile die Mieten in Rixdorf leisten. Glück hat nur, wer einen alten Mietvertrag hat. Alle Neuvermietungen sind doch kaum noch leistbar, für die „Ottonormalverbraucher“.
    Jeder soll ein Recht auf Eigentum haben, keine Frage, aber nicht auf Kosten anderer. Es ist ja nicht so. dass die direkten Nachbarn Vorteile von diesem Projekt haben. Im Gegenteil, Dreck,Lärm, bauliche Schäden in den Wohnungen, sind nur ein kleiner Teil. Wer wird z.B. die Straße wieder in Ordnung bringen, die durch den schweren LKW´S, Transporten usw. stark beschädigt worden sind. Die AHOJ-Truppe ? Ich glaube nicht. Die werden sich nach der Übergabe ganz schnell verdünnisieren und das nächste Projekt anfangen, irgendwo….
    Die neuen Mieter können sich schon auf ein enges Wohnkonzept freuen, wo man dem Nachbarn auf den Teller sehen kann, oder die Gespräche mit verfolgen kann. So großzügig gebaut, wie auf den Bildern ist es nicht.

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