von am 2. Juni 2014
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Zwei Kurzzeittouristinnen aus Thailand vor der Berliner Mauer. (Foto: alfaville)

„Refugees Welcome, Tourists piss off.“ Warum haben so viele Berliner Probleme mit Touristen? Und was wollen diese überhaupt hier? Die in Neukölln lebende Regisseurin Nana Rebhan geht in ihrer neuen Dokumentation Welcome Goodbye diesen Fragen nach.

Austin, Tourist aus den USA, steht bei Sonnenuntergang auf der Teerpappe eines Berliner Häuserdachs. Er schaut über die Stadt, dreht sich und nickt ein bisschen ungläubig – das ist er wohl, der Berlinmoment, nachdem hier derzeit so viele suchen.

Die in Neukölln lebende Regisseurin Nana A.T. Rebhan („Berlin:Hansenheide„) stellt in ihrer Dokumentation „Welcome Goodbye“ – in einem Interview auf neukoellner.net berichtete sie bereits von der Idee – zunächst die ganz einfache Frage, was denn überhaupt ein Tourist sei. Der Metropolenforscher Novy spricht von „Menschen, die sich temporär an einem Ort aufhalten“, der Neuköllner Szenekneipenbesitzer Merkle hält ihn für einen, der irgendwo hinfährt, „um ein paar Postkarten zu schicken, aber weiter von diesem Ort, an dem er sich aufhält, nichts wissen will“, für Mitte-Künstler Reiter ist er „ein Konsumsklave“ und für Ästhetik-Professor Bazon Brock „ein Weltenwanderer“, der dadurch, dass er Orte verknüpfe, versuche, Sinn zu stiften.

Rebhan fächert in ihrem Film ein aufschlussreiches und heterogenes Stimmenpanorama rund um den Unmut über wachsende Touristenströme in der deutschen Hauptstadt auf. Sie schickt Schauspieler Christian in den Ring, 1953 in Niedersachsen geboren, ein schon älter eingesessener Berliner, der dieses Unbehagen teilt. Die Zahlen, die eingeblendet werden – rund 11.800.000 Übernachten pro Jahr in 2003, bereits 16.950.000 in 2013 – untermauern sein Gefühl, die Berlinbesucher würden einfach immer mehr. Selbst seine Stammkneipe wäre jetzt so voll, dass er manchmal gar nicht mehr hereinkäme.

Schauspieler Christian übt sich als Fremdenführer in seiner Wahlheimat Berlin. (Foto: alfaville)

Schauspieler Christian übt sich als Fremdenführer in seiner Wahlheimat Berlin. (Foto: alfaville)

Die Kamera fängt ihn auf dem Potsdamer Platz ein. Wenn schon, dann möchte er auch von der Touristenschwemme profitieren, und versucht im Laufe des Films so einiges: spielt den Guide für zwei Thailänderinnen auf Stippvisite, lässt sich von Partytourist Paul im Tausch gegen den schönsten Sonnenuntergang der Stadt das Nachtleben zeigen, ist Location-Scout für einen mexikanischen Filmemacher und übergibt schließlich sein Leben – Wohung, Handy, Nachbarschaftskontakte und das Ehrenamt im Seniorenheim – an Austin (siehe oben!), der sozusagen embedded Berlin erleben darf.

Die Regisseurin bewegt sich durch die Stadt und an jene Orte, die für den Berlin-Tourismus stehen: neben Museumsinsel und Alexanderplatz auch zur Party-Meile um die Warschauer Brücke oder in den Görlitzer Park . Sie beobachtet und lässt erzählen. Kommentarfunktion übernehmen die Botschaften an den Häuserwänden: „Refugees welcome, Tourists piss off“, „Scheiß Spanikel“, „No more Rollkoffer“. Dass die Argumente der Kritiker der Tourismusentwicklung, die Rebhan interviewt, auch Löcher haben, ist ihnen selbst mal mehr, mal weniger bewusst. Denn hier wird etwas verteidigt, das niemandem gehört. Und dass dieser Protest auch xenophobe Züge hat, blitzt unausgesprochen immer wieder auf.

"No more Rollkoffer" - einer von vielen Touristen-feindlichen Tags auf Berliner Häuserwänden. (Foto: alfaville)

„No more Rollkoffer“ – einer von vielen Touristen-feindlichen Tags auf Berliner Häuserwänden. (Foto: alfaville)

Es ist ein Schicksal, weiß Bazon Brock, das – denken wir allein an Venedig – Berlin mit vielen Orten teilt: „Überall zerstört der Tourist das, was er sehen will.“ Und unweigerlich landet der Film bei dem am meisten diskutierten Dilemma unserer Zeit: der Gentrifizierung, die sich seit Jahren von Stadtteil zu Stadtteil frisst. Davon, so Tourismusmanager Kieker, könne Berlin aber noch gut und gerne 20 Jahre vertragen, da mache er sich keine großen Sorgen. Von der „Raw Energy“, so beschreibt er den Kern der Anziehung dieser Stadt, gebe es noch genug.

Nana A.T. Rebhan ist eine authentische, differenzierte und charmante Bestandsaufnahme der Diskussionen rund um die Veränderungen Berlins gelungen, einer Stadt, der die Seele verloren zu gehen scheint, weil jeder etwas davon abhaben möchte.

„Welcome Goodbye“ hatte am 29. Mai Premiere und ist im Moviemento (Kottbusser Damm 22) sowie im Kino Central (Rosenthaler Straße 39) zu sehen.

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