von am 25. November 2015

BulshitbildDie Kunstszene ist eine Welt für sich. Die hippen Anhänger der bildenden Kunst treffen sich regelmäßig auf Messen, um nicht nur die Werke, sondern vor allem auch sich selbst zu bewundern.

Foto: Katrin Friedmann

An einem beliebigen Tag in Neukölln klingelt das Handy. „Ich stelle bei einer Kunstmesse aus. Komm’ vorbei“, meldet sich ein alter Bekannter aus der Heimat, der hier Fabian heißen soll. Ich fahre auf dem Rad zu einer dieser ehemaligen Industriehallen, die von Eventagenturen und Investoren transformiert werden: in Clubs, Showrooms, und Experience Locations. Schwere Stahlkonstruktionen und verblassend roter Backstein lassen die Maloche des Industriezeitalters erahnen und kontrastieren die hippen Partys und coolen Fashion Shows. Anything goes. Nostalgische Authentizität verliert sich in der Austauchbarkeit postmoderner Events, die in Industrieruinen in Berlin, London und Detroit die zwischen Hedonismus und Langeweile schwankende Haltlosigkeit der Jungen und Kreativen rahmen.

Ausflug in eine andere Welt

Fabian spaziert aus einem Hallentor. Wir stammen aus derselben Gegend, doch mittlerweile wurde Fabian, der nebenbei studiert, durch seine Kunst „entdeckt“. Er stellt nun regelmäßig großformatige Werke aus und ist ein paar Tage in Berlin. Da ich die letzten Jahre im Elfenbeinturm eines britischen Colleges verbracht habe und neu in der Stadt bin, ist mir die Welt der Kunstmessen, Hipster und Kreativen noch fremd. Am Ende des Abends werde ich „arm candy“, Geld, und ganz viel Raumfleisch begegnet sein – und mich nach dem Elfenbeinturm zurücksehnen.

Trennelemente teilen den großen Halleninnenraum in Abschnitte nach Galerien. Bilder werden an großen Wänden positioniert, Objekte auf Sockeln arrangiert, Weinflaschen gekühlt. An einem meterlangen Tisch hat jemand ein Büffet nachgestellt, mit Speis und Trank aus Gummiattrappen. Nebenan hat ein Künstler eine kleine Stadt mit Wolkenkratzern, Straßen und Wohnhäusern aus Pappe und Papier gebastelt. Daneben ist ein Frauenkörper in einer Collage aus Pornobilderschnipseln auf einer Leinwand zusammengesetzt. Überlebensgroß und verrenkt, mit Vulva und Brustwarzen.

Du bist der Künstler?

„Hallo, hallo“, grüßt uns ein Mann, Typ Karl Lagerfeld. Er trägt einen eleganten Anzug, glänzende Schuhe und eine markante Brille mit dicken Rändern. Fabian hat uns noch nicht vorgestellt, als die schlanke Hand des Unbekannten in seine Innentasche schießt, um eine vornehme Visitenkarte hervorzuholen, die er mir mit Nachdruck in die Hand legt. Er besäße keinen Standardjob, erklärt er, da er das Glück habe, auch so komfortabel leben zu können und stattdessen seine Zeit einem internationalen Online-Magazin widmen könne. Er garniert sein deutsch mit englischen Floskeln („und ich war so busy diese Woche“), holt ein Smartphone hervor und scrollt die Website seines Magazins herunter. Er zeigt uns Artikel über internationale Politik, Lifestyle und schöne Menschen – eine verwirrende Melange. Viele Bilder. Anything goes. Als ein anderer Bekannter des Lebemannes ihn erkennt und seinerseits jemanden vorstellt, verabschieden wir uns. Aus dem Augenwinkel kann ich noch den zügigen Griff zum Visitenkartenreservoir ausmachen.

„Du bist der Künstler?“, spricht ein dicker Kerl Fabian an seinem Stand an. Dem Gast hat sich eine deutlich jüngere Frau untergehängt, die man in den USA wohl als „arm candy“ bezeichnen würde. Ihr Gesicht ist so ausdrucksvoll wie ein nasses Handtuch und das zerschnittene Kleid könnte man hier sicher auch als Kunst verkaufen. Fabian nickt. „Ganz toll! Großartig“, fährt der vorgebliche Experte fort. „Ich frage mich schon seit einiger Zeit, was das aussagen soll“, während er auf ein Werk deutet und über den schwarzen Rand seiner Brille lugt. Fabian nimmt einen großen Schluck Wein. Arm candy scheint sich hingegen nicht mit Interpretation befassen zu wollen und schaut gelangweilt in der Gegend umher. Ihr Blick bleibt an dem winzigen, panischen Hündchen einer Gleichgesinnten hängen, das wohl ihr Schicksal teilt.

Arm-Candy-Branche

Der Raum füllt sich und die Soziologie der Gäste lässt einen Trend erkennen: einerseits gutsituierte, ältere Männer, in Anzug und ohne Krawatte, mit identischen Brillengestellen; andererseits jüngere Frauen, die mit ausgefallenen Erscheinungen um eine Beschäftigung in der krisensicheren arm-candy-Branche buhlen. Die auffälligsten Accessoires sind große Katzenohren, die eine junge Brünette auf ihren Haarreif geklebt hat. Ich bin perplex, denn sie erinnern mich an meine Kindergartenzeit. Damals trug meine Schwester ein ähnliches Modell, allerdings mit Katzenschwanz und falschen Schnurhaaren zu Fasching. Anything goes.

Nach dem Empfang begeben sich die Gäste zur zweiten Event Location. In einem umgewidmeten DDR-Industriegebäude gibt es ein extravagantes Dinner für Künstler, Kontakte, potenzielle Käufer, Anhängsel. Die Galeristin torkelt mittlerweile betrunken um die Tische herum; der Abend verläuft wohl erfolgreich. Auf der einen Seite die Reichen dieser Gesellschaft, denen Investitionsmöglichkeiten abhanden kommen, da die Zentralbanken die Leitzinsen drücken. Nun sind es Immobilien, Gold, Antiquitäten und Kunst, in die ihr überflüssiges Kapital strömt. Auf der anderen Seite Künstler, die den Spagat zwischen Gesellschaftskritik und Verkaufbarkeit wagen müssen, was zu skurril-traurigen Szenen führt.

„Oh god, can zis get any vorse?“

Ich überhöre ein Gespräch. „Und was machst du so?“, wird ein älterer Mann gefragt. „Nichts. Ich bin einfach nur reich.“ Man lächelt etwas verkrampft; einige lästern über seine Großspurigkeit. Er legt noch schnell Visitenkarten ab, bevor er geht. Einige stecken sie verstohlen ein. Eine Künstlerin stellt ein Objekt aus, das an Flüchtlingsschicksale erinnert. Beschädigte Madonnenfiguren, ausgeblichene Spielkarten und Handfeuerwaffen, der Künstlerin von den Geschundenen der Welt geschenkt, baumeln neben beladenen Tellern und vollen Gläsern der Partygesellschaft. Es zeugt von der Menschlichkeit der Künstlerin, dass sie mit der Widersprüchlichkeit der Situation hadert und erklärt, sie könne ihr Werk nicht mehr verkaufen.

Etwas später stehe ich an einem Cocktailtisch mit Roland. Er ist mit einer Künstlerin verheiratet und regelmäßig bei solchen Veranstaltungen. Zu uns stellt sich eine junge Frau. Wir beginnen Smalltalk. „Ich bin Roland.“ „Franziska.“ So weit, so gut. „Und was bringt dich hierher?“, frage ich sie. „Das ist aber eine komische Frage.“ Ich stutze. „Na gut, also, was machst du denn so?“, versuche ich stattdessen. „Ich wohne in Berlin und München.“ Pause. „Und was machst du so, wenn du in München bist?“ „Ich gehe oft mit Freunden in die Berge.“ Wieder Pause. „Also,“ feuere ich aus den allerletzten Smalltalk-Rohren, „welche Filme magst du denn so?“ Franziska verzieht das Gesicht und antwortet plötzlich auf stark akzentuierten Englisch: „Oh God, can zis get any vorse?“ Ich verzweifle. „Also, vielleicht haben wir unterschiedliche Vorstellungen von Smalltalk“, erkläre ich, „aber es funktioniert nur, wenn beide Belanglosigkeiten austauschen und so tun, als ob sie das interessiert.“ „Das bringt hier nichts mehr. Schönen Abend“, sagt sie und verlässt uns.

Meat in the room

Ich schaue Roland verdutzt an. Er ist entspannt. „Habe ich etwas falsch gemacht?“, frage ich. „Keine Sorge“, beruhigt er, „die ist plemplem.“ Roland gibt sich versiert. „Die ist wohl Schauspielerin in einer Vorabendserie. Ich kannte die auch nicht, aber das sagte vorhin jemand. Die ist es gewohnt, dass Leute sagen: „Ach, bist du nicht DIE Franziska?!“ Du hast sie nicht erkannt. Dann hat sie ganz schnell deine Uhr und deine Klamotten abgecheckt und gesehen, dass du nicht reich bist. Deshalb das Desinteresse. Verschwende keinen Gedanken daran.“

„Aber weshalb ist sie dann überhaupt hier?“, hake ich nach. Roland lächelt väterlich. „Naja, die Galerie lädt B- oder C-Promis ein, die sich aus solchen Einladungen etwas machen. Richtige Stars kommen doch nicht. Dann steht in Zeitschriften, wer wo dabei war. Mit netten Fotos. Die sind halt einfach nur da. Du bist nicht oft bei solchen Veranstaltungen oder?“, fragt er lakonisch. Er kennt die Antwort. In England nennt man diese Leute „meat in the room“. Raumfleisch. Die sind einfach nur da.

„Why are you pissing at my door?!“

Der Abend schreitet fort. Einige verschwinden in ein nahegelegenes Atelier. Fabian ist gut drauf und macht Fortschritte bei einer Frau in rotem Kleid. Die ersten jonglieren Kokain auf ihrem Smartphone in das Badezimmer. Raumfleisch ist auch noch unterwegs. Ich fahre nach Hause. Die nassen Straßen glänzen im Laternenlicht. Nachdenklich komme ich in Nord-Neukölln an. In meine Straße eingebogen, bemerke ich einen zwielichtigen Typen, der sich am Hauseingang herumdrückt. „Was machst du da?“, rufe ich ihm zu. Er pinkelt gegen die Tür. „What?“, zischt er durch die Zähne. Er dreht den Kopf träge nach hinten. „Why are you pissing against my door?!“, heische ich ihn an. „Chill out“, besänftigt er, „this is Berlin. Anything goes.“

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Ein Kommentar:

  • Ute sagt:

    Entschuldigung, ich liebe Euch, aber das hier ist ein doofer Text. Auf der oberflächlichen Kunstszene rumzuhacken und Koks als Bild zu nehmen ist einfach nur doof, doof, doof. Und so alt. Auch dieses Rumfahren und immer nur die blöden Erlebnisse rauspicken, das gab es schon so oft, das ist so selbstgerecht und so: Gähn!

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