von am 9. Februar 2016
Eva_Wemme

Von der Übersetzerin zur Sprach- und Kulturvermittlerin: Eva Ruth Wemme, Foto: Nane Diehl

Kaum jemand hat mit den Roma gesprochen, doch alle meinen zu wissen, wer sie sind: Wirtschaftsflüchtlinge, Bettler, Sozialschmarotzer und Zigeuner sind nur einige der Bezeichnungen, die dann fallen. Die Autorin Eva Ruth Wemme hat den Kontakt zu den Roma gesucht und berichtet in ihrem Erzählband „Meine 7000 Nachbarn“ von deren Lebenswirklichkeit in Neukölln. Am Mittwochabend ist Wemme zu Gast im Cafékollektiv k-fetisch und stellt dort ihre Dokumentation vor.

Von Carina Stewen

Eva Ruth Wemme steht vor einem Hochbeet, in der einen Hand eine Harke, in der anderen Unkraut. Ein Mädchen schlendert mit einer Gießkanne über die Wiese, ein kleiner Junge stolpert ihr hinterher. „Das ist unser Garten“, sagt Wemme stolz, schaut lächelnd zu zwei Romnija (Roma-Frauen), die im Beet graben und zeigt auf die angepflanzten Kräuter, das Gemüse. Der Garten ist groß, ein wenig wild und ruhig, bis auf das Kinderlachen und die leisen Gespräche der Romnija.

Vorurteile hinterfragen statt nichts tun

Ruhig ist es im Leben von Eva Ruth Wemme ansonsten selten: Die 42-jährige arbeitet als Rümänisch-Übersetzerin. Als ihr die Welt der Literatur zu statisch wurde, schwang sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr los, um die kennenzulernen, von denen sie in der Zeitung gelesen hat: Roma, die Berlin angeblich zu überschwemmen drohten. Sie wusste nichts über diese Menschen und genau das veranlasste sie, Vorurteile zu hinterfragen, ihre rumänischen Sprachkenntnisse einzusetzen und sich ein eigenes Bild zu machen. Seither bestimmen die alltäglichen Probleme der Roma ihr Leben: Verarmung, Wohnungs-, Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Mit ihrem Buch „Meine 7000 Nachbarn“ lädt Wemme dazu ein, sie auf dem Weg von der Übersetzerin zur Sprach- und Kulturvermittlerin für Migranten zu begleiten und mit ihr die neuen Nachbarn kennenzulernen.

EvaRuthWemme_Buchcover_CopyrightNaneDiehlIhre 7000 Nachbarn, das sind rumänische Migranten, die für die meisten von uns unsichtbar bleiben. Wemme öffnet mit ihrem Erzählband ein Fenster in ihre Lebenswirklichkeit. Die Leser können sehen, was jedem verschlossen bleibt, der die Familien nicht kennt, die Sprache nicht spricht und keine Berührungspunkte zu den Roma hat. Dabei werden Individuen sichtbar und ihre Situation verständlich: Hier entstehen schnell Probleme, wenn etwa Rechnungen zu Mahnungen werden und diese dann zu Schuldenbergen anwachsen, weil die Roma ihre Post weder lesen noch verstehen können. Wemme übersetzt die unverstandenen Briefe, leiht den Roma ihre Stimme auf Ämtern, in Krankenhäusern und Banken. Sie fördert Kinder im Kita- und Vorschulalter, berät gemeinsam mit einer Hebamme Schwangere und Mütter mit ihren Säuglingen zu medizinischen Fragen, da diese ihre Ärzte nicht verstehen oder keine Krankenkasse haben. Und sie gibt Deutschkurse für Mütter und ihre Kinder, damit die Sprachbarrieren und Misstrauen überwunden werden können.

Einblick in fremde Lebensumstände

Heute kennt und versteht Eva Ruth Wemme die Roma. Wenn sie über ihre Ängste und Träume spricht, ist ihre Empathie deutlich spürbar. Sie leidet mit den Menschen und sie freut sich mit ihnen. Liebevoll beobachtet sie ihren Sohn, der mit seinem besten Freund spielt, einem kleinen Roma-Jungen. Wenn sie den Kindern im Garten etwas auf Rumänisch zuflüstert, wirkt das sehr vertraut, fast familiär. Das macht ihr Buch besonders, denn es ist weder Sachbuch noch Fiktion, sondern ein sehr persönlicher Einblick in die Arbeits- und Lebenswelt von Eva Ruth Wemme. Sie möchte niemanden bekehren. Denn Vorurteile und Haltungen auflösen, das könne das Buch allein nicht, sagt sie, das sei harte Arbeit.

Die Begleitung der Roma geht weit über das Übersetzen hinaus. Täglich bewegt sie sich zwischen der Banalität des Alltäglichen und dem Elend. Dass diese Arbeit herausfordert, sie an ihre persönlichen Grenzen bringt und auch häufig an den Rand der Verzweiflung, ist deutlich herauszuhören. Wemme wirkt aber trotzdem motiviert und berichtet begeistert von den Plänen, gemeinsam mit den Romnija einen Verein zu gründen. Sie wollen Kräuter und selbstgemachte Produkte aus dem Garten verkaufen. Die Romnija sollen sich ihrer selbst bewusst werden und lernen, Dinge zu produzieren, sich zu präsentieren und rauskommen aus dem bedrückenden Alltag. Denn bisher hat sich wenig verändert.

Ängste abbauen

Die meisten Familien bleiben unter sich, verlassen kaum ihre Wohnung. Sie fühlen sich dort sicher, haben Angst vor den Ämtern, den Vorurteilen, den Blicken der Nachbarn und davor, mit den anderen Roma verglichen zu werden, die auf den Straßen betteln. Die Familien verstecken das Elend hinter einer Fassade der Fröhlichkeit und Freundlichkeit. Sie verschweigen Probleme wie Schimmel an den Wänden oder ein Loch in der Wohnungsdecke, durch das es tropft, wenn der Nachbarn duscht. Sie haben Angst, ihre Wohnung zu verlieren, trauen den Behörden nicht und können sich nicht vorstellen, dass etwas an ihrer Lage verbessert werden kann. Die Situation in Neukölln ist kaum anders als in anderen Stadtteilen. Die Tatsache aber, dass die neue Bürgermeisterin, Dr. Franziska Giffey, den Roma gegenüber eine andere Einstellung vertritt als ihr Vorgänger, freut Wemme. Sie deutet es als Zeichen, dass es vorwärts geht.

„Meine 7000 Nachbarn“, erschienen im Verbrecher-Verlag (240 Seiten mit Abbildungen, 14,99 Euro). Autorin Eva Ruth Wemme und Denis Petrovic (Amaro Foro e.V.) sind am Mittwoch, 10. Februar, im Cafékollektiv k-fetisch,Wildenbruchstraße 86, zu Gast. Beginn: 20 Uhr, Moderation: Birgit Ziener.

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Ein Kommentar:

  • Bla sagt:

    Es ist toll, wenn sich jemand so für Menschen engagiert. Noch toller wäre es, wenn Menschen, die in Deutschland leben wollen, auch die Sprache lernen würden. Möglichkeiten dazu gibt es genug. Entweder vor dem Umzug in ein fremdes Land – so würde ich es machen – oder vor Ort.
    Bei allem Enthusiasmus und aller Nächstenliebe: Frau Wemme kann wohl kaum für alle Zuwanderer auf ewig da sein.

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