von am 7. April 2015

GeschichtenueberKARTOFFELN_halblila_02Oma ist die Beste, da sind wir uns sicherlich einig. Großmütter sind herzlich und eigensinnig, besitzen ganz spezielle Hobbys und haben in ihrem Leben naturgemäß eine Menge erlebt. Irina Marjell schreibt für uns regelmäßig Geschichten über ihre Oma aus Neukölln auf.

Collage: Katrin Friedmann

Die Nachbarn und die Waschmaschine

In das Haus, in dem meine Oma wohnt, sind neue Nachbarn eingezogen. Direkt in die Wohnung über ihr. Die Waschmaschine der neuen Nachbarn ist sehr laut. Vor allem um zwei Uhr nachts, findet meine Oma. Aber auch nachmittags tut die Maschine ihren Dienst, dass die Kaffeetassen nur so auf ihren Untertellern klappern. Meine Oma selbst wagt es nicht, sich bei den Nachbarn zu beschweren, ebenso wenig möchte sie, dass dies jemand anderes für sie tut. In solchen Momenten steht man als Enkel ein wenig ohnmächtig da. Denn anstatt das Problem zu lösen, die besagten Nachbarn um die Anschaffung der üblichen Schallschutzmatte für Neunneunzig vom Baumarkt und die Einhaltung der Ruhezeiten zu bitten, stellt meine Oma abenteuerliche Vermutungen an, was ihre Nachbarn zu nachtschlafender Stunde dazu veranlassen könnte Wäsche zu waschen. Während zahlreichen, schlaflosen Schleudergängen hat sie genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Mittlerweile ist sie sich sicher: Dort oben wird eine Wäscherei betrieben. Natürlich illegal! Auch werde die Heizung dort oben stärker beansprucht denn je, wie meine Oma durch fachmännisches Befühlen des Heizungsrohrs herausgefunden hatte, und was natürlich nichts weniger als die primitive Trocknung der Wäsche ihrer kriminellen Nachbarn bedeuten konnte.
Dass dies alles bloß pure Gedankenlosigkeit der jungen Studenten sein könnte, die dort eingezogen sind, das ist für meine Oma nicht vorstellbar und wäre ja auch allzu langweilig.

Die deutsche Kartoffel. Damals und heute.

Meine Oma meint, die Kartoffel von heute, das könne man schon so sagen, sei eine Scheißkartoffel. Wässrig, geschmacklos und einfach ganz anders als früher. Besonders, wenn es ums Essen geht, schwärmt meine Oma von Dingen, die es heute nicht mehr, oder nur noch sehr selten zu kaufen gibt. So wie ihre früher heiß geliebte Kartoffelsorte mit einer lila Schale und einem Innenleben „so gelb wie Eidotter“. Die Augen meiner Oma leuchten, um sich im nächsten Moment verärgert zusammenzukneifen. Denn niemand anderes als Adolf Hitler sei schuld daran, dass meiner Oma, und natürlich auch uns anderen, ein solcher Genuss heute verwehrt ist. Hitler habe zu seiner Zeit den Anbau von Kartoffelsorten, die nicht krebsfest waren, verboten. Nicht krebsfest, also nicht resistent gegen einen gewissen Pilz, der einem die Kartoffelernte zunichtemachen kann, sei wohl auch ihre Lieblingskartoffelsorte mit der lila Schale gewesen.
Die blumenkohlähnlichen Kartoffeltumore, die meine Oma lapidar nur als „solche Stellen“ bezeichnet, hätten ihrem persönlichen Kartoffelgenuss überhaupt keinen Abbruch getan. Umso ärgerlicher sei das Verbot gewesen, das den Niedergang der deutschen Kartoffel eingeleitet hätte.
Mit dem Verbot kam dann eine Sorte auf die Äcker, die den verheißungsvollen Namen „Böhms Ackersegen“ trägt und sich noch heute, zumindest im privaten Anbau, großer Beliebtheit erfreut. Selbst den feinen Gaumen meiner Oma konnte diese Kartoffel noch zufrieden stimmen.
Es ging also nicht gleich bergab mit der Kartoffel. Doch ein Blick in die Gemüseabteilungen der Supermärkte von heute offenbart und bestätigt den Verfall: Geschmacklose „Princesses“ und langweilige „Lindas“ warten dort auf den unwissenden Käufer, auf Menschen, die nicht die geringste Ahnung haben, wie eine Kartoffel schmecken könnte oder vielmehr sollte.
Das, was es heute für die breite Masse zu kaufen gebe, das hätten bei meiner Oma nicht einmal die Schweine zu futtern bekommen.
Damit ist eigentlich alles gesagt.
Auch wenn früher sicher nicht alles besser war, die Kartoffel war es bestimmt.

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