von am 9. Januar 2017

Der Körnerpark

Seit Franz Körner den Neuköllnern seinen Sommergarten stiftete und daraus 1916 der Körnerpark wurde, sind Besucher immer wieder fasziniert vom “Sanssouci Neuköllns“. 

Fotos: Museum Neukölln

Es ist ein besonders schönes Fleckchen Neukölln: der Körnerpark. Man kann sich die Hochzeitspaare vorstellen, wie sie sich förmlich um ihn reißen! Man muss aber nicht verliebt sein, um hier an der Balustrade zu lehnen, den Blick schweifen zu lassen über rosafarbene Rhododendren, Fontänen, den Wasserfall… und all das einfach nur herrlich zu finden.

Der private Sommergarten Franz Körners 1908

Der private Sommergarten Franz Körners um 1908.

Die Idee, hier einen Park hinzupflanzen, hatte nicht die Stadt, sondern ein Privatmann; Franz Körner legte 1890 in der stillgelegten Kiesgrube zwischen Jonas- und Schierker Straße, zunächst erstmal nur für sich, einen Garten mit Karpfenteich und Obstwiesen, Gemüsebeeten und Blumenfeldern, Skulpturen und Pavillons an. Der erfolgreiche Unternehmer muss eine Erscheinung im Arbeiterbezirk Neukölln gewesen sein, wie er da zwischen tristen Mietskasernen seinen Lustgarten enstehen ließ. Unbeliebt war er dennoch nicht. So übergab er seinen Arbeitern und Angestellten zu Weihnachten stets persönlich Geschenke und ließ die Kinder aus der Nachbarschaft regelmäßig Früchte von seinen Obstbäumen pflücken.

Es ist nicht überraschend, dass Körner 1910, einige Jahre vor seinem Tod, das Gelände seiner Kiesgrube der Stadt Rixdorf übereignete. Seine Bedingung: ein Volkspark solle darin entstehen. Und dieser seinen Namen tragen.

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Die Einweihung 1916.

So begannen diverse Architekten mit der Planung. Am Anfang sah das Konzept eine Art englischen Garten vor, mit kleinen, verschlungenen Wegen kreuz und quer. Man entschied sich dann aber doch für die französische Version; einen geometrisch akkuraten Barockgarten mit säuberlich angelegten Blumenbeeten, einer Orangerie und Arkadenwänden, die den Park im Norden und im Süden begrenzen sollten.

Bis es aber zur feierlichen Eröffnung des Gartens kommen sollte, kam zunächst der Erste Weltkrieg. Sämtliche Gartenbaumeister, die mit dem Körnerpark beschäftigt gewesen waren, fielen an der Front. Zudem war ein Park für die Neuköllner, die Hunger und Verluste litten, nun  zweitrangig.

1916 wurde der Park dennoch eingeweiht. In den Folgejahren entwickelte er sich zu einem regelrechten Publikumsmagneten; Besucher aus ganz Berlin genossen es in der unverhofften “Ruheoase“ inmitten von Mietskasernen, Eckkneipen und Straßenlärm. Einen Garten wie diesen erwartete man nicht auf einem rauen Pflaster wie Neukölln.

Postkarte aus den 20ern

Postkarte aus den 20er Jahren.

Zum Schauplatz politischer Ereignisse wurde der Park erst relativ spät. Anfang der dreißiger Jahre wurde in der Orangerie mit Propaganda-Ausstellungen der Sozialisten dem Ruf Neuköllns als “roter“ Bezirk alle Ehre gemacht, was so manchem bürgerlichen Besucher bitter aufstieß.

Der zweite Weltkrieg rückte an. Der Park verfiel in einen Dornröschenschlaf; notwendige Reparaturen fielen aus, die Parkanlagen verwitterten zunehmend und die Fontänen sprudelten schon lange nicht mehr.

Umso schneller kehrte nach Kriegsende wieder Leben in den Körnerpark; eine Handvoll Eltern eröffnete im Sommer 1945 eigenhändig eine Kindertagesstätte in der Orangerie. Es fanden Ferienspiele für Kinder statt, zu deren Höhepunkt sich 1500 Kinder aus ganz Berlin im Körnerpark tummelten.

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Wasser!

Nachdem die Kindertagesstätte 1950 wieder geschlossen wurde, wollten verschiedenste gesellschaftliche Gruppen den Park zu ihren Zwecken nutzen. Ein Vorschlag war, eine Mormonenkirche in die Mitte der Rasenfläche zu setzen. Er wurde abgelehnt.

So blieb der Körnerpark weiterhin für alle offen. Nur hatte ein Besuch nicht mehr die gleiche Strahlkraft wie in den 20er und 30er Jahren. Die Familien, Rentner und jungen Paare wurden nun regelmäßig vom Donnern der Flugzeuge aufgescheucht, die sich im Landeanflug auf den Tempelhofer Flughafen befanden. Er war in den letzten Jahren international immer wichtiger geworden, nicht zuletzt, als dort, zu Zeiten der Luftbrücke 1948 bis ’49, Flieger zeitweise im 90-Sekunden-Takt landeten. Vorbei war es mit der ehemaligen Ruheoase Körnerpark.

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1977: Müllberge „verzieren“ den Park.

Anfang der 70er Jahre. Die Zeichen standen schlecht. Der Park verwahrloste mehr und mehr, und obwohl Anwohner und Liebhaber, die ihn noch aus besseren Zeiten kannten, für seinen Erhalt kämpften, tat sich nichts. Bald wurden Rufe laut, man solle diesen “Schandfleck“ doch zuschütten.

Doch das war nicht das Ende für den Park. So besann man sich plötzlich des Ansinnens Franz Körners vor nunmehr sechzig Jahren und der Denkmalschutzgedanke erfuhr neuen Auftrieb. Auf einmal war Geld da, und die Flugzeuge wurden auch weniger, seit vermehrt Tegel angeflogen wurde. Man kann also von einer Reihe glücklicher Zufälle sprechen. Der Park wurde nach dem Vorbild des Originals wieder hergestellt, und fand zu alter Pracht zurück.

Heute

Körnerpark im Mai 2016.

Kunstliebhaber werden die Galerie in der Orangerie des Körnerparks kennen. Tatsächlich kam man in den 60er Jahren schon einmal auf die Idee, die baufällige Orangerie, anstatt sie zu renovieren, als Atelier an drei junge Künstler zu vermieten. Problem gelöst? Nicht ganz. Bald befand man ihre Kunst für zu abstrakt und ihre Partys für zu laut. Dieses Experiment war also gescheitert.

Doch mit der Zeit änderte sich das Kunstverständnis; als 1983 im neugemachten Park die “Galerie im Körnerpark“ eröffnete, fanden die Besucher darin experimentelle und gegenwartsbezogene Kunst vor. Binnen kurzer Zeit kannte man die Galerie auch über Kiez-, Bezirks- und Stadtgrenzen hinaus. Bis heute ist sie Bühne für lokale wie internationale Künstler. Was sie so besonders macht, fasste der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka 1987 schön zusammen: “Was soll ich mit der Kunstschickeria in der City? Neukölln will uns wirklich – hier kommt nicht nur das übliche Vernissage-Publikum.“

Am heutigen 9. Januar 2017 wird in der Helene-Nathan-Bibliothek die diesjährige Ausstellung des „dritten frühling“ eröffnet. Gezeigt werden Ergebnisse der künstlerischen Werkstätten 2016, die von den Themen (K)eine Heimat und 100 Jahre Körnerpark inspiriert waren.

Die Zeitreise „Vom Körner zum Park“ wurde erstmals am 17. Mai 2016 auf neukoellner.net veröffentlicht. Archivmaterial ©Museum Neukölln – In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

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