von am 20. Mai 2012

Eine Zeitreise ins Jahr 1977 an eine Neuköllner Straßenecke offenbart erstaunliche Parallelen zur Gegenwart.  

Beim Stöbern in den unendlichen Weiten des Geschichtsspeichers sind wir auf ein Foto von Rainer Wieczorek gestoßen. Das Bild zeigt die Flughafenstraße mit Blickrichtung Reuterstraße im Frühjahr 1977.

Nimmt man das Foto genauer unter die Lupe, bemerkt nicht nur der Neukölln-Kenner: Vergangenheit und Gegenwart sind sich hier verblüffend ähnlich. Denn vieles aus dem Straßenbild hat die Jahrzehnte überdauert.

An- und Verkauf wird niemals untergehen

Da wäre zunächst im Vordergrund der An- und Verkauf Laden. Heute locken eher Handys und Laptops statt Radios und Videorecorder (ja, die gab es mal!). Aber der Grundsatz ist der selbe: Egal ob Ausrangiertes oder Diebesgut, der Laden will es haben! Ein Geschäftsmodell, das noch heute in Neukölln – trotz Internet und eBay – seit vielen Jahrzehnten Bestand hat.

Geht der Blick nach links auf den Bürgersteig, sehen wir einen Baum, auf den ein weißer Pfeil gemalt ist. Street Art Anno 1977? Zwar könnte es sein, dass das Grünflächenamt die Markierungen auf den Baum gepinselt hat, doch wollen wir lieber der Street Art-These glauben schenken. Am Stamm des Baumes hängt der Rahmen einer ausgeschlachteten Fahrradleiche. Heute wie damals herrscht in Neukölln der Eindruck, dass Bäume und Straßenschilder zunächst nur eine Daseinsberechtigung haben: Den geliebten Drahteseln etwas mehr Schutz vor Langfingern zu bieten. Doch mit der Sicherheit für fahrbare Untersätze scheint es auch schon vor Jahrzehnten nicht weit hergewesen zu sein.

Eine Robbe trifft die Fahrradleiche

Auf dem Gehsteig versuchen gerade zwei Lausbuben die Balance auf ihrem BMX zu halten. Der eine ist kurz davor, in die Auslagen des türkischen Obsthändlers zu fallen, die auch heute noch vereinzelt das Straßenbild ausmachen. Obwohl die jetzigen Einkaufstempel gerade den kleinen Obsthändlern das Leben schwer machen.

Etwas weiter links auf der Hauptstraße springt etwas Unverhofftes in unsere verdutzten Augen. Nicht der braune Lieferwagen, der wie eh und je in zweiter Reihe parkt. Nein! Ein paar Meter weiter füllt tatsächlich majestätisch und unverkennbar eine “Robbe” den Asphalt aus. Die Autovermietung aus Kreuzberg, auf die kein WG-Umzug mehr verzichten kann, prägte offenbar bereits Ende der Siebziger das Berliner Stadtbild. Und manche Sachen ändern sich in Neukölln scheinbar nie, trotz Zugezogenen und der viel zitierten Gentrifizierung.

Nun ja, so sieht die Ecke heute aus:

"Fast" wie damals: Ein Grillhaus hat den An- und Verkauf übernommen. Der Baum links musste einem jüngeren Exemplar weichen, während die Fahrradleiche wohl auferstanden ist. Eine "Robbe" ist nicht in Sicht.

Archivmaterial © Museum Neukölln

In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

 

 

 

 

 

 

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