von am 8. Juni 2016

Agora-Baut-11-e1465399855907_neuZwischen einer Reihe an anderen Projekten entsteht auf dem Kindl-Gelände ein Labor für nachhaltige Wirtschaftskonzepte. Ab Donnerstag ist es Teil eines weltweiten Events. Ein Gespräch mit seinem Mitinitiator Simon Lee.

Kennt ihr das? Man kauft sich ein neues, technologisch hochentwickeltes Produkt, aber bereits nach wenigen Monaten, schlimmstenfalls Wochen, hat es die ersten Macken; kurz nach Ablauf der Garantiefrist ist es endgültig reif für die Tonne. Laut einem Gutachten im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion kostet die „geplante Obsoleszenz“, also die absichtliche Verkürzung der Produkthaltbarkeit durch den Hersteller, die Haushalte in Deutschland jährlich 101 Milliarden Euro.

Für Simon Lee, Mitbegründer des CRCLR Lab, ist das nur eines von mehreren Symptomen unseres problematischen, „linearen“ Wirtschaftssystems. Entscheidungsträger in Betrieben müssten oft in Bezug auf Umwelt, Rohstoffe und Verbraucher irrational handeln, wenn sie sich betriebswirtschaftlich rational verhalten wollten, sagt er. Um dieser Problematik entgegenzuwirken, wurde in den Neunziger Jahren das Konzept der zirkulären Wirtschaft entwickelt. Dessen Ziel ist es, alle Rohstoffe optimal zu verwerten und auch über den Lebenszyklus einer Ware hinaus nutzbar zu machen. Wirtschaft wird als Kreislauf gedacht, statt wie bisher als Wertschöpfungskette, und der gesamtgesellschaftliche Nutzen der Produktion soll gesteigert werden.

Ziel: Nachhaltige Lösungsansätze

Dieser Gedanke hat Simon Lee und seine MitstreiterInnen aus dem Umfeld des Agora Kollektivs dazu bewogen, das CRCLR Lab ins Leben zu rufen. Auf dem Gelände der ehemaligen Kindl Brauerei soll ein Labor für zirkularwirtschaftliche, nachhaltige Lösungsansätze entstehen. Zweites großes Projekt nach der zirkulären Restaurierung und Umnutzung der Halle sollen die Open Source Circular Economy (OSCE) Days vom 9. bis 13. Juni werden. Sie finden weltweit in über 70 Städten statt, und auch das CRCLR Lab lädt Interessierte ein, gemeinsam an Konzepten für nachhaltiges Produzieren, Konsumieren und Wohnen zu feilen.

In der neue Halle auf dem Kindl-Gelände soll neben Vorträgen und Diskussionen vor allem an sogenannten „Challenges“ gearbeitet werden. Diese drehen sich um ganz konkrete Herausforderungen, zum Beispiel die Frage wie man aus dem Berlin Festival ein „Zero Waste Event“ machen könnte, wie man auf Kompostabfällen Pilze zum Essen oder zur Wärmedämmung züchten kann, oder wie man mit selbst gebauten Filtersystemen den Wasserverbrauch im eigenen Bad um 90% reduzieren kann. Simon Lee, Mitinitiator des Events, hat da bereits sehr konkrete Vorstellungen.

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Den in der Halle vorgefundenen Bauschutt will das Kollektiv umnutzen. Foto: Agora Collective.

neukoellner.net: Simon, am Donnerstag beginnen die OSCE-Days. Du hast dort selbst zwei Challenges initiiert. Womit wollt ihr euch genau auseinandersetzen?

Wir haben uns mit der Berliner Stadtreinigung zusammengesetzt und sie gefragt, welche konkreten Probleme sie im Moment hat. Als Antwort kamen wie aus der Pistole geschossen drei Themen, von denen wir zwei auf den OSCE-Days bearbeiten wollen. Zum einen fallen in Berlin jährlich 50.000 Tonnen Altholz-Müll an. Das zweite Thema sind die unzähligen Kaffeebecher, die in dieser Stadt jeden Tag als Cups-To-Go verkauft werden.

…jede Menge Müll, die ihr als Rohstoff nutzen wollt. Was unterscheidet euren „Circular Economy“- Ansatz von der herkömmlichen Kreislaufwirtschaft, also beispielsweise dem Recycling von Materialien?

Die herkömmliche Kreislaufwirtschaft geht davon aus, dass Müll eine gegebene Größe ist; es geht in diesem Ansatz nur darum, Müll vielleicht effizienter zu verbrennen oder zu recyclen. In einer zirkulären Wirtschaft geht es gar nicht so sehr um Recycling. Das ist nur der allerletzte Schritt überhaupt. Davor versuchen wir, Sachen wiederzuverwerten, aufzuwerten, umzunutzen. Ein anderes großes Thema ist Sharing, also das gemeinsame Nutzen von vorhandenen Gütern, um diese effizienter auszulasten.

Was läuft in der gegenwärtigen Wirtschaft in deinen Augen schief?

Ein gutes Beispiel ist das iPhone. Da gibt es für alle Bauteile komplexe Lieferketten. Mit einem riesen Aufwand müssen gigantische Mengen an Bodenschätzen, zum Beispiel Kupfer, aus der Erde geholt werden. In jedem einzelnen Produktionsschritt ist es im Prinzip das gleiche Spiel: Viel Geld, viel Energie, viel Müll. Was am Ende dabei herauskommt ist ein hochkomplexes Produkt, das im EU-Durschnitt gerade mal 18 Monate genutzt wird. Danach landet es auf dem Müll. Wenn man also aus der betriebswirtschaftlichen Ebene ein Stück hinauszoomt und den ganzes Kreislauf in den Blick nimmt, fragt man sich: Wer hat denn so ein komisches System designt? So viel Aufwand – so wenig Nutzen. Und das angesichts der Tatsache, dass die Ressourcen begrenzt sind. Es gibt nicht unendlich viel Kupfer.

Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?

Da gibt es die Überlegung: Kann man das Prinzip Carsharing auf die Produktion von Kupfer übertragen? Zum Beispiel könnte der Bergbauer, anstatt seinen Rohstoff zu verkaufen, ihn einfach vermieten.

Wie soll das gehen?

Das wollen wir herausfinden. Dazu müssten zunächst einmal alle Beteiligten an der Wertschöpfungskette von Kupfer kooperieren, um die Produkte so zu gestalten, dass sich die einzelnen Produktbestandteile zirkulär nutzen lassen. In unserem Beispiel heißt das: Das Kupfer muss aus dem fertigen Produkt wieder leicht extrahiert werden können. Das lohnt sich auch für die Produzenten. Das Problem, dass Kupfer endlich ist, wird damit gelöst. Noch wichtiger: Ein einziges Gramm Kupfer kann durch die mehrfache Nutzung einen viel höheren Wert bekommen – auch monetär. Die Unternehmen können also mehr Geld verdienen. Der Nutzen für die Umwelt wäre aus ihrer Sicht nur ein toller Nebeneffekt.

Klingt kompliziert…

Ein ähnliches Modell gibt es bereits – bei Glühbirnen. Da gibt es einen Interessenskonflikt zwischen Hersteller und Verbraucher. Die Hersteller verkaufen keine Glühbirnen, die lange haltbar sind, weil sie sich damit selbst ihre Geschäftsgrundlage entziehen würden. In einem zirkulären Wirtschaftssystem könnten sie sagen: ‚Ich vermiete dir die Birne!‘ Dann ist es in ihrem eigensten Interesse, dass die Birne so lange hält wie möglich. Singapur hat genau das gemacht, in Kooperation mit Phillips. Statt Glühbirnen für die Stadtbeleuchtung zu kaufen haben sie ein Modell namens ‚Pay per Lux‘ eingeführt: Sie zahlen nicht für die Glühbirnen, sondern für deren Lichtverbrauch. Und plötzlich ist der Interessenskonflikt gelöst – alle haben ein Interesse an möglichst langlebigen Glühbirnen.

In der Halle wird an neuen Materialen und Konzepten getüftelt werden, außerdem sollen Gewächshäuser und eine Garküche entstehen. Das Dach könnte unter anderem Platz für Wohn- und Arbeitsflächen bieten. Foto: Agora Collective.

In der Halle wird an neuen Materialen und Konzepten getüftelt werden, außerdem sollen Gewächshäuser und eine Garküche entstehen. Das Dach könnte unter anderem Platz für Wohn- und Arbeitsflächen bieten. Foto: Agora Collective.

Wie wollt ihr die Halle auf dem Kindl-Gelände nutzen und inwiefern unterscheidet sich das Nutzungskonzept von eurem Haus am Mittelweg?

Wir wollen die Halle hier nutzen, um eigene Events zu starten. Außerdem wollen wir ein Zentrum errichten, in dem wir neue Formen des Zusammenarbeitens ausprobieren wollen, das heißt zirkuläres Wirtschaften, Open Source, Social- und Sustainable Business und solche Sachen. Wir wollen hier neue, nachhaltige Wirtschaftskonzepte im kleinen Maßstab erproben, von denen wir hoffen, sie auch im größeren Maßstab umsetzen zu können.

Zum Beispiel?

Kann man die Entsorgungsinfrastruktur so entwickeln, dass abfallfreies Wohnen möglich wird? Kann man die energetische Struktur so bauen, dass Häuser zusätzliche Energie produzieren, anstatt sie zu nur verbrauchen? Kann man die Materialkreisläufe eines Hauses, oder sogar eines Kiezes so verbinden, dass beispielsweise der Müll, der in einer Restaurantküche anfällt in anderen Betrieben oder als Rohstoff verwendet werden kann, also zum Beispiel als Dünger für Gewächshäuser?

Wer ist Agora?

Ein Community, ein Kunstkollektiv, das sich nun als zweites Standbein mit Open Source und Circular Economy beschäftigen will, aber das wieder in enger Verzahnung mit der Kunst. Wir wollen die Offenheit und Experimentierfreude, die sich aus einer künstlerischen Herangehensweise ergibt, nutzen, um neue Lösungen für zirkuläres Wirtschaften zu entwickeln. Wir sind schon ideologisch unterwegs, aber auch nicht rein ideologisch, eher so: Hands on. Wir versuchen gerade unsere große Kunst-Community mit der Open Source-Szene zu verzahnen. Außerdem wollen wir verstärkt im Bildungsbereich arbeiten, also das was wir selbst erlernt haben in strukturierter Form anderen zugänglich machen.

Was wollt ihr mit den OSCE-Days erreichen?

Es wird natürlich kein reines Spaß-Event werden, sondern wir möchten lösungsorientiert zu verschiedenen Themen arbeiten. Spaß soll schon auch eine Rolle spielen. Uns geht es darum, Barrieren abzubauen und einen Raum zu schaffen, in dem sich der barfüßige Hippie zusammen mit dem Anzugträger an einen Tisch setzen kann, wo beide erst mal Bedenken haben das zu tun, aber beide danach raus gehen und froh sind, so eine Begegnung gehabt zu haben.

Habt ihr keine Angst, dass ihr und eure Arbeit von den Interessen des Big Money vereinnahmt werden könntet?

Klar, da muss man aufpassen. Aber bisher haben wir das gut hingekriegt. Meiner Erfahrung nach hilft da Transparenz, dass man immer offen mit allen Seite redet. Ich mag aber keine Schwarz-Weiß-Lösungen; für gute Lösungen braucht man alle Beteiligten, also eben auch die Wirtschaft. Letztes Jahr war zum Beispiel jemand von Coca Cola dabei, der sich am Anfang so einiges anhören musste, aber dann auch fundierte Gegenargumente gebracht hat. Aus meiner Sicht war es eine tolle, sachliche Diskussion. Ohne die Riesen geht‘s nicht, finde ich – und es gibt ja auch „Inner Champions“, also Leute, die versuchen, in den Konzernen von innen heraus was zu bewegen.

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Die Halle des CRCLR-Lab befindet sich vor und über den ehemaligen Vollgutlagern an der Rollbergstraße. Das Gelände bietet noch reichlich Platz für andere Projekte. Foto: Stiftung Vollgut.

Projektplatz Kindl-Gelände

Das CRCLR Lab, das Simon Lee mitgegründet hat, ist eines von mehreren Projekten, die sich gerade auf dem Kindl-Gelände ansiedeln. Von 1873 bis 2005 braute die Berliner Kindl-Brauerei (zuvor unter anderem Namen) auf dem Gelände am Rollberg Bier. Nach der Stilllegung wurde der Großteil der Geländefläche von der Stiftung „Vollgut“ gekauft, die ihrerseits der Stiftung Edith Maryon gehört. Die Stiftung hat den Anspruch, „soziale Wohn- und Arbeitsstätten“ zu fördern und hat neben dem Kindl Gelände beispielsweise das Gelände des „Schokoladens“ in Berlin-Mitte und des Hausprojekts in der Rigaer Straße 78 in Friedrichshain gekauft.

Die teilweise unterirdisch gelegenen Vollgutlager, in denen früher die vollen Fässer gelagert wurden, beherbergen neben einer Kartrennbahn und einer Eventlocation seit 2013 auch das queere Veranstaltungszentrum SchwuZ. Im Sudhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei befindet sich das Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst, die Kessel werden von der Privatbrauerei am Rollberg weiter genutzt. Am 21. Mai wurde eine Treppe eröffnet, die das Areal nun mit der Neckarstraße verbindet.

Wohnflächen und Gastronomie auf dem Dach?

Außerdem sollen nun mehrere Projekte auf dem Gelände entstehen, von denen noch nicht ganz klar wie genau ihre Ausgestaltung aussehen wird und wie hoch ihr sozialer Anspruch angesetzt ist. Es gibt Pläne, auf das Dach der Halle, die das CRCLR Lab beherbergt, aufzustocken. Dort könnten dann Wohnflächen, Gastronomie und ein Co-Working-Space Platz finden.

Außerdem plant die Stiftung Edith Maryon, unter dem Namen „Alltag“ ein „Wohnheim mit angegliederten Betriebsstätten“ für „eine temporäre Bewohnerschaft“ zu errichten. Dem Vernehmen nach soll es vor allem Menschen in besonderen Lebenslagen Unterkunft bieten. Doch die Grenzen zwischen gemeinnützig und gewerblich sind hier noch nicht ganz klar erkennbar. Wie die Nutzung in der Praxis aussehen wird, wird sich mit der Zeit zeigen.

 

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