von am 1. Oktober 2015
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Ein leeres Parkdeck verwandelte sich in eine grüne Hippie-Oase. Foto: Torben Lehning

Die Gründer des Klunkerkranichs, der Hedonisten-Idylle auf dem Parkdeck der Neukölln Arcaden, ­bekämpfen sich vor Gericht. Der Streit offenbart die Grenzen der Berliner Hippie-Ökonomie.

Text: Martin Hildebrandt & Regina Lechner

Landgericht Berlin, Zivilkammer 14 in Charlottenburg. Geladen sind Dorian Mazurek, Dorle Martinek – und Robin Schellenberg, der aufgrund einer Magenverstimmung nicht erscheint. Verhandlungsgegenstand: die Zusammenarbeit im Klunkerkranich, einem Dachgarten auf dem Parkdeck der Neukölln-Arkaden. Dorle Martinek und Dorian Mazurek sitzen sich gegenüber. Er im Pullover, sie im Blazer. Die Stimmung ist frostig. „Guten Tag“, sagt Dorian ­Mazurek. Sie würdigt ihn keines Blickes.

Es geht um die Zukunft des Klunkerkranichs, eines international bekannten Kulturortes mit Urban Gardening, DJ-Programm und Livemusik. Laut „New York Times“ einer der Orte, die man in Berlin besucht haben muss. Wo sich die Off-Kultur trifft, während die Kinder im Buddelkasten spielen. Der Klunkerkranich steht sinnbildlich für das alternative Berlin, für eine andere Art des Wirtschaftens, bei der nicht das Geld, sondern die Idee zählt. Gleichwohl ist das Projekt auch finanziell erfolgreich und wirft nach Schätzungen mehr als 100.000 Euro Gewinn im Jahr ab.

Der Dokumentarfilm „Du musst dein Ändern ­Leben“ von Benjamin Riehm erzählt die Geschichte des Kranichs mit der euphorischen Botschaft, dass eine Gemeinschaft auch ohne finanzielle Mittel ihre Träume verwirklichen kann. Er ist eine Lobeshymne auf die Berliner Alternativökonomie. Die Geschichte des Streits zwischen den Machern ist deswegen mehr als eine kleine Posse. Es geht um viel Geld, um Freundschaft und die Grenzen des alternativen Wirtschaftens, das für viele Berliner eine Faszination ausübt.

Harmonische Wahlfamilie

Der große Traum begann 2009, als Robin Schellenberg seinen Job als Headhunter aufgab und seine Freundin Dorle Martinek ihren Lehrerjob schmiss. Gemeinsam stiegen sie in das Abenteuer Gastronomie ein. Die ehemalige Lehrerin lebte damals in einem Hausprojekt in der Neuköllner Weserstraße. Den Keller und das Erdgeschoss bauten sie mit ehrenamtlichen Helfern zum Club „Fuchs und Elster“ um (wir berichteten).

Bei der Eröffnung traf das einen Nerv: Die Kneipendichte war in Nord-Neukölln noch dünn und der versteckte Kellerclub bald kein Geheimtipp mehr. Irgendwann landete das Fuchs und Elster im Lonely Planet und dem Easyjet-Bordmagazin. Anwohner beschwerten sich ­regelmäßig über den Lärmpegel. Das ging nicht am Bauamt vorbei, das Nachbesserungen beim Brandschutz anordnete. Heute ist der Club eine Bar. Geblieben sind die Oma-Möbel, die Second-Hand-Lampen und die Backstein-Optik. Doch das Fuchs und Elster ist nicht nur ein gastronomischer Betrieb, sondern auch der Wohnraum des Gründerpaares. Im hinteren Teil liegen die privaten Zimmer und im Hof übernachtet ein Mitarbeiter im Wohnwagen. Hier existiert sie noch, die harmonische Wahlfamilie, über die Schellenberg und Martinek in vielen Interviews immer wieder gesprochen haben.

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Ein Foto aus der Anfangszeit des Projekts: Dorian Mazurek (li.) und Robin Schellenberg. Foto: Martin Hildebrandt

Dorian Mazurek organisierte zu jener Zeit Partys unter dem Namen Klangsucht und Gegenkultur. Sein Entdeckergeist führte ihn zu einem bis dato fast unbekannten Ort in Berlin. Das oberste Parkdeck des Einkaufszentrums Neukölln Arcaden lag jahrelang brach, obwohl der Blick über Berlin einmalig ist. „Meine damalige Freundin war im Fitnessstudio des Centers angemeldet. Während sie dort trainierte, bin ich auf dem Dach Skateboard gefahren und habe den Ausblick genossen“, erinnert sich Mazurek an seine ersten Besuche vor fast zehn Jahren. 2009 organisierte er dann mit seiner Firma „Klangsucht“ auf dem Parkdeck einen Videodreh, der in einer Open-Air-Party mündete, bei der hunderte Menschen feierten. Die Party war für ihn die Initialzündung, mit den Planungen für einen Kulturdachgarten unter dem Namen „MS Neukölln“ zu beginnen und einen Mietvertrag mit der Apcoa Parking abzuschließen.

Doch die Umsetzung stellte sich als komplizierter heraus als gedacht. Denn nur weil irgendwo Autos abgestellt werden dürfen, heißt das noch lange nicht, dass auch ein gastronomischer Betrieb möglich ist. Mazurek erzählt, er habe sogar einen Hochhaus-Brandschutz­experten aus Frankfurt einfliegen lassen, der erst die komplizierte Nutzungsänderung ermöglichte. Die Vorarbeit hätte ihn bereits über 15.000 Euro gekostet, weshalb er nach weiteren Partnern suchen musste, die das Projekt mit ihm stemmen wollten. Als das Fuchs und Elster-Team, darunter Robin Schellenberg und Dorle Martinek, in seinem damaligen Club WYSIWYG eine Party organisieren wollte, entwickelte sich ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis. Er weihte die beiden in seine Pläne ein.

Für Robin Schellenberg und Dorle Martinek stellte das Projekt zu jener Zeit den rettenden Lichtblick dar. Das Fuchs und Elster hatte mittlerweile geschlossen und musste nach Vorgaben des Bauamtes umgebaut werden. Außerdem war ein Teil des Teams, das den Kellerclub fast unentgeltlich als Verein betrieb, zuvor im Streit gegangen – Mitglieder hatten über den Einsatz der Einnahmen mitbestimmen wollen, prompt kam es zum Bruch mit dem Paar.

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10 Kommentare:

  • Edmund von Piper sagt:

    Ja, ja.. anfangs arbeiten immer alle ganz engagiert als Gleiche unter Gleichen.. und vor allem UMSONST.. doch sobald die Einnahmen zu sprudeln beginnen, sind dann plötzlich nicht mehr alle ganz so gleich..
    Leider setzen sich bei diesem durchaus üblichen Prozedere i.d.R. die Abzocker-Arschgeigen durch und werden für ihr asoziales Verhalten auch noch damit belohnt, auch weiterhin das alternative Image des Projektes zur Vermarktung nutzen zu können, um massig Knete zu schäffeln.
    davon gibt es in der aktuellen Berliner Alternativ-Erlebnisgastronomie- und Kulturlandschaft – auch über die im Beitrag bereits genannten Beispiele hinaus – noch einige andere Abzocker ..

  • Berliner sagt:

    Wer das Hipster- und Touristengesindel nach Neukölln lockt und mit seiner unternehmerischen Tätigkeit bis tief in die Nacht die Anwohner stört, dem gönne ich gerne diese zivilrechtlichen Querelen vor Gericht und auch drei Jahre Gefängnis. Ich freue mich jetzt schon auf die frei werdenden Parkplätze auf Deck 7 – der Ausblick soll ja ganz schön sein von da oben.

  • Simon sagt:

    Berlin ist voll von jungen Leuten, die wie ganz gewöhnliche Unternehmer agieren und denen noch mehr Leute hinterher rennen, die bereit sind sich selbstauszubeuten, nur weils Lampions und Blumenbeete gibt, und statt Dresscode vegane Snacks.

    Wer für Parties von Unternehmern Musik macht ohne dafür was zu verlangen, ist einfach naiv und wer Mitarbeiter nicht an Entscheidungsprozessen teilhaben lässt und die Produktionsmittel nicht kollektiviert, ist ein ganz normaler Unternehmer, der Ausbeutung betreibt. Dabei von Hippie-Ökonomie und Kollektiv zu sprechen, wie es auch dieser Artikel tut, ist grober Unfug und zeugt von einer genauso unpolitischen Haltung. Die waren nie ein Kollektiv! Dass es dann Arbeitskämpfe und Streit gibt, ist ja klar und das haben die auch nicht anders verdient.

    Nichtsdestotrotz gibt es Formen von solidarischer Ökonomie in Berlin und anderswo. Dafür sind aber basisdemokratische Strukturen und Kontrolle nötig, eine verbindliche Satzung, vertragliche Regelungen usw.

  • Anonymous sagt:

    Eintritt 3 EUR, Bier 3,50 EUR – wenn das mal kein Unternehmertum der großen Sorte ist, weiß ich auch nicht mehr weiter…

  • ja herr pieper sagt:

    leider kommen idR die leute damit durch, weil sich ‚die abgezockten‘ nicht wehen.
    in diesem fall sieht das zum glück mal anders aus und es gibt gegenwird. ziemlich dreckig das ganze, aber vielleicht lernen einige protagonisten aus diesem (und anderen) streitigkeiten mal etwas für die zukunft…

  • ja herr pieper sagt:

    aus wehen wird wehren und gegenwird wird gegenwind. na sie wissen schon!

  • Yvonne sagt:

    Ich erinnere mich noch gut an dieses: „Da sind dolle Leute, die lassen sich was verrücktes Einfallen und erobern sich ihre Stadt!“ und der Faszination, der viele dann folgten und in ehrenamtlicher Tätigkeit Tag und Nacht zimmerten, gruben und träumten. Aus der Traum. Ernüchtert stellt man wiedermal fest, dass der Enthusiasmus den Traum beflügelt, aber die Gier dann doch über den Idealismus siegt. Ich jedenfalls bin heilfroh, damals nicht meinem ersten Impuls gefolgt zu sein und unentgeltlich meine Zeit&Kraft in den Kranich gesteckt zu haben….letztendlich sind doch die Mitträumer die Gelackmeierten und der Kuchen wird nicht mehr geteilt:/. Echt schade, ein flugfähiger Kranich weniger auf der Welt!!!

  • Sven sagt:

    Ich frage mich ja, wie diese Leute es immer wieder schaffen, Idealisten für ihre (letztlich) ganz eigenen und egoistischen Interessen zu begeistern, die sich dann in totaler Selbstopferung den Arsch aufreissen — am Ende dann ja doch nur für die Firmenbilanz.
    Es gibt wohl einige Kandidaten da draussen, die im Studienfach Psychologie/Wie-manipuliere-ich-am-besten/Herdentrieb mit Bestnote abgeschlossen haben. Wirklich interessant, denn am Ende stehen die ganzen Helferlein doch wieder alleine da, falls sie es wagen sollten, mal an dem ein oder anderen Punkt genauer nachzufragen.

  • Ron sagt:

    [Kommentar wegen sprachlicher Verrohung bearbeitet]

    Wie lange sollen wir noch von diesen arroganten Hipstern, die uns täglich wie Abschaum behandeln und Abends dann auch noch den Schlaf durch ihre „Parties“ nehmen, terrorisieren lassen?

  • Max sagt:

    Lieber Ron,
    wer sind denn „wir“ und wer „diese arroganten Hipster“? Solche Verallgemeinerungen sind nie haltbar und anderen Mitmenschen irgendwelche Krankheiten an den Hals zu wünschen, zeugt auch nicht gerade von gutem Stil. Es wäre schön, wenn Du ein wenig sachlicher argumentieren könntest. Dankeschön!

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