von am 21. April 2016
Langer und Broder

Armin Langer (l.) und Henryk M. Broder (r.) beim Brunch von Salaam Schalom im Jahr 2014.

Henryk M. Broder disst Armin Langer als „Möchtegern-Jude“. Der sei ja nur ein Konvertit. Aber: Gibt es da überhaupt einen Unterschied?

Es ist schon ein paar Wochen her, dass Armin Langers Verweis vom Potsdamer Geiger Kolleg im Spiegel öffentlich gemacht wurde. Die Begründung: Langers unerlaubte Korrespondenz mit verschiedenen Journalisten. Zuletzt schaltete sich auch Henryk M. Broder in die Diskussion ein: Der Publizist kann die Aufregung um den Studenten Langer nicht nachvollziehen – ein angehender Rabbi, der sich um sein Recht der freien Meinungsäußerung betrogen fühlt?

„Ja, das ist in der Tat der Gipfel der Repression, vor allem, wenn es sich um jemand handelt, der nicht nur ständig dummes Zeug labert, sonder auch zum Judentum übergetreten ist, um es von Innen aufzumischen. So wie deutsche Linke in den 70er Jahren unbeedingt Briefträger, Lokführer und andere Staatsdiener werden wollten, um das System zu unterwandern.“
– Hendryk M. Broder, Die Achse des Guten

Laut Broder gibt es „kein Grundrecht darauf, Rabbi zu werden.“ Er hält es deshalb für äußerst unpassend, ein solches „Grundrecht“ einzufordern, schreibt er auf dem Blog “Die Achse des Guten”. Langer sei jemand, “der nicht nur ständig dummes Zeug labert, sondern auch zum Judentum übergetreten ist, um es von Innen aufzumischen”.

Broder und die „Möchtegern-Juden“

Die Kritik an Langers Verweis ist nur die Einleitung seiner Einlassung über Juden, Möchtergern-Juden und  den in seinen Augen gescheiterten jüdisch-muslimischen Dialog in Neukölln, den es für Broder, so scheint es, gar nicht geben kann.

Zum einen trifft Broder eine brisante Differenzierung – zwischen “selbsternannten Juden”, von ihm als  “Möchtergern-Juden” bezeichnet, und “Juden”. Diese Unterscheidung trifft er nicht zum ersten Mal. Bereits im Februar 2015 veröffentlichte Broder eine Kolumne, in der er Armin Langer als unglaubwürdig bezeichnet. Anlass: Die Behauptung Langers, in Neukölln eine Kippa zu tragen sei „nicht gefährlicher, als in anderen Berliner Stadtteilen“. Für Broder das Statement eines “Gefühlsjuden”.

„Es gibt nicht solche und solche Juden“

Armin Langer sitzt im Café Seelig vor der Neuköllner Genezareth Kirche und wundert sich über das Gebaren von Broder. “Es ist ein Fehler, zwischen Konvertiten und “richtigen Juden” zu unterscheiden”, sagt er. Und: “Es gibt nicht solche und solche Juden”. Langer wundert sich außerdem, woher Broder die Weisheit nehme, ihn als Konvertit zu bezeichnen – da er ja jüdischer Abstammung sei.

Laut Broder waren zu wenige Muslime auf der Veranstaltung.

Langers interreligiöses Engagement in der Salaam-Schalom-Initiative bewertet Broder eher als Verzweiflungstat einer jüdischen Minderheit denn als Dialog auf Augenhöhe. Immerhin habe er sich die Arbeit der Initiative selbst angesehen und dabei auch Langer kennengelernt.

Doch Broders Kritik an den “Möchtegern-Juden” hält sich nicht nur an Armin Langers Person auf. Den “eigentlichen (viel größeren) Skandal” sehe er darin, dass ein Institut wie das Potsdamer Geiger Kolleg Jüdische Theologie unterrichtet, finanziert mit öffentlichen Geldern. Dies sei keine Ausbildung zum Rabbi, sondern vielmehr eine Art “Judaism for Dummies” mit “akademischen Anstrich”, so Broder.

Rabbi werden? Kann doch jeder!

Tatsächlich braucht es eine Ausbildung zum Rabbi gar nicht zwingend – jeder, der es möchte, kann sich zum Rabbi ausrufen.

Trotzdem ist die Lehre am Kolleg darauf ausgerichtet, Rabbis auszubilden – und viele Schüler gehen eben diesen Weg. Ähnlich gehen viele andere europäischen Institute vor. Der Pressesprecher des Abraham Geiger Kollegs, Hartmut Bomhoff teilte neukoellner.net in einem schriftlichen Statement mit, dass Broders Meinung zu diesem Thema durchaus bekannt sei. Grundsätzlich gelte jedoch: „Jude oder Jüdin ist, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder nach halachischen Regeln zum Judentum übergetreten ist.“ Walter Homolka, Rektor des Geiger Kollegs, brachte 1995 ein Buch mit dem Titel “Nicht durch Geburt allein. Übertritt zum Judentum” heraus. Er konvertierte einst selbst zum Judentum.

Langer verteidigt Geiger Kolleg

Zwar wurde der ehemalige Student Langer seiner Ausbildungsstätte verwiesen, Broders Kritik kann er dennoch nicht nachvollziehen. “Man kann das Geiger-Kolleg kritisieren, aber nicht auf diese Art und Weise.“ Das Kolleg könne sehr wohl Rabbiner ausbilden und eine Kritik am Kolleg auf der Unterscheidung zwischen Konvertiten und Nicht-Konvertiten aufzubauen, sei falsch, findet er. Die Pressestelle des Zentralrates der Juden möchte uns dazu kein Statement geben. Theologische Fragen seien die Angelegenheit der Rabbis. Befragt man den Augsburger Rabbi Brandt zur Causa Langer und der Unterscheidung zwischen Juden und Konvertiten, bekommt man eine differenzierte Antwort.

Rabbi Henry Brandt, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, sagte uns dazu: “Ich respektiere Herrn Broder sehr, aber er hat in diesem Fall keine theologische Autorität”. Im Falle Langers stimmt der Rabbi Broder zu: “Es gibt kein Grundrecht darauf, Rabbiner zu werden.” Doch auch Brandts Aussagen sind nicht unumstritten. In einem Interview mit der taz erklärt der Wiener Rabbi Walter Rothschild, dass Brandt keinesfalls für alle Mitglieder der Allgemeinen Rabbinerkonferenz sprechen könne.

Jüdisch-muslimischer Dialog

Broders Beitrag zum Verweis Langers bezieht sich nur in Teilen auf dessen Rauswurf und macht mit der Unterscheidung solchen und solchen Juden ein Themenfeld auf, welches ihm viel Kritik von theologischer Seite einbringt. Die Unterteilung in “Möchtegern-Juden” und “Juden” ist bei Broder nichts Neues. Im März 2015 schien sich Broder noch für den muslimisch-jüdischen Dialog der Salaam-Schalom Initiative zu interessieren. Damals besuchte er einen von der Gruppe organisierten Brunch. Heute schreibt Broder auf der Achsen des Guten, “es habe der Veranstaltung an Muslimen gefehlt”. Vielleicht hat Herr Broder auch nur weggeguckt.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass Broders Kritik an Langers Umgang mit dem Rauswurf wie auch an der Berichterstattung der Medien darüber, zum Anlass nimmt, um wieder einmal seine Unterscheidung zwischen Möchtegern-Juden und „vollwertigen Juden“ darzulegen. Und, darauf aufbauend, den jüdisch-muslimischen Dialog zu kritisieren.

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5 Kommentare:

  • Theodor Herzl sagt:

    Ist es möglich, dass Saalam-Schaloms jüdisch-muslimischer Dialog in Neukölln nur so gut funktioniert, weil sich die beteiligten Akteur_innen in ihrem Antizionismus sehr einig sind?

    Der Gedanke drängt sich zumindest nach diesem Artikel der Initiative auf.

    https://salaamschalom.wordpress.com/2016/03/22/importierter-hass-oder-einheimische-angstmache-2/

  • Waldemar Undig sagt:

    Sehr amüsanter Artikel!
    Ich mag auch keine Konvertiten, egal von wo nach wo, daher kann ich Broder gut folgen.
    Man sollte lieber in der Glaubensgemeinschaft wirken, in der man geboren wurde, oder austreten. Aber das ist auch nicht ganz unproblematisch. Aber viel besser, man bleibt, wo man ist, alles andere führt nur zur Aufgeblasenheit und Wichtigtuerei.

  • elke blinick sagt:

    Waldemar, nicht so schnell. Ich bin ein Konvertit. Habe einen Juden geheirated. 2 Mal konvertiert. Und meine 4 Kinder sind jetzt orthodoxe Juden. Einer in Israel. IDF, und Bar Ilan. You may want to re-assess the importance of conversion in North America.

  • Phoibus sagt:

    Broder hat vollkommen Recht mit seiner Feststellung, daß Langer ein Konvertit ist, denn das hatte Langer bereits in der Sendung „Zeitzeichen“ im Jahre 2014 ausgeführt. „Langer wuchs er in einer säkularen Familie auf. Als Jugendlicher wurde er von der Religion angezogen, kaufte sich eine Bibel und besuchte oft den Gottesdienst in einer römisch-katholischen Kirche, denn andere Gotteshäuser gab es im Ungarischen Sopron nicht. Aber da habe er „Gott nicht gefunden“, sagt Langer mit leiser Stimme. Ihn störte das Herunterleiern der Messliturgie. Erst als er 16 Jahre alt war, erfuhr er, dass der Vater Jude ist und ein Teil der Vorfahren von den Nazis ermordet worden war. Die Mutter entstammt einer römisch-katholischen Familie. „Damals nahm ihn sein Vater mit zu einer Holocaust-Gedenkveranstaltung und erzählte ihm dort, dass seine Groß- und Urgroßeltern in Auschwitz waren. Dass er, der Vater, Jude sei, und Armin selbst auch“ (Anmerkung: halachisch war Langer zu diesem Zeitpunkt kein Jude!). Langer ärgert sich nicht über seine Eltern, weil sie ihm diesen Teil seiner Identität so lang verschwiegen haben. Ich verstehe sie“, meint der mittlerweile 23-Jährige. „Sie wollten mich schützen.“ Sopron, die ungarische Kleinstadt nahe der österreichischen Grenze, in der Armin unter 40.000 Einwohnern aufwuchs, empfanden die Eltern als kein geeignetes Pflaster, um offen jüdisch zu sein.“ (Zitat aus http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article126830813/Eine-juedisch-muslimische-Initiative-gegen-No-Go-Areas.html.). Mit 19 begann Armin Langer in Budapest Philosophie und Religionswissenschaft zu studieren. Er lernte die Rabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde kennen und engagierte sich dort in der Jugendarbeit – auch weil er als „Vaterjude“ akzeptiert wurde. Sonst gelten im Judentum, auch im deutschen liberalen, nur Kinder einer jüdischen Mutter als Juden. Bevor Langer seine Rabbinerausbildung in Deutschland aufnehmen konnte, musste er sich einem Glaubensgespräch mit Rabbinern unterziehen. Und er ließ sich beschneiden, um auch so seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk zu zeigen.“ (Zitat aus http://www.zeitzeichen.net/reportage/juedische-theologie-an-der-uni/). Seine Konversion vollzog Langer also im Schnellverfahren: ein Glaubensgespräch mit einem Rabbiner und die Zirkumzision. Merkwürdig, denn üblicherweise dauert die für patrilineare Juden, d.h. Kindern jüdischer Väter, durch die Allgemeine Rabbinerkonferenz erleichterte Vorbereitung zum Übertritt 18 Monate und länger. Normalerweise muss zunächst mindestens ein religiöser Jahreszyklus durchlebt werden, in dem der Kandidat zeigen muss, dass es ihm ernst ist.

  • Ben sagt:

    „Langer wundert sich außerdem, woher Broder die Weisheit nehme, ihn als Konvertit zu bezeichnen – da er ja jüdischer Abstammung sei.“

    Die Frage: Woher weiß Broder, dass Langer Konvertit sei?

    Die Antwort: „Erst als er 16 Jahre alt war, erfuhr er, dass der Vater Jude ist und ein Teil der Vorfahren von den Nazis ermordet worden war. Die Mutter entstammt einer römisch-katholischen Familie.“

    http://www.zeitzeichen.net/reportage/juedische-theologie-an-der-uni/

    Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten ist.

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