von am 14. April 2016
Liecke

Jugendstadtrat Falko Liecke, CDU (Foto: privat)

„Raus aus unserem Neukölln“, was sich erst einmal wie die Parole einer frisch gegründeten Bürgerwehr anhört, ist ein Statement des Neuköllner Jugendstadtrats und stellvertretendem Bezirksbürgermeister Falko Liecke (CDU). Dieser machte in einem Artikel der Huffington Post seinem Unmut über kriminelle Ausländer Luft. Ein Kommentar. 

Ausgangspunkt von Lieckes phrasenschwangeren Kommentars ist die Razzia gegen eine arabische Großfamilie, welche Montagnacht in mehreren Berliner Stadtteilen durchgeführt wurden. Liecke schildert innerhalb eines Absatzes sein Verständnis von Integration. Denn Schuld hat nicht die Gesellschaft, Schuld haben die Täter.

Was ist passiert?
In der Nacht zum 12. April gelingt der Berliner Polizei ein Ermittlungserfolg. Die Polizei nimmt mit Unterstützung des SEK acht Männer einer arabischen Großfamilie fest, welche in dringendem Tatverdacht stehen, an einem fehlgeschlagenem Auftragsmord und dem KaDeWe-Raub im Dezember 2014 beteiligt gewesen zu sein. Des Weiteren stehen die Männer im Verdacht des illegalen Waffenbesitzes.

What about Sachlichkeit?
Man kann es als sachlich bewerten, wenn sich ein Stadtrat über einen Ermittlungserfolg gegen das organisierte Verbrechen in seinem Bezirk freut. Unsachlich wird es jedoch, wenn eben jener Stadtrat den Festgenommenen attestiert, die Konfiszierung ihrer „Luxuskarossen“ würde sie mehr schmerzen „als der Aufenthalt in der JVA“.

Damals wurde Schmuck im Wert von über 800.000 Euro erbeutet. Mein erster Gedanke war: „Endlich sind die runter von der Straße“. Dass gleichzeitig auch Vermögenswerte beschlagnahmt werden – allen voran die teuren Luxuskarossen – tut denen vielleicht noch mehr weh als der Aufenthalt in der JVA. Gut so

– Falko Liecke in der Huffington Post

Integration abgehakt
Liecke nimmt die Leser seines Kommentars mit auf die Suche nach den Schuldigen für derlei Verbrechen. Die Suche ist schnell beendet. „Nicht die Gesellschaft ist Schuld – es sind die Täter“. Fehlende Integration als Ursache für Kriminalität, das kann der CDU-Stadtrat „nicht mehr hören“. Denn wer hier lebe, müsse sich auch an die Gesetze halten. Schluss, aus, Ende. Die Integrationsdebatte hört bei Liecke auf, bevor sie begonnen hat. Dass die Einhaltung von Gesetzen und Integration in die Gesellschaft miteinander einhergehen könnten, scheint Liecke nicht in Betracht zu ziehen. Was darauf folgt, ist eine Anpreisung von Lieckes eigens aufgesetzten und dennoch gar nicht so neuen Vorhaben, gegen jugendliche Intensivstraftäter härter und schneller vorzugehen.

Das muss unsere ganze Gesellschaft klar formulieren. Und auf die Verhaftungen durch die Polizei müssen klare und harte Strafen folgen. Die Justiz darf sich hier nicht durch Geschichten von der schweren Kindheit oder der Perspektivlosigkeit blenden lassen. Nicht die Gesellschaft ist schuld – es sind die Täter.

– Falko Liecke in der Huffington Post

Kein Falko-Liecke-Platz
Ja, Neukölln wehrt sich gegen Kriminalität, da sind sich hoffentlich die meisten hier lebenden Menschen einig. Vielleicht ist es gar nicht mal so schlecht, wenn sich Neukölln gleichsam gegen polemische Parolen von Lokalpolitikern wehrt, die den Wahlkampf ein bisschen verfrüht auf dem Rücken von Ermittlungserfolgen der Berliner Polizei betreiben wollen. Schließlich will Liecke die Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey bei der nächsten Wahl im Amt ablösen. Den „Falko-Liecke-Platz“ gibt es für reißerisch verfasste Kommentare bei der Huffington Post jedenfalls nicht. Schuld an diesem Kommentar trägt nicht die Gesellschaft – die Schuld trägt Falko Liecke.

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6 Kommentare:

  • Bla sagt:

    Mmh. Mal politische Voreingenommenheit beiseite: Was ist so falsch daran, dass die Einhaltung von Gesetzen gefordert wird? Ich halte es eigentlich für richtig, dass die Einhaltung von Gesetzen am Anfang der Integration steht und nicht am Ende. Ich halte es auch für einigermaßen richtig, dass ein Migrationshintergrund keine Ausrede für Kriminelle sein sollte.

    Wo ist jetzt genau euer Problem dabei?

    Man könnte auch sagen: Endlich mal jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt und eben nicht sachte im Wind hin und her schwurbelt wie andere BezirksbürgermeisterInnenkandidatInnen. Oder tut sowas dem hippen Neuköllner Lifestyle (sagt man das noch im hippen Neukölln?) zu sehr weh? Freut euch doch mal, dass die kriminellen Familienclans eins auf den Deckel kriegen. Die gehören nämlich nicht zu dem Neukölln, das ich mir vorstelle. Auch dann nicht, wenn man sie als Opfer der bösen Gesellschaft hinstellt.

  • neukoellner.net sagt:

    Liebes Bla,
    Schwerverbrecher haben tatsächlich sehr wenig mit einem hippen Lifestyle zu tun. Es ist gut wenn Schwerverbrecher „etwas auf den Deckel kriegen“. Integration und die Einhaltung von Gesetzen bedingen sich gegenseitig. Die Integration auszuklammern in dem man sagt, dass es einzig und allein die Schuld der Täter ist, hilft da nicht viel weiter – „Neukölln-wehrt-sich-Rufe“ auch nicht.
    Liebe Grüße,
    Torben

  • Anonymous sagt:

    Liebe neukoellner.net,

    wie immer, vielen Dank für die Antwort. Wir haben hier einen Dissenz, der sich offenkundig nicht auflösen lässt: Ich finde eben nicht, dass eine Bedingung für die Einhaltung von Gesetzen gestellt werden sollte. Und wer Morde in Auftrag gibt, Kaufhäuser ausraubt und mehrmals quer durchs StGB reitet – mit Verlaub: doch, der ist selbst schuld. Ich bin dagegen, immer alles auf „die Gesellschaft“ abzuwälzen.

  • Constantin Ungureanu sagt:

    Hallo Herr Lehning,
    früher war es üblich einen Kommentar bzw. eine Meinungsäußerung in einer Zeitung auch als solches zu deklarieren. Sie vermengen Bericht und Kommentar: das sollten Sie sich abgewöhnen, das ist kein professionelles journalistisches Handwerk. Vielleicht wurde der Grimme-Award doch zu Unrecht vergeben!
    Gruss
    Constantin

  • Karolin sagt:

    Lieber Constantin,
    Sie haben Recht: Meinungsstarke und kritische Stücke sollte man durchaus kennzeichnen. Das haben wir bei diesem Text nachgeholt. Danke für den Hinweis! Dem Autor allerdings seine journalistische Professionalität abzusprechen, weil er in seinem Kommentar Hintergrundinformationen liefert (und damit, wie sie es ausgedrückt haben, Bericht und Kommentar vermengt), finde ich persönlich übertrieben. Besonders für die Leser, die z.B. nicht mit den News um die Großrazzia vertraut sind, können ein paar Sätze und Links dazu durchaus hilfreich sein.
    Viele Grüße, Karolin (Redaktion)

  • sven sagt:

    „Ja, Neukölln wehrt sich gegen Kriminalität, da sind sich hoffentlich die meisten hier lebenden Menschen einig“ – ja, eigentlich alle, außer die Verfasser des obigen Artikels. Unprofessionell, parteiisch, kriminalitätsbeschönigend.

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