von am 16. September 2013

F-heimIn Britz soll ein Flüchtlingsheim gebaut werden, obwohl die rechte Szene dort besonders stark ist. Mit einer Infoveranstaltung wurde versucht, den Anwohnern Ängste zu nehmen. Politiker gaben sich beschwichtigend und machten einen Bogen um unangenehme Fragen.

Es ist bestürzend anzusehen, welchen Widerstand der Bau oder die Einrichtung von Asylbewerberheimen in Berlin derzeit aulöst. Zuletzt in Hellersdorf, wo es sogar zu gewaltätigen Übergriffen auf Demonstranten und Asylbewerber kam. In Britz will man es besser machen. Dafür setzt sich das Aktionsbündnis Britz ein und lud am letzten Donnerstagabend zu einer Informationsveranstaltung. Dass Rechtsextreme in Britz aktiv sind, ist hinreichend bekannt, weshalb zur Sicherheit ordentlich viele Polizeikräfte vor der Türen der Fritz-Karsen-Schule Präsenz zeigten. So idyllisch die kleinen Häuser der Hufeisensiedlung an diesem kalten Sommerabend auch aussehen, letztes Jahr wurde hier einer Familie die Scheiben eingeschmissen, weil sie die NPD keine Flyer in ihren Briefkasten werfen lassen wollte. Auch das Anton-Schmaus Haus der sozialistischen Jugendorganisation „Die Falken“ wurde letzten Jahr im Oktober erneut Ziel eines rechtsextremen Brandanschlags.

Gute Gründe zur Vorsicht, aber an diesem Abend bleibt alles friedlich. Fast etwas zu freundlich zeigen sich die Redner gar auf dem Podium und so wird vor allem ein Feuerwerk der wohlwollenden Bekundungen und guten Wünsche abgebrannt. Franz Allert, Präsident des Landesamts für Gesundheit und Soziales, erklärt, warum man in Berlin eine weitere Unterkunft für Flüchtlinge bauen muss. In Britz werden 400 Flüchtlinge erwartet, die in einer Gemeinschaftsunterkunft an der Späthstraße / Haarlemerstraße vorübergehend ihr neues Zuhause finden sollen. Diese soll den aktuellen Standards entsprechen, was heißen soll: 6 Quadratmeter Platz pro Erwachsener und 4 Quadratmeter pro Kind. Bernd Szczepanski, Neuköllner Stadtrat für Gesundheit und Soziales, versichert, dass sie sich dort wohlfühlen werden. Auch die Anwohner sollten unbesorgt sein, Müll, Lärm und steigende Kriminalität seien nicht zu befürchten, denn die Asylbewerber seien ja auch „ganz normale Menschen“, weiß Szczepanski. Eine „Willkommenskultur“ will er schaffen, meint aber, dass es gut ist, dass das Heim am östlichen Ende des Grundstücks Richtung Kanal und Autobahn gebaut wird. Die Anwohner sollten nicht durch Baulärm oder den Betrieb des Heims gestört werden, so die Begründung, die auch dem Beschluss der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung entspricht.

Politische Interessen im Vordergrund

Bei aller Notwendigkeit den Anwohnern ihre Angst und Vorurteile zu nehmen, bekommt man jedoch den Eindruck, als stünden von Seiten der Bezirkspolitik hauptsächlich eigene Interessen im Vordergrund. Was nicht nur gebaut, sondern politisch verändert werden muss, um eine Integration der Flüchtlinge zu ermöglichen, dazu wird nichts Konkretes gesagt.

Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin ist mit der einzige, der die trügerische Eintracht auf dem Podium stört. Gemeinschaftsunterkünfte weit ab von Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln hält er nicht gerade für integrationsförderlich. Er verweist auf den Mangel an richtigen Wohnungen, in die Asylbewerber langfristig ziehen sollten. Mietkosten als auch Asylbewerberzahlen seien gestiegen und die wenigen Wohnungen, die für Asylbewerber in Frage kämen, seien mit deren geringen Sozialleistungen nicht zu bezahlen. Andrea Schwendner vom Diakoniewerk sieht ähnliche Probleme. In Gemeinschaftunterkünften sei nicht viel Ruhe und Privatsphäre möglich, die die aus Kriegs- und Krisengebieten kommenden Flüchtlinge dringend bräuchten. Für die Ängste der Anwohner hat auch sie großes Verständnis und rät dazu den Kontakt zu suchen, sich interessiert und offen zu zeigen. Sie ist sich sicher, dass die 400 neuen Nachbarn genauso ängstlich sind, wie die Anwohner.

Integration bleibt außen vor

Von Integrationsmaßnahmen ist wenig die Rede. Glücklicherweise sind in der anschließenden Diskussion aus dem Publikum auch ein paar wenige kritische Stimmen zu hören. Man will wissen, was der Bezirk denn über den Bau des Heims hinaus zu tun gedenkt. Gibt es ein Rahmenprogramm für Integration und mehr Unterstützung für Schulen und Initiativen? Wer garantiert für die Sicherheit der Asylbewerber und der Anwohner vor rechter Gewalt? Und wie sieht es nochmal genau mit der Raumgröße und der Glaubwürdigkeit des privaten Betreibers aus?

Da alle diese Fragen gesammelt und dann auch zusammengefasst beantwortet werden, gibt es keine Details und keine wirkliche Diskussion. Herr Allert preist noch einmal die Ausstattung der Unterkunft und wirbt für die redlichen Absichten des Betreibers Pewobe. Herr Szczepanski versichert, dass die Polizei, wie ja auch heute abend, immer alles gut im Griff habe. Zweifel hat wieder nur Herr Claasen. Die private Firma Pewobe, die das Asylbewerberheim in Britz betreiben soll, hält er nicht sehr vertrauenswürdig, was die Ausstattung und Führung anderer Heime betrifft, die die Firma betreibt. In vielen Unterkünften gebe es zu wenig Kochmöglichkeiten für die Flüchtlinge, kein Internet und zu wenig Betreuungspersonal.

Bei den Britzer Bürgern sind die Flüchtlinge wirklich willkommen, so scheint es. Die Atmosphäre ist freundlich und voller konstruktiver Beiträge und Vorschläge. Man spürt, dass zumindest hier in der Aula der Fritz-Karsen-Schule eine Menge Menschen sitzen, die daran interessiert sind, dass es den Flüchtlingen in Britz gut geht. Was von Seiten des Bezirks und des Betreibers für deren Integration getan werden soll, bleibt jedoch vage. Und alle Fragen scheinen noch nicht beantwortet. Gegen Ende der Veranstaltung steht ein Mann auf und ruft ohne Mikro durch den Saal „wir haben jetzt immer noch nicht gehört, warum das Heim abseits neben der Autobahn gebaut werden soll?“ Eine Willkommenskultur sieht anders aus.

 

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